Eine Frau in weisser Arbeitskleiung betrachtet Filmstreifen. Im Hintergrund sind Regale mit weiteren Filmrollen zu sehen. Auf dem Tisch liegt Werkzeug für die Filmbearbeitung.
Wie sie die Streifen zusammenschnitt, kann sich heute noch sehen lassen (Wikimedia, CC0).

Ein Podcast soll keine Anklage sein

Der Podcast «Influ­en­ce­rin des Bösen» kap­ri­ziert sich auf das Of­fen­sicht­liche: Ja, Leni Rie­fen­stahl hat sich als Meisterin der fil­mi­schen Pro­pa­gan­da in den Dienst des Na­tional­so­zia­lis­mus gestellt. Leider ver­wei­gert er sich der Ein­sicht, dass dabei gross­ar­tige Kunst ent­stand.

Tragendes Bild mit Text: Eine Frau mit ausdrucksvollem Gesicht im Vordergrund, beschriftet als «Influencerin des Bösen». Im Hintergrund eine schemenhafte Figur in historischer Uniform.
Eine verpasste Chance: Dieser Podcast klagt an, statt aufzuarbeiten.

Ein Podcast, der demonstriert, wie Podcasts scheitern. Manchmal schon beim Namen. Die fünfteilige Serie, die der innerhalb der Podcast-Reihe Alles Geschichte abhält, heisst Influencerin des Bösen (RSS iTunes, Spotify): So knackig und fassbar er für ein junges Publikum sein mag, so falsch und verharmlosend ist er gleichzeitig. Die Frau, um die es geht, sass nicht tiktokend an ihrem Küchentisch. Sie wollte niemandem ein Gesichtspeeling oder Stützstrümpfe andrehen. Stattdessen liess sie die Nationalsozialisten strahlen.

Zweiter Grund des Scheiterns: Die Weigerung, Ambivalenz zuzulassen. Denn Podcasts sind das Medium, das wie kein anderes davon lebt.

Vor allem, wenn wir einer Frau nahekommen, bei der uns die Ambivalenz schon bei ihrem Namen anspringt. Der Vorname, Leni, klingt freundlich und weich. Er wird unerbittlich durch den harten Nachnamen Riefenstahl kontrastiert. Das erinnert an jenen Kruppstahl, mit dem Hitler seine Soldaten verglich. Die Riefe ist laut Lexikon eine feine Rille auf einer glatten Oberfläche. Doch das Wort klingt auch ein wenig wie ein Märchen der Brüder Grimm, bei dem sich ein Zwerg eine unzerstörbare Rüstung schmiedet. So, wie der Schutzpatzer, den Leni Riefenstahl im Podcast trägt und zur Schau stellt.

Die Star-Regisseurin und Lebenslügnerin

Er hält die Schuldfrage fern. Wir erleben die Protagonistin im Podcast als Meisterin der Lebenslüge. Die Autorin Katja Paysen-Petersen stöberte im Nachlass von Leni Riefenstahl viele Tonbänder und Originalaufnahmen auf, die teilweise zum ersten Mal zu hören sind.

Leni Riefenstahl war die Hof-Regisseurin von Adolf Hitler und der NSDAP. Ihr Stil prägte Regisseure wie George LucasTarantino und Ridley Scott, auch wenn nicht alle diesen Einfluss an die grosse Glocke hängen.

Sie erfand visuelle PR. Die Frau erkannte, wie sehr sich der Faschismus für bombastische Inszenierungen eignet, wie eindrücklich wehende Hakenkreuzfahnen, geschmückte Häuser, stramme, uniforme Menschenmassen und hitlergrüssende Untertanen sich auf der Kinoleinwand machen.

«So viele Paraden, so viele Verpflichtungen»

Und ja, es wirkt sturköpfig bis borniert, wenn Riefenstahl ein ums andere Mal erklärt, sie habe keinen einzigen ihrer Filme wirklich drehen wollen. Sie hätte keine andere Wahl gehabt, ausser bei Olympia, dem Film über die Olympischen Sommerspiele 1936. Aber für den seien nicht die NSDAP und Goebbels zuständig gewesen, sondern das IOC. Paysen-Petersen widerlegt diese Schutzbehauptung sogleich und spielt Szenen ein, in denen Riefenstahl ihre Begegnungen mit Hitler schildert – ein fast schon romantischer Spaziergang am Nordseestrand. Oder hier, wo sie wie ein verliebtes Schulmädchen klingt, als sie den Führer bezirzt, ihren Film an seinem Geburtstag uraufzuführen:

«Ich sage, es gäbe einen Termin, habe ich gesagt, der gut wäre, ihr Geburtstag. [Der 20. April. Hitlers 49. Geburtstag. Perfekt für die Premiere von «Olympia».] Da guckt er mich fassungslos an. Fassungslos. Und sagt zu mir, ja, aber da habe ich doch so viel Paraden und so viele Verpflichtungen, sagt er. (…) Wissen Sie was, das ist gar keine so schlechte Idee. Machen wir es an meinem Geburtstag.»

Das ist so verräterisch, wie es nur sein kann. Aber die Autorin lässt nichts einfach so stehen. «Man darf ihr einfach nichts glauben», sagt sie. Am Ende der Reihe, in der fünften Folge, erklärt sie ihre Mission:

Ehrlich gesagt, ich habe ein kleines bisschen gehofft, dass ich vielleicht doch eine «Smoking Gun» finde, irgendwo ganz versteckt auf den Bändern. Irgendein Geständnis von ihr vielleicht. Irgendwas, wo man sie sagen hört: «Ich war Nationalsozialistin, ich habe ein Verbrechen begangen.»

Wenn wir bei den Lügen sind – nein, Katja Paysen-Petersen hat das nicht «ein kleines bisschen gehofft». Im Gegenteil, sie steckt bis zum Hals in der Rolle der Anklägerin. Das ist offensichtlich sinnlos. Riefenstahl ist seit 24 Jahren tot. Man hat ihr strafrechtlich keine Verbrechen nachgewiesen. Die «Welt» legte 2022 dar, wie die Hitler-Regisseurin es schaffte, «entnazifiziert zu werden»:

Zwar wurde sie in dieselbe Kategorie eingestuft wie etwa 1,3 Millionen weitere Deutsche in den Westzonen, während nur etwa 2500 frühere Nationalsozialisten als «Hauptschuldige» beurteilt wurden und knapp 30’000 als «Belastete» (was Riefenstahl angesichts ihrer Tätigkeit wenigstens gewesen war). Doch die fraglos mit einem genialen Blick für Bildkomposition und Kameraperspektiven gesegnete ehemalige Tänzerin und Schauspielerin konnte trotz ihres faktischen Freispruchs nicht wieder in ihren Beruf als Regisseurin zurückkehren. Ihre Nähe zu Hitler und Goebbels blieb an ihr haften.

Die (meines Wissens) grösste juristische Angriffsfläche bot Riefenstahl bei den Dreharbeiten des Films «Tiefland», als sie einhundert Sinti aus dem NS-Zwangslager Maxglan zwangrekrutierte. Auch in diesem Bereich dokumentiert der Podcast eindrücklich das Talent der Regisseurin, diese Situation in ein harmonisches, freundschaftliches Verhältnis mit den vermeintlichen Schauspielerinnen und Schauspielern umzudeuten.

Die entscheidenden Fragen werden erst gar nicht gestellt

Wenn schon keine juristische, dann wenigstens eine moralische Verurteilung – das wollte Katja Paysen-Petersen erreichen. Aber die Rolle der moralischen Anklage steht Podcastern und Podcasterinnen, wie früher festgestellt, nicht gut an. Und hier führt es dazu, dass Katja Paysen-Petersen die spannenden und interessantesten Fragen erst gar nicht stellt.

Vor allem diese Frage: Kann es sein, dass Riefenstahl so in ihren Bildern und Inszenierungen lebte, dass sie diese nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden konnte? Wenn ich die Ambivalenz zulasse, die schon in Lenis Namen steckt – in diesem Stahl, der nicht nur Rillen, sondern tiefe Kratzer aufweist –, dann halte ich das nicht nur für möglich, sondern auch für jene Erzählung, die uns alle mehr über das Menschsein lehrt. Wenn wir mit einem solchen Talent gesegnet (oder verflucht) gewesen wären, hätten wir es nicht auch ausgelebt und den Preis dafür klein- oder schöngeredet?

Daniel Kehlmann lässt uns in die Welt eintauchen, in der solche Filmemacher leben. In Lichtspiel geht es um einen anderen Regisseur (G. W. Papst), aber um die genau gleichen Fragen. Es gibt in diesem Buch eine eindrückliche (fiktive) Szene, in der Papst mit seinem Kamerakran über die Massen von Komparsen fährt, die für einen fiktiven Film wie «Tiefland» zwangsrektrutiert wurden. Und bereits im grossartigen Einstieg im Buch erleben wir mit, dass es nach einem langen Leben womöglich keine böse Absicht ist, wenn sich Wirklichkeit und Fiktion nicht mehr trennen lassen – als der schwer demente Protagonist an einer Fernsehsendung teilnimmt und sich mit den ewig gleichen Anekdoten über die Runden rettet, obwohl er sich nicht mehr an alle Pointen erinnert.

Lutz Kinkel, Autor des Buchs Die Scheinwerferin über Riefenstahl, brachte das Dilemma 2002 beim Schweizer Radio auf den Punkt:

Riefenstahl selbst hat bewiesen, dass man in einer Diktatur grosse Kunst veranstalten kann. Sie hat gezeigt, dass das «Böse» auch schön sein kann. Riefenstahl ist zweifellos eine bedeutende Filmautorin, Regisseurin und Filmkünstlerin.

Das gilt es auszuhalten.

Ein Kommentar zu «Ein Podcast soll keine Anklage sein»:

  1. Eben erst hab ich mir ebenfalls einen zweiteiligen Podcast zu Leni Riefenstahl angehört. Er ist vor einem Monat veröffentlicht worden: WAS BISHER GESCHAH heisst er. Darin sprechen Geschichtsjournalist Joachim Telgenbüscher und Historiker Nils Minkmar über die Dramen, Triumphe, Ereignisse und Persönlichkeiten der Geschichte, die unsere Welt geprägt haben und bis heute beschäftigen (so die Inhaltsangabe auf der Website). Er wird meiner Meinung nach der Person von L.R. in all ihren Facetten so gerecht wie möglich. Sehr empfehlenswert, sowohl dieser als auch die weiteren Podcasts der beiden Herren. Mit freundlichen Grüßen, E. Zimmermann

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