Vor drei Jahren nahm ich drei Anläufe zu Benjamin von Stuckrad-Barre und landete schliesslich bei Panikherz. Ich mochte das Buch und die Sympathie gilt – trotz der Schwierigkeiten mit einzelnen Werken – auch dem Autor. Er hat einen Schreibstil, der mir sehr zusagt. Salopp, originell und mit vielen hervorragend sitzenden Pointen. Vermutlich könnte er sogar das Telefonbuch auf so interessante Weise umschreiben und vortragen, dass ich zuhören würde (zumindest für den Buchstaben A).
«Panikherz» von 2016 war eine fesselnde Lektüre, aber wegen des Titels war ich überrascht, dass Udo Lindenberg bloss eine Nebenrolle spielte. In diesem autobiografischen Roman ist er eine wichtige Konstante, die sich vom Kindheitsidol zum Lebensretter entwickelt. Was mich angeht, ist Lindenberg auch eine Konstante. Ich kam ihm nie so nahe wie «Stucki», aber ich erinnere mich lebhaft an meine Udo-Phase in den 1980er-Jahren. Ich hatte mir damals Götterhämmerung gekauft und die Kassette rauf und runter gehört. Aus heutiger Sicht mutmasslich keine gute Wahl: Es gibt mit «Sie brauchen keinen Führer» zwar einen starken Song gegen Rechtsextremismus, den ich bis heute mitsingen könnte (und das an jeder Anti-AfD-Demo tun würde). Aber es gibt auch Songs wie «Nonnen» (den ich dummerweise auch mitsingen kann), der heute als Sexismus gebrandmarkt würde.
Der grössere Udo (als der andere)

Jedenfalls trat von Stuckrad-Barre rechtzeitig zu Udo Lindenbergs 80. Geburtstag an, um dem Mann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In Udo Fröhliche kommt der Ich-Erzähler kaum vor; es dreht sich alles um diesen Musiker, der im deutschsprachigen Rockgeschäft zu Recht eine herausragende Position einnimmt.
Das Buch lebt von der Sprache: locker, kalauerig und respektlos. Beim Umgang mit deutschsprachigen Wörtern könnten von Stuckrad-Barre und Lindenberg Brüder sein. Oder zumindest Halbbrüder, die in unterschiedlichen Milieus aufgewachsen sind – der eine im bildungsbürgerlichen Pfarrhaus, der andere in der kleinbürgerlichen Arbeiterprovinz. Jedenfalls wirkt Lindenbergs Sprachkreativität sich befruchtend auf Stuckis Fabulierfreude aus und im Hörbuch gelingt es ihm recht überzeugend, die Intonation seines Hauptdarstellers zu imitieren. Dass wirklich jeder Satz mit einem «ne?» endet, ist auf Dauer anstrengend. Auch wenn dieses Partikel, wie wir erfahren, eng mit dem Schweizerdeutschen «Odr» (oder) verwandt ist, das hierzulande auch häufig zu hören ist.
Hätten nicht vier Worte gereicht?
Wir lernen in «Udo Fröhliche» einiges über den fröhlichen Udo. Am Ende fragte ich mich trotzdem, ob ich ihn jetzt besser verstehe oder ihm irgendwie nähergekommen bin. Von Stuckrad-Barre insinuiert, das sei gar nicht möglich, weil er schlicht ein so grosses Unikat sei, dass sich kein brauchbarer Referenzpunkt herstellen liesse. Udo ist Udo, Punkt. Aber für ein Buch wäre diese Erkenntnis natürlich zu kurz gewesen.
Böse Zungen würden vielleicht sagen, dass ein anderer Autor das Meisterwerk vielleicht geschafft hätte. Denn ja, «Udo Fröhliche» ist weniger klassische Biografie als vielmehr Essay. Von Stuckrad-Barre wagt eine Annäherung, schafft einen Resonanzraum. Er tut das nicht chronologisch, sondern thematisch, und springt im Lebenslauf des Künstlers vor und zurück. Auf den ersten Seiten fand ich das inspirierend. In der zweiten Hälfte des Buchs wünschte ich mir eine geradlinigere Erzählweise. Und ohne Udo selbst zu kennen, frage ich mich, ob die Abgründe nicht mit mehr Distanz hätten betrachtet werden müssen. Udo nennt seine Alkoholsucht eine Beziehung mit Lady Whisky. Das passt zu ihm und wie er diese Beziehung überwand, entspricht der Erzählung. Das heisst nicht, dass der Biograf sich diese Sichtweise zu eigen machen muss.
Ohne Udo gäbe es in Deutsch noch immer nur den Schlager
Die zentralen Stationen werden jedenfalls abgeklappert: der frühe Erfolg, zuerst mit englischsprachiger, dann mit deutschsprachiger Musik; Lindenbergs Rolle bei der Befreiung der deutschen Pop- und Rockmusik vom Schlager und vom Nachkriegstrauma; seine Bedeutung für eine deutsche Popkultur, die plötzlich nicht mehr steif, peinlich oder nach Marschmusik klang. Von Stuckrad-Barre erklärt eindringlich, wie Lindenberg seinen Kollegen wie Marius Müller-Westernhagen den Weg ebnete.
Und der Autor feiert das Comeback. Er tut das in einer Süffisanz, wie Lindenberg sie sich hundertprozentig verdient hätte. Die Preise fürs Lebenswerk waren verteilt, als Lindenberg zum zweiten Mal einschlug.
Fazit: Udo hat sich dieses Denkmal verdient. Für Zeitzeugen – so wie mich – ist es eine hervorragende Gelegenheit, in Nostalgie zu schwelgen. Es ist auch klar, dass diese Ära nie wieder zurückkommen wird. Zumindest nicht, solange das Streaming und die Tiktokability eines Songs über dessen Erfolg entscheidet. Ich freue mich über diese Gelegenheit, den Mann wiederzuentdecken. Und festzustellen, dass er mir lieber ist als manche andere deutsche Pop-Institution.