Eine Hand hält ein Smartphone mit einem Bildschirm, der Optionen zur Verwendung der Zwischenablage anzeigt, während ein unscharfer blauer Monitor im Hintergrund sichtbar ist.
Wenn es um den sauberen Textumbruch geht, ist das System hinten (MS-DOS, ausgeführt via pcjs.org), dem System vorn meilenweit voraus.

Schreck, lass nach! Das iPhone ist dümmer als MS-DOS

Eine simple An­ge­le­gen­heit, die mit den Text­ver­ar­bei­tungen der 1990er-Jahre ein Klacks war, er­weist sich am iPhone als un­lös­ba­re Heraus­for­de­rung: Wie Apple am be­ding­ten Trenn­strich schei­tert und was uns das über den Gang der Soft­ware­ent­wick­lung sagt.

Dieser Blogpost entspringt meinem Unverständnis. Man könnte auch sagen: meiner Fassungslosigkeit. Oder sogar: meiner Empörung.

Nun erwartet ihr natürlich einen epochalen Knaller, einen Skandal von globaler Tragweite. Leider geht es gewissermassen um das Gegenteil. Nach den üblichen Massstäben handelt es sich um eine Nichtigkeit, und viele Leute – solche, die dieses Blog hier nicht lesen – werden verständnislos den Kopf schütteln. Aber aus Sicht einer Person, die ihre Technik gern selbstbestimmt benutzen möchte, besitzt diese banale Angelegenheit symbolische Sprengkraft. Ich und mit mir die ganze Menschheit scheitern an etwas, das eine Selbstverständlichkeit sein muss.

Das Corpus Delicti ist der bedingte Trennstrich. Er verrichtet seinen Dienst demütig und ungesehen. Er kommt nur zu besonderen Anlässen zum Vorschein. Nämlich dann, wenn es die Textverhältnisse nicht zulassen, dass ein Wort in voller Länge angezeigt wird, oder es eine unschönen Lücke im Schriftbild hervorrufen würde.

Nein, das ist keine sinnlose Pedanterie!

Das klingt nach typografischer Pedanterie, ist aber im Gegenteil von kulturtragender Bedeutung. Gerade im Deutschen haben wir lange Wörter, die in schmalen Spalten unschön laufen oder das Schriftbild sprengen. Wer in einem Redaktionssystem, einem Blogpost oder einem Word-Dokument ein bisschen Sorgfalt walten lässt, möchte solche Zeichen unkompliziert einfügen können.

Am richtigen Computer ist das kein Problem, dort ist die Eingabe seit Urzeiten möglich¹. Bei Microsofts Betriebssystem verwenden wir einen Windows-Alt-Code: Alt-Taste gedrückt halten und auf dem Ziffernblock 0173⁣tippen – fertig. Beim Mac ist es genauso einfach: In vielen Anwendungen funktioniert Command - (Bindestrich). Ansonsten verwenden wir das Panel Emoji & Symbole. Das rufen wir per Tastatur über Fn e auf. Via Suchfeld und der Eingabe soft hyphen gelangen wir ans Ziel.

Aber wie macht man das am iPhone?

iOS hält keinen Mechanismus für die Eingabe solcher Steuerzeichen bereit. Die einfachste Methode besteht darin, nach der englischen Bezeichnung «soft hyphen» zu googeln und das Zeichen z. B. von unicode-explorer.com zu kopieren. Nur ist das absurd umständlich. Ich möchte das Zeichen ohne Verrenkungen zur Verfügung haben, auch wenn ich offline bin.

Egal wie – das iPhone will nicht

Screenshot einer App zur Textersetzung. Die Benutzeroberfläche zeigt Felder für «Text» und «Kurzbefehl» sowie einen Button zum Speichern. Hintergrund ist hell und schlicht gehalten.
Der Kurzbefehl fügt das unsichtbare Zeichen ein – aber nicht, wenn es mitten in einem Wort platziert werden muss.

Ein naheliegender Versuch besteht darin, das Zeichen in den Einstellungen bei Allgemein > Tastatur > Textersetzung zu hinterlegen. Wir definieren einen Code wie &&, den das iPhone bei der Eingabe durch das gewünschte Zeichen ersetzt.

Dummerweise funktioniert das nicht. Die Textersetzung greift nicht, wenn der Code mitten in einem Wort steht – d. h. dort, wo der bedingte Trennstrich hingehört. Damit die Ersetzung ausgelöst wird, braucht es vorher und nachher ein Leerzeichen. Das macht die Sache wiederum mühsam: Wir müssten erst Leerzeichen einfügen, den Code und ein Leerzeichen tippen und anschliessend die überflüssigen Leerzeichen löschen. Und da das eigentliche Zeichen unsichtbar ist, besteht die Gefahr, das versehentlich ebenfalls zu entfernen².

Nächste Idee: Wir lassen den Code zunächst im Text stehen. Am Ende kopieren wir ihn in die Zwischenablage und starten einen Kurzbefehl, der sämtliche Codes durch den bedingten Trennstrich ersetzt und die bereinigte Fassung in die Zwischenablage legt. Umständlich, aber besser als nichts.

Das Bild zeigt eine Übersicht von mathematischen Symbolen und spezifischen Zeichen auf einem Bildschirm. Die Symbole sind in runden Tasten angeordnet, darunter auch Funktionen zur Auswahl und Prüfung.
Pickchar fügt Sonderzeichen wie den bedingten Trennstrich rechts oben in die Zwischenablage ein und prüft Texte auf solche Zeichen.

Nur: Auch dieses Verfahren bleibt auf halber Strecke stecken. Selbst als ich einen Handstand vollführte, weigerte sich das iPhone, das unsichtbare Zeichen in den Kurzbefehl einzufügen: Es kommt als Leerzeichen an. Beim Versuch, den Kurzbefehl via Mac einzurichten – er wird per iCloud synchronisiert – landen zwei normale Trennstriche im Eingabefeld.

Denkt hier jemand an die Typografie?

Fazit: Ein kompletter Fehlschlag³. Wie schon früher festgestellt, ist es Apple nicht gelungen, die Eingabemöglichkeiten von iPhone und iPad auf das Niveau der Desktop-Betriebssysteme zu heben. Zugegeben, die virtuelle Tastatur eröffnet besondere Herausforderungen. Dennoch: Eine Eingabemöglichkeit nicht bloss für Emoji-Liebhaber, sondern gleichermassen für Freundinnen der gepflegten Typografie ist nicht zu viel verlangt.

Und wenn ihr mir diese Bemerkung gestattet: Bei aller Euphorie über künstlich intelligente Agenten, die unsere banalsten Ergüsse layouterisch in Coffetable-Book-Ästhetik aufwerten, sollten wir die Grundlagen nicht vernachlässigen. Denn wenn die KI mal offline ist – selbst nur für ein paar Stunden –, sind wir froh, wenn wir unseren Text von Hand anständig in unser Programm hineinbekommen.


Nachtrag vom 30.6.2026

Nico lässt mich auf Mastodon wissen, er habe eine App genau für diesen Zweck geschrieben: «Umständlich, unbefriedigend, aber mir manchmal nützlich.»

Diesen Tipp gebe ich gern weiter: Pickchar, kostenlos im App Store

Fussnoten

1) Im Titel behaupte ich, beim bedingten Trennstrich sei MS-DOS seinerzeit weiterentwickelt gewesen als heute iOS und iPad OS. Zugegeben, ausprobiert habe ich das nicht. Ich beziehe mich bei dieser Behauptung auf Wikipedia. Dort sind die ISO-Zeichendefinitionen aufgeführt, in denen der Trennstrich hinterlegt war, u. a. ISO/IEC 8859-1 und Code page 850. Die stammen von Mitte der 1980er-Jahre. Wie die Timeline of DOS operating systems verrät, war damals MS-DOS nicht einmal auf dem Markt; wir hatten es noch mit IBM PC DOS zu tun. Ich erwähne MS-DOS 3.31, weil das manche von euch eher kennen als PC DOS (mir geht es so).

Aber: In der Anleitung für Wordperfect 6.0 von 1993 (PDF) findet sich eine ausführliche Anleitung zur schönen Trennung. Auf Seite 236 sind die bedingten Trennzeichen beschrieben. Darum dürfen wir hier einen Rückschritt um vier Jahrzehnte konstatieren.

2) Es funktioniert mit der Ersetzungsfunktion einer alternativen Tastatur, nämlich mit Swiftkey von Microsoft. Ich mache mir tatsächlich die Mühe, zu dieser zu wechseln, wenn ich solche Sonderzeichen eingeben will – aber das ist ein Problem, das ich gern mit Bordmitteln lösen würde!

3) Wenn wir in einem Kontext arbeiten, in dem HTML ein Thema ist, ziehen wir uns elegant aus der Affäre, indem wir die passende HTML-Entity verwenden. Sie heisst ­, lässt sich im Word­press-Editor eingeben und wird in aller Regel korrekt dargestellt – allerdings nicht immer, und man würde lieber mit dem Unicode-Zeichen arbeiten.

Und falls euch eine weitere – vielleicht sogar funktionierende – Methode einfällt, freue ich mich über eine Rückmeldung via Kommentar.

Kommentar verfassen