Peter Thiel gehört zu den grauen Eminenzen der Tech-Branche. Diese kündigen nicht wie Tim Cook neue Produkte an und tanzen nicht wie Elon Musk öffentlich auf den seltsamsten Hochzeiten. Sie schreiben keine Schlagzeilen, sondern ziehen lieber hinter den Kulissen ihre Fäden. Wie gross ihr Einfluss ist, können wir nur erahnen. Zu den weiteren Eminenzen zählen John Doerr, Marc Andreessen und Reid Hoffman. Und Larry Ellison sowie Eric Schmidt fallen mir ein. Um diese Liste soll es indes in einem anderen Blogpost gehen.
Der erstgenannte konnte sich der Berichterstattung nicht völlig entziehen. Im Windschatten von Donald Trumps Aufstieg erlangte er einen gewissen Bekanntheitsgrad. Die meisten von uns dürften wissen, dass er irgendwie mit Elon Musk verbandelt ist oder war. Wahrscheinlich fällt uns das Unternehmen Palantir ein. Und der Name JD Vance.
Journalisten und Bloggerinnen im Tech-Bereich müssen es genauer wissen. Ebenso Menschen, die ein vertieftes Verständnis fürs Zeitgeschehen anstreben. Schliesslich sollten sich diejenigen Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Peter Thiel beschäftigen, die in den sozialen Medien gern Komplotte geheimer Mächte anprangern.
Seht her, eine wahre Verschwörungstheorie!
Denn in Thiels Umfeld finden solche konspirativen Vorgänge tatsächlich statt. Er geniesse Verschwörungen richtiggehend, erklärt uns sein Biograf Max Chafkin in diesem Podcast, der uns mit dem Werdegang und der Gedankenwelt Thiels vertraut macht. In Folge vier (Der Rächer) zettelt er, Thiel, ein Komplott gegen das US-amerikanische Blogportal Gawker an, und zwingt es in die Knie.

Der Podcast, um den es hier geht, heisst Die Peter-Thiel-Story. Er stammt vom Deutschlandfunk (RSS, iTunes, Spotify). Er hat sechs Teile und stammt von Fritz Espenlaub (übrigens, wie cool ist denn dieser Name!). Der erste Teil (Willkommen im Thielverse) geht in medas res: Er zeigt auf, wie der Protagonist mit der Trump-Regierung verbandelt ist und der Stimmungsumschwung seinen Lauf nahm. Espenlaub nennt das auf gut US-amerikanisch Vibe shift. Die Diversitätsprogramme, Gleichberechtigung, Faktenchecks bei Facebook. Diese Dinge sind im Lauf des letzten Jahres grossflächig verschwunden, selbst wenn schon Ende 2024 absehbar war, dass der Idealismus der Blumenkinder im heutigen Silicon Valley nichts mehr verloren hat.
Der alleinige Strippenzieher?
Eine Frage liegt auf der Hand: Ist diese Veränderung gesellschaftlich breit abgestützt? Oder treiben wenige Figuren sie voran? Ist gar Thiel allein dafür verantwortlich?
Und nein, natürlich macht es sich der Podcast nicht so einfach, eine singuläre Ursache zu postulieren – dann würde ich ihn nicht empfehlen. Es gibt diverse Gründe, warum der Liberalismus heute nicht mehr zündet. Zu einem gewissen Grad kann das jeder nachfühlen: Wir erleben diesen rasanten Fortschritt, sind mit den sozialen Medien und künstlicher Intelligenz konfrontiert. Dennoch oder gerade deswegen wird das Leben nicht einfacher, sondern schwieriger. Ständ brechen neue Konflikte auf und die Verständigung zwischen Politik, Medien, Unis und Wirtschaft wid immer schwieriger. Es liegt nahe, grundsätzliche Fragen zu stellen – selbst wenn viele von uns nicht auf die Idee verfallen, das Heil in autoritären oder technokratischen Alternativen zu suchen.
Thiel ist in dieser Lage eine Art Katalysator: Er sagt unverblümt, die Demokratie habe ausgedient. Er dockt bei alten Ideen an – bei Ayn Rand etwa, der Autorin von The Fountainhead und Atlas Shrugged. Wie es im Podcast dazu heisst:
Selbstsucht ist eine Tugend. Mitgefühl ist Schwäche. Jeder ist sich selbst der Nächste. Rand ist quasi die Mutter aller modernen Contrarians. Ayn Rand selbst hat das Ganze in einem Interview 1959 so erklärt: «I am primarily the creator of a new code of morality which has so far been believed impossible.» Sie sei die Begründerin einer neuen Moral.
Diese Logik des Egoismus ist vielen von uns fremd. Manchen leuchtet sie umso mehr ein. Adam Curry verwendete (und verwendet vermutlich bis heute) in seinem «Noagenda»-Podcast einen Jingle zu «Atlas Shrugged» als eine Art libertäre Fanfare. Diese Basis bewirtschaftet Thiel – mit einem kohärenten Deutungsangebot und mit gezielter Förderung von Verstärkern seiner Botschaft.
Mit dem jungen Thiel hätten wir uns gut verstanden
Fazit: Ein empfehlenswerter Podcast, der uns dieser grauen Eminenz so nahebringt, wie es bei einem so zurückgezogen agierenden Mann möglich ist. Die hochwertige Produktion macht diese Annäherung zu einer unterhaltsamen Sache. Und mir gefällt die Haltung des Hosts. Fritz Espenlaub sagt:
Die Highschool-Zeit erlebt Peter Thiel dann schon in den USA. Dort ist er ohne viel Aufwand Klassenbester. Und anders als die anderen Nerds tut er gar nicht so, als würde er sich für Sport oder Mädchen interessieren. Peter Thiel ist damals so nerdig, wie es nur irgendwie geht. Er liebt Fantasy und Science-Fiction. Er spielt Dungeons and Dragons und Computerspiele. Ich glaube, ich hätte mich mit dem jungen Thiel ziemlich gut verstanden, weil ich so ziemlich dieselben Hobbys hatte. Nur beim Schach hätte er mich wahrscheinlich abgezockt.
Er zeichnet seinen Protagonisten nicht als Dämon, sondern bringt zum Ausdruck, was an ihm auf der intellektuellen Ebene fasziniert. Eine Verklärung wird daraus nicht. Er bewahrt die journalistische Distanz – was womöglich einfacher war, weil ihm kein Interview gewährt wurde. Ist Thiel gefährlich? Ich zitiere als Antwort das Ende des Podcasts. Ein Spoiler. Ich empfehle nachdrücklich, nicht weiterzulesen, und stattdessen den Podcast zu hören:
Thiel dagegen macht sich Gedanken über die Zukunft. Umfassende, weitreichende Gedanken. Die eine ideologische Grundlage bieten. Für eine andere und aus Thiels Sicht bessere Rolle Amerikas in der Welt. Ein quasi-religiöser Auftrag. Der Katechon zu sein. Der Aufhalter. Der sich allein gegen Armageddon und den Antichrist stellt. Mit JD Vance hat Thiel einen Verbündeten, der ideal geeignet erscheint als christlich-autoritärer Anführer. Oder, falls Curtis Yarvin sich durchsetzt: Als katholischer Monarch. Der erste König von Amerika.