Per Tastendruck füdliblutt

Der «Escape»-Taste kommt eine ent­schei­dende Be­deu­tung im Ver­hält­nis Mensch-Maschi­ne zu. Der erste Schweizer Jour­na­list merk­te das 1988. Der Mann liess sich auch über den «Shift»-Knopf aus, der ex­hi­bi­tio­nis­ti­sche Re­gungen wecke.

Die Escape-Taste feiert dieses Jahr ihren 65 Geburtstag, doch in Rente geschickt wird sie noch lange nicht. Die «New York Times» erzählte 2012 deren Entstehungsgeschichte: IBM-Mitarbeiter Bob Bemer versuchte, die Funktionsweise der Computer zu vereinheitlichen. Dabei dachte er sich den Escape-Knopf aus, der den Computer dazu bringen sollte, seine laufende Arbeit – was auch immer das sein mochte – abzubrechen.

Heute geniesst Esc einen ikonischen Status: Die Taste ist entscheidend bei der Computerbedienung. Sie hilft uns Anwenderinnen und Anwendern, unsere Interessen durchzusetzen: Wir bringen unerwünschte Dialoge zum Verschwinden, brechen langfädige Rechenoperationen ab und kehren zu einem berechenbaren Ursprungszustand zurück. Diese Taste ist ein Disziplinierungsinstrument für Software, das der Maschine zeigt, wo der Hammer hängt. Wie wichtig Esc ist, zeigte sich an der Empörung, die Apple 2016 verursachte: Anstelle der obersten Reihe mit den Funktionstasten gab es bei den teuren Modellen des Macbook Pro einen schmalen, berührungsempfindlichen Bildschirm. Die Touchbar ermöglichte neue Bedienkonzepte, führte aber auch dazu, dass die gewohnte Flucht («Escape») nicht mehr ausreichend zuverlässig gelang.

Die Freiburger mit dem Tipp-Ex auf dem Bildschirm

Wann wurde die Schweizer Öffentlichkeit dieser wichtigen Taste gewahr? Welche Zeitung erkannte hierzulande die Bedeutung dieses wichtigen Elements in der Mensch-Maschinen-Interaktion?

Mit der üblichen Einschränkung, dass die elektronischen Archive nicht vollständig sind, darf ich einen klaren Sieger küren: Es ist eine sozialdemokratische Zeitung, die Berner Tagwacht, die uns einen einzigen Treffer für die 1980er-Jahre liefert – fast zehn Jahre vor dem nächsten ernsthaften Beitrag zum Thema¹. Mit Chips statt Kugelschreiber heisst der Artikel, in dem der Autor (mutmasslich Peter Anliker) am 25. November 1988 darlegte, wie sich sein Arbeitsplatz durch den Einsatz eines Personal-Computers verändert hat.

Ein Journalist versucht, dem Publikum die Segnungen des Personal Computers zu vermitteln.

An diesem Text sind diverse Dinge bemerkenswert:

  • Erstens wird gegendert, was das Zeug hält – und offenbar ohne, dass deswegen das Abendland untergegangen wäre.
  • Zweitens glaubt der Autor, mit einem Witz ins Thema einsteigen zu müssen: «‹Woran merkt man, dass ein Freiburger am Computer gearbeitet hat?› – ‹?› – ‹An den Tipp-Ex-Spuren auf dem Bildschirm!›»
  • Und drittens erklärt er mit einer penetranten Ausführlichkeit, wie ihm der Computer hilft, die Längenvorgaben für seine Artikel einzuhalten.

Dabei war das schon im Schreibmaschinen-Zeitalter kein Problem – und ich spreche aus Erfahrung: Man brauchte bloss den rechten und linken Einzug richtig einzustellen und konnte so mit ausreichender Präzision sicherstellen, dass man etwa so viele Zeilen mit der gewünschten Zahl Anschläge pro Zeile ablieferte. Zugegeben, man musste die Zeilen von Hand auszählen. Trotzdem interessiert dieser Aspekt wirklich nur Journalistinnen und Journalisten.

Telefonkoppler? Please explain!

Für alle anderen User ist die Tatsache viel entscheidender, dass wir am Computer unsere Texte jederzeit abändern können. Per Maschine getippt, sind (für Freiburger und alle anderen, die ein Fläschchen Tipp-Ex besitzen) nur kleine Änderungen möglich. Für grössere Änderungen kommt man um eine saubere Abschrift nicht herum.

Dieser revolutionäre Aspekt kommt im Text zwar zum Ausdruck, aber auf eine etwas gar Ich-bezogene Weise. Es wäre fürs Verständnis förderlich gewesen, wenn Peter Anliker technische Details wie die Diskette und den Telefonkoppler (Akustikkoppler) nicht als bekannt vorausgesetzt hätte. Man sollte sich als Journalist und Journalistin nicht zu schade sein, solche Dinge zu erklären:

Wenn’s trotzdem mal zu kurz oder zu lang wird, verzweifle ich deshalb nicht: am Bildschirm werden zu kurze Artikel aufgefüllt, zu lange werden gekürzt, und erst wenn der Artikel die vorgeschriebene Länge hat, drücke ich «Print!» Dann druckt mir der Drucker den Artikel aus, ohne dass noch eine Korrektur nötig wäre.

Freilich ist nicht immer ein Ausdruck nötig: wo ich selber redaktionell verantwortlich bin, kann ich den Artikel direkt in den Satzcomputer der Setzerei eingeben; dieser liest die Diskette meines PC, oder die Daten werden mit einem Telefonkoppler übermittelt. (So funktioniert zum Beispiel auch die Übertragung der meisten «Tagwacht»-Texte nach Basel.)

Auch hier steht die grosse Neuerung zwischen den Zeilen: Texte werden nicht mehr auf Papier oder als Fax übermittelt, sondern gelangen in digitaler Form vom Journalisten ins Zeitungslayout. Hier im Text klingt das nach einer Verbesserung, die dem Journalisten das Leben angenehmer gestaltet. Aber in Tat und Wahrheit war es eine riesige und andauernde Umwälzung für die ganze Branche. Das Schweizer Fernsehen wird in seinem Beitrag vom 2. November 1976 der Bedeutung des Technologiewandels deutlich besser gerecht.

Am Schluss liefert der Autor – vielleicht, weil er die vereinbarte Zeilenzahl bislang nicht erreicht hatte – einige Erklärungen zu der «Computersprache»:

«Ctrl» heisst es auf einer Taste, ausgeschrieben bedeutet das «control», Kontrolle: auch beim Computer steckt dahinter ein Mensch! «Esc» steht auf einer zweiten: «escape» bedeutet das und auf deutsch «Hau ab», «Mach, dass du wegkommst!» – ja warum denn nicht! «Shift» fordert eine dritte: «die Ebene wechseln», «hinübergehen», aber auch «die Kleider ausziehen» (!) steht dazu im Wörterbuch – so bekommt der Computer fast menschliche Züge!

Wenn die Leserinnen und Leser bisher nicht verwirrt waren, dann brummte ihnen spätestens jetzt der Kopf. Warum sollte man seinem Computer eine «Abhauen»-Taste haben wollen? Um die Maschine in die Wüste zu jagen oder selbst einen Abgang zu machen?

Menschlich-schrullig?

Die Behauptungen, die am Ende zur harmlosen Umschalttaste aufgestellt werden, sind komplett abstrus. Ich habe versucht nachzuvollziehen, wie Peter Anliker zu diesen Behauptungen kam. Gemäss alten Wörterbüchern kann «Shift» einen Kleiderwechsel bezeichnen, steht jedoch nicht für Exhibitionismus². Und warum diese Taste den Computer menschlich machen soll, ist sogar ChatGPT ein Rätsel, obwohl er als künstliche Intelligenz das eigentlich wissen müsste. Jedenfalls gibt er sich alle Mühe, dieser Schlusspointe – die noch schlimmer ist als der Einstiegswitz –, einen Sinn abzugewinnen:

Der Autor nutzt die Bedeutung aus früherem Sprachgebrauch humorvoll aus, um zu zeigen, wie weit weg die Tastaturbefehle manchmal von der Alltagssprache entfernt sind – oder umgekehrt, wie menschlich-schrullig die Sprache der Technik wirken kann.

Fussnoten

1) Der Beitrag Abgestürzt erschien am 4. Dezember 1996 in der «Basler Zeitung», geschrieben von Hans-Peter Hammel, vor allem bekannt unter seinem Kürzel minu. Er beschäftigt sich ebenfalls mit der Art und Weise, wie Texte geschrieben, an die Zeitung übermittelt und gesetzt werden. Bei dem Satz wäre mir um ein Haar das Augenwasser gekommen – weil der Beruf des Journalisten früher anscheinend einmal so schön gewesen ist:

Die Zeit hat den Redaktor von einst, der Pfeifen schmauchend im Ledersessel sass und über die Übel der Welt nachdachte, zum Allrounder gemacht: vom Schreiber bis zum Setzer, vom Korrektor bis zum Computerfachmann.

Was die Escape-Taste angeht, spielt sie auch in diesem Text nur eine Nebenrolle:

Nun ist es für die meisten mit dem Computer so: sie wissen, wie man ihn einschaltet. Sie kennen die «Esc»-Taste und den Mausklick. Im Übrigen hält man sich an das schöne Lied aus dem Land des Lächelns: «Und wie’s da drinnen aussieht, geht niemand was an». Man/frau ist also darauf angewiesen, dass alles auf den gelernten Knopfdruck hin programmässig funktioniert.

2) In einem ethymologischen Wörterbuch habe ich folgende Hinweise zur Wortentwicklung gefunden; vermutlich hat sich der Autor davon aufs Glatteis führen lassen:

Die Bedeutung «verändern, ändern» tauchte Mitte des 13. Jahrhunderts auf (vergleiche shiftless). Ebenfalls seit Mitte des 13. Jahrhunderts im transitiven Sinne von «entfernen und durch etwas anderes ersetzen», ursprünglich insbesondere in Bezug auf Kleidung, daher «sich ankleiden und umziehen» (um 1400).

«Körperbekleidung, Unterwäsche», 1590er Jahre, ursprünglich gleichermassen für Männer- und Frauenbekleidung verwendet, wahrscheinlich von «shift» (Nomen), das häufig im Zusammenhang mit einem Kleiderwechsel verwendet wurde. Im 17. Jahrhundert begann «shift» (Nomen) in diesem Sinne als Euphemismus für «smock» verwendet zu werden und wurde aus ähnlichen Gründen der Zurückhaltung im 19. Jahrhundert durch «chemise» ersetzt.

Beitragsbild: Wofür die 1976-Taste ist, wird ein Rätsel bleiben (Đào Hiếu, Unsplash-Lizenz).

4 Kommentare zu «Per Tastendruck füdliblutt»

    1. Gute Frage! Es handelt sich um «custom keycaps», also um individuelle Tasten-Kappen, die gern von Nerds verwendet werden. 1976 kam der erste Apple Computer (Apple I) auf den Markt, es könnte sich um eine Anspielung an den handeln. Beim V muss es sich um die Starttaste für den legendären Vim-Editor handeln.

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