Wie man auf Twitter fragt, wenn man keine Antwort will

Der Mikro­blog­ging­dienst hat eine Mög­lich­keit ein­ge­führt, die Ant­wort­mög­lich­keiten auf Tweets einzuschränken. Doch die ist kom­plett miss­raten

Enno Lenze ist Kriegsreporter und oft in der Ukraine. Zu seinem Beruf sei er «versehentlich» gekommen, heisst es bei Übermedien. Die Fotos, die er auf Twitter postet, zeigen ihn häufig mit schusssicherer Weste und gepanzerten Fahrzeugen posierend. Da ein Hang zum Martialischen unübersehbar ist, habe ich den Verdacht, dass trotz des Versehens eine deutliche Prädisposition für diesen Beruf vorhanden ist.

Aber darum geht es gar nicht. Sondern um eine Nebensächlichkeit. Neulich hat Lenze das Foto eines Flugblatts gepostet, das mit «Achtung, Ihr Spritfresser tötet» überschrieben war. Es stammt von einer Gruppierung namens «The Tyre Extinguishers», die mir bis dato nicht bekannt war. Sie fällt seit Kurzem damit auf, dass sie bei SUVs die Luft aus den Reifen lässt. Über 5000-mal hat sie das laut Wikipedia gemacht.

Auf dem Flugblatt werden einige Thesen aufgestellt: Es heisst etwa, dass SUVs massgeblich zum CO₂-Anstieg der letzten zehn Jahre beigetragen hätten. Ob das stimmt, habe ich auf die Schnelle nicht herausgefunden, doch Automobil-Experte Professor Stefan Bratzel sagt beim «Deutschlandfunk», die ganz grossen SUVs seien tatsächlich Klimakiller».

Die materialisierte Dummheit der Autoindustrie

Selbst wenn sie es nicht wären, empfinde ich es als seltsam, dass diese Fahrzeuggattung in der letzten Jahren derart zugelegt hat. Die Motive der Automobilindustrie, solche Modelle zu verkaufen, liegt auf der Hand, weil sie mehr Geld einbringen als kleinere Fahrzeuge.

Warum man indes als Käufer das Bedürfnis hat, mit einem Stadtpanzer durch die Gegend zu fahren, ist mir schleierhaft. Vielleicht hilft er gegen ein tief sitzendes Unsicherheitsgefühl. Vielleicht ist es auch nur Wichtigtuerei.

Allein wegen der viel grösseren Gefahr für Velofahrer und Fussgänger halte ich die gesellschaftliche Ächtung dieser Gefährte nicht nur für angebracht, sondern sogar für notwendig. Jeder, der sich eine solche Monstrosität kauft und nicht zumindest gelegentlich selbst geschlagene Baumstämme durch die Gegend zieht, sollte wissen, dass es Leute gibt, die bei seinem Anblick etwas in der Art wie «Ah, schon wieder so ein egomanisches Arschloch» denken.

Zurück zu Lenze: Er empört sich in seinem Tweet auf eine Weise über «The Tyre Extinguishers», dass man denkt, die Vandalen hätten bei seinem SUV die Luft abgelassen. Aber das ist gar nicht der Fall: Er empört sich auf Vorrat, wie dieser Tweet hier zeigt.

Dessen ungeachtet ist Lenze ein Spezialfall, weil er sein Gefährt mit gutem Grund verwendet. Ich würde einen Trip in ein Kriegsgebiet nicht im Fiat Punto unternehmen wollen. Aber während man sich über die Sachbeschädigungaufregen kann, ist unbestreitbar, dass «The Tyre Extinguishers» valide Punkte ansprechen. Die mit «Was für Deppen, ey» abzutun, wie Lenze es in seinem Tweet macht, ist nicht adäquat. Ich habe mich darum in die Diskussion eingeschaltet, dass keine Einsichten erkennbar seien, würde ich als frustrierend empfinden.

Eine Aufforderung, der ich nicht Folge leisten kann

Ich habe das auf die Automobilbranche und die Gesellschaft bezogen, aber Lenze hat es womöglich persönlich genommen. Darauf lässt seine Antwort schiessen, die «Naja geht nicht um Einsicht. Dann gib ne bessere Lösung.» lautet.

Das hätte ich natürlich gern gemacht. Ich hätte als erstes erklärt, dass ich nicht in Anspruch nehme, ihm gute Ratschläge für seine Fahrten in die Ukraine zu geben. Als zweites hätte ich darauf hingewiesen, dass jemand wie er, der den speziellen Einsatzzweck solch schwerer Fahrzeug kennt, Kritik an ihrer Alltagsverwendung umso besser nachvollziehen sollte.

Aber das ging nicht mehr, weil Lenze die Antwortmöglichkeiten eingeschränkt hat. Der Antwortknopf war nun ausgegraut und Twitter teilte mir mit, dass nur «Nutzer, denen @ennolenze folgt oder die er/sie erwähnt antworten können.»

Mit anderen Worten: Der gute Enno fragt nach «ner besseren Lösung», würgt aber gleichzeitig die Diskussion ab. Wenn das mal kein Sinnbild für die Diskussionsqualität in den sozialen Medien ist!

Twitter hat Mist gebaut

Das ist echt bescheuert.

Abgesehen davon zeigt es einfach auf, wie missraten diese «Wer kann antworten?»-Funktion ist. Denn es ist nicht einleuchtend, warum in meinem Fall der Antworten-Knopf ausgegraut ist, wo der vorherige Tweet doch an mich gerichtet war: Das zeigt, dass die Sache nicht richtig funktioniert.

Zweite Möglichkeit: Sie funktioniert so, wie sie sollte, weil Twitter beabsichtigt, dass nur Leute antworten können, die der Urheber des Tweets von sich aus angesprochen hat. Das würde einen gewissen Sinn ergeben: Das bedeutet, dass der Verfasser eines Tweets wie in der Schule Personen aufruft, die dann eine Stellungnahme abgeben dürfen. Dann müsste die Beschreibung lauten, dass «nur Leute antworten können, die vom Lehrer, pardon: Autor aufgerufen wurden».

Für meinen Geschmack ist das ein fundamentaler Widerspruch zu der Art und Weise, wie Twitter bisher funktioniert hat. Der Dienst lebt davon, dass jeder zu allem seinen Senf dazugeben kann. Und ja, das ist oft nervig. Aber es gehört zu den sozialen Medien. Und es ist unvermeidlich, wenn man eine Diskussion auf Augenhöhe führen will.

Keine gute Methode, Diskussionen zu zivilisieren

Abgesehen ist diese Neuerung überflüssig: Es gibt schon längst die Möglichkeit, Leute zu blockieren oder stummzuschalten, wenn sie eine Diskussion zum Entgleisen bringen.

Nun könnte man die Meinung vertreten, dass die Einschränkung der Antwortmöglichkeiten im Vergleich dazu eine harmlose Funktion sei. Aber ich sehe es nicht so: Stummschalten oder Blockieren sind Möglichkeiten, Leute zu sanktionieren, die sich nicht konstruktiv beteiligt haben. Man wendet sie nachträglich an, wenn jemand sich unbotmässig verhalten hat.

Die Einschränkung der Antwortmöglichkeiten passiert jedoch im Voraus und präventiv. Sie impliziert, dass alle Leute ausser ein ausgesuchter Zirkel eh nichts Vernünftiges zu sagen haben¹. Das ist undemokratisch und wertet Twitter ab. Darum sollte dieses Feature schleunigst abgeschafft werden. Und niemand sollte es verwenden.

Fussnoten

1) Natürlich wäre hier der Einwand denkbar, dass es tatsächlich viele Leute gibt, die auf Twitter nichts Vernüftiges zu sagen haben. Ich fände aber trotzdem ein System besser, das nicht auf Verdacht hin funktioniert, sondern auf tatsächlichen Verfehlungen basiert. Die ebenfalls neue Downvote-Funktion bietet einen Ansatzpunkt: Antworten, die als nicht kontruktiv bewertet werden, landen in der Sortierung weit hinten und könnten auch hinter einem Link wie «Weitere Antworten, auch solche, die als nicht kontruktiv bezeichnet wurden» versteckt werden.

Beitragsbild: Warum sagt er nicht, was er meint? (Jackson Simmer, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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