Kinderbücher sollten den Kindern gefallen. Wenn sie das Herz von uns Erwachsenen erfreuen, dann ist das ein willkommener Bonus – vor allem dann, wenn uns die schöne Rolle des Vorlesers zufällt. Zu meiner Freude ist das noch immer der Fall. Und deswegen habe ich einen Tipp für eine Buchreihe, an der meine Tochter genauso Spass hat wie ich.
Es handelt sich um die Buchreihe zur «Stadt der bösen Tiere»¹ von Gina Mayer. Sie umfasst vier Bände, von denen wir bisher die ersten beiden erzählt haben: Die Burg und Die Rettung.
Schon wieder eine Schule mit Tieren?
Der erste Impuls ist natürlich, einen Abklatsch von (der früher empfohlenen) Erfolgsserie Die Schule der magischen Tiere zu vermuten (zumal hier ein Internat eine Rolle spielt). Die gibt es seit 2013, und wenn sie nicht als Inspiration diente, so konnte die Marketingabteilung des Verlags der Versuchung nicht widerstehen, im Windschatten des Millionensellers zu segeln.


Doch die Bedenken verfliegen bereits beim ersten Kapitel. Gina Mayer erzählt eine eigenständige Geschichte, die das Vorbild (wenn es denn eines war) zügig hinter sich lässt. Sie zeichnet sich durch eine Ernsthaftigkeit und Tiefe aus, wo in Margit Auers Welt eher Lockerheit und Berechenbarkeit zählen.
Lizard ist eine Hauptfigur, die wie ihre Heimatstadt Detroit vom Leben gebeutelt wurde. Ihre alkoholkranke Mutter verschwand früh aus ihrem Leben und ihr Vater war niemals anwesend. Am Anfang des ersten Buches sind ihre kleine Schwester und ihr älterer Bruder dabei, sich aus ihrer Sphäre zu verabschieden. Esmeralda zieht mit ihren Eltern nach New Orleans und auch Gabriel will seine Polizeikarriere anderswo verfolgen.
Als ob das nicht genug wäre, wird Lizard auch von ihrer Ersatzfamilie verstossen. Mike wirft sie aus seiner Boxschule, weil ein Wichtigtuer es nicht verwinden konnte, dass Lizard ihn im Kampf besiegte und sich mit einer Intrige rächte.
Sentimentalität ist nicht ihr Ding
Mayer schildert diese beklemmende Situation ohne Sentimentalität, und ihre Lizard ist eine 14-Jährige, die keinen Hang zum Selbstmitleid hat. Sie kennt nur den Weg nach vorn. Mit dieser Haltung taugt sie wunderbar als Vorbild für unsere Kinder – vor allem die Töchter, aber ich bin überzeugt, dass auch viele Söhne Spass an einer weiblichen Heldin haben, die das Herz am rechten Fleck und keinen Sinn für oberflächliche Spielchen hat. Was ihre Waghalsigkeit angeht, würden wir Väter und Mütter dazu neigen, ihren Modus Operandi nicht direkt zur Nachahmung zu empfehlen.
Doch der Geschichte ist diese Eigenschaft natürlich zuträglich – ebenso die Tatsache, dass Mayer weiss, wie man sie erzählt. Mich liess das Schicksal der jungen Frau mit den grünen Haaren, ihrer Schwester und sympathischen Nebenfiguren wie dem plapperigen Sprachlehrer Mr Sommerfield genauso wenig kalt wie meine Tochter. Mir gefällt ausgezeichnet, wie Gina Mayer im ersten Band eine Ambivalenz zwischen vermeintlich gut und vermeintlich böse aufbaut. Wie Lizard wissen Leser und Zuhörerinnen nicht, woran wir sind. Natürlich taugt diese Ambivalenz hervorragend als Lektion fürs Leben: Mit wem man sich einlässt, ist oft schwierig zu erkennen. Was die Leute sagen, muss nicht die Wahrheit sein. Und selbst ihre Taten sind ohne den ausreichenden Kontext nicht immer richtig einzuordnen.
Ein Bösewicht vom Format eines US-Präsidenten
Was mir obendrein gefällt, ist der unprätentiöse Multi-Kulti-Ansatz. Es gibt eine Figur namens Ezekwesili, die ein Tribut an Oby Ezekwesili sein dürfte. Und weder Mensch noch Tier lassen sich im Buch anhand der üblichen Stereotypen als gut oder böse einordnen. Diese Lektion, dass man das immer anhand des Einzelfalls entscheiden muss, ist ebenfalls hilfreich fürs Leben. Schliesslich gibt es ab und zu Anspielungen nur für uns Erwachsene: Der egomanische Schneetiger Raj lässt sich als Donald Trump deuten, zumal Lizards Freund Taiyo unmissverständlich sagt, dass man mit dem keine Deals machen soll.
Fazit: Eine Buchreihe, die ich sehr gern empfehle – für Kinder ab acht bis neun Jahren.
Kurz noch etwas zur Geschichte, ab hier mit Spoilern: Die eigentliche Handlung setzt ein, als Lizard feststellt, dass sie empfänglich für telepathische Botschaften einiger Tiere in ihrer Umgebung ist. Die helfen ihr, sich aus der Falle ihrer intriganten Boxclubkollegen zu befreien. Sie gehört wie ihre Schwester zu den Auserwählten, weil sie mit den Tieren kommunizieren kann. Die haben mitten in Detroit ein geheimes Hauptquartier, in dem sie den Aufstand gegen die Menschen planen. Die sollen gezwungen werden, ihre unterdrückerische Haltung gegenüber den Tieren aufzugeben und eine kooperative Beziehung einzugehen. Doch Lizard merkt schnell, dass diese tierische Befreiungsfront in zwei Fraktionen zerfallen ist. Die einen nennen sich «die guten Tiere» und die anderen «die bösen», aber ob man dieser Selbstbezeichnung glauben darf, wird sich erst zeigen müssen.
Fussnoten
1) Gina Mayer ist offensichtlich eine Vielschreiberin. Auf ihrer Website sind mehr als zwei Dutzend Jugendbücher, zehn Romane und gute drei Dutzend Kinderbücher aufgeführt. Angesichts dieses umfangreichen Werks ist mir erst während dieser Rezension aufgefallen, dass es sich bei der Serie «Stadt der bösen Tiere» gewissermassen um die zweite Staffel handelt. Die erste ist die Reihe «Internat der bösen Tiere», in der 2020 die erste Folge Die Prüfung erschien, gefolgt von Die Falle und vier weiteren Iterationen. Die bislang letzte heisst Die Entscheidung und stammt von 2022.
Es ist zum Glück kein Problem, wenn man, wie wir, bei der zweiten Staffel einsteigt. Die Ereignisse sind auch ohne das «Prequel» verständlich. ↩