Eine Person sitzt an einem Tisch und lächelt. Sie trägt ein Shirt mit dem Google-Logo. Auf dem Tisch liegt ein Smartphone. Im Hintergrund ist ein grosses Fenster.

Wie schnell Google 2025 bereit war, seine Kernwerte zu opfern

Google im Jahr 2025: Ein paar Fort­schrit­te bei der KI stehen diversen frag­wür­digen und gesell­schaft­lich ver­ant­wor­tungs­lo­sen Ent­schei­den gegen­über.

Was bleibt von Google für 2025 in Erinnerung?

Wenn wir am positiven Ende anfangen wollen, dann ist das die Einschätzung, dass der Konzern aus Mountain View bei der künstlichen Intelligenz Boden gutmachen konnte. Meines Erachtens ist Gemini Konkurrenten wie ChatGPT, Claude, Perplexity und Mistral noch immer unterlegen. Der Qualitätsrückstand ist immerhin geschrumpft. Und vor allem gelang es Google, für diverse Aha-Momente zu sorgen:

Fortschritt um wirklich jeden Preis

Eine Google-Suche zum Thema «Entfalten des Hodensacks» zeigt einen Textvorschlag mit Dampfgerät oder Bügeleisen gegen Falten. Es sind verschiedene Optionen aufgelistet.
Die Fehlinformationen sind nicht das grösste Problem der «AI Overviews».

Dieser Fortschritt ist technisch eindrücklich, gibt indes gleichzeitig Raum für Kritik und Kontroversen. Dass die KI an Sitzungen als Aktuar auftritt, hat in meinem Social-Media-Umfeld für mehr Ablehnung denn Begeisterung gesorgt. Mir waren die Auswüchse von Veo 3 im Juli einen eigenen Blogpost wert: Denn so spektakulär die neuen Möglichkeiten sein mögen, so fragwürdig ist die Weise, wie sie genutzt werden. Das Stichwort dazu – das in der Jahresmusterung von 2025 noch häufiger fallen wird – ist AI Slop: per künstlicher Intelligenz produzierte Inhalte, die in den sozialen Medien allgegenwärtig sind und den menschlichen Output verdrängen.

Die weitreichendste technische Neuerung im Jahr 2025 betrifft die Suchmaschine: Die künstliche Intelligenz hielt Einzug auf Google.ch. Seit dem März tauchen die KI-Zusammenfassungen am Anfang der Suchresultate, die sogenannten AI Overviews, auch bei uns auf. Nur Monate später, im Oktober, legte der Konzern mit dem KI-Modus nach: Er eliminiert die klassischen Suchresultate vollständig. Stattdessen erscheint eine ausformulierte Antwort auf unser Anliegen, zu der sich auch Nachfragen stellen lassen. Das hat eine ganze Reihe negativer Implikationen, die Google nicht zu adressieren gewillt ist. Das ist so problematisch, dass ich die Zeit für gekommen erachte, ein Zeichen zu setzen: Verweigern wir uns – auch wenn es schwierig istder Google-Suchmaschine oder zumindest den AI Overviews!

Machtmissbrauch und Opportunismus

So unerfreulich das alles ist, kommt es noch dicker: Obwohl Google Millionenbussen der EU wegen Wettbewerbsverzerrung kassierte, missbraucht der Konzern weiterhin fröhlich seine Marktmacht, um der Konkurrenz Nutzerinnen und Nutzer abspenstig zu machen – und entdeckte zu diesem Zweck die Pop-up-Werbung neu.

Wer in Firefox oder in einem Drittbrowser Websuchen durchführt, wird mit Meldungen wie diesen hier gepiesackt.

Der heftigste Kritikpunkt ist einer, der sich nicht nur gegen Google, sondern genauso gegen Microsoft, Meta, Apple, Amazon und Konsorten richtet (und deswegen in der Jahresmusterung noch häufiger zu lesen sein wird): Wir erinnern uns daran, wie eilfertig und devot die Bosse dieser Firmen im Januar zu Trumps Amtseinführung eilten, um ihre Geschäftsinteressen zu schützen. Das waren nicht nur Lippenbekenntnisse: Es gab weitreichende Zugeständnisse an den neu-alten Herrscher im (inzwischen arg ramponierten) Weissen Haus, die zulasten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und von uns allen gehen. Zwei Beispiele:

Der zweite Aspekt scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich gravierend. Doch ich erinnere mich lebhaft daran, wie stolz gerade Google auf die internationale, vielfältige Belegschaft war. Im «Wired»-Artikel heisst es dazu:

Berichte aus den letzten zehn Jahren zeigten, dass Google und Dutzende anderer Technologieunternehmen stetig mehr Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten einstellten, obwohl diese Gruppen im Vergleich zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung der USA in technischen und Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert waren.

Das scheint passé. Wir könnten hoffen, dass die Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion bloss pro forma aufgegeben wurden, und im Geheimen weitergeführt werden. Leider ist das wohl eine leere Hoffnung, weil das schnell herauskäme und Trump nur umso wütender wäre.

Partizipation für alle – das war mal

Darum bleibt uns nur der Schluss, dass wir es mit einem tiefgreifenden Kulturwandel zu tun haben. Er erfolgt zulasten der Minderheiten, der vulnerablen Gruppen. Und er setzt Utopie ein endgültiges Ende, dass die Vernetzung der Welt eine einigende und ausgleichende Wirkung hat.

Den Tiefpunkt des Jahres erreichte Google für mich im Oktober 2025, als es das Unternehmen Apple gleichtat und Apps entfernte, die Immigranten vor den Agenten der US-Einwanderungsbehörden warnt. Ein AP zitierte zu dieser Causa die Bürgerrechtsanwältin Alejandra Caraballo, die an der Cyberlaw Clinic der Harvard University arbeitet:

«Das ist ein Präzedenzfall, der mich beunruhigt. Mit dem kann die Regierung im Grunde vorschreiben, welche Apps die Menschen auf ihren Handys haben.»

Dem Geschäft tat das alles keinen Abbruch. Mitte September erreichte Google-Mutter Alphabet als viertes Unternehmen eine Marktkapitalisierung von drei Billionen US-Dollar.

Beitragsbild: Ein Bild aus besseren Tagen (Christina Morillo, Pexels-Lizenz).

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