Googles lustige, aber sinnlose Bing-Schmähung

Google will die rekordhohe Kartellstrafe der EU nicht zahlen und führt ausgerechnet Bing als Kronzeuge an. Amazons Hausroboter Astro braucht noch eine echte Aufgabe und: Facebook kommt in einer Anhörung vor dem US-Senat wegen der Risiken von Instagram für junge Menschen ganz schlecht weg.

Alphabet, die Mutterfirma von Google behauptet, die meisten Leute würden mit Bing nach Google suchen:

«Wir haben Beweise vorgelegt, die zeigen, dass die häufigste Suchanfrage auf Bing bei weitem Google ist», sagte Alfonso Lamadrid, ein Anwalt des Unternehmens Alphabet Inc.

Gesagt hat Lamadrid das vor dem Gericht der Europäischen Union in Luxemburg, in dem der Konzern gegen die Wettbewerbsbusse in Höhe von fünf Milliarden Dollar ankämpft, die die EU 2018 verhängt hat. Die Kartellstrafe wurde damals verhängt, weil Google die Dominanz bei Android dazu nutzt, seine Suchmaschine und andere Apps unter die Leute zu bringen.

Die Argumentation, die in einem Beitrag von Bloomberg.com zu lesen ist, besagt nun, die Nutzer würden Google freiwillig verwenden und nicht deswegen, weil sie dazu gezwungen würden.

Der Anwalt bezieht sich auf die Statistik Top Bing Searches (2021) des SEO-Unternehmens Aharefs, die tatsächlich besagt, dass die Leute mittels Bing nach Microsoft-Konkurrenzprodukten suchen. Platz eins ist allerdings nicht Google, sondern Facebook. Auf Platz zwei folgt Youtube und erst auf Platz drei ist Google zu finden.

Es stellen sich mehrere Fragen: Erstens natürlich, woher Aharefs wissen will, was die Leute bei Bing suchen. Die Methodologie wird im Beitrag nicht erklärt, weswegen ich als Richter diesem Argument keinen Glauben schenken würden – SEO-Unternehmen sagen viel, wenn der Tag lang ist.

Sollten die Zahlen stimmen, beweisen sie vor allem, wie problematisch die Bündelung von Produkten ist. Microsoft tut mit seinem Edge-Browser und Bing das gleiche unter Windows, wie Google bei Android mit seiner Suchmaschine: Wenn man diese Produkte nicht nutzen will, muss man sich dagegen wehren. Wenn die Leute mit Bing nach Google suchen, dann, weil sie nicht damit einverstanden sind, dass Microsoft ihnen Bing aufdrängen will.

Mit anderen Worten: Selbst wenn die Android-Nutzer mit Google zufrieden sind, dann zählt das nur, wenn diese Nutzer auch eine echte Wahlfreiheit haben – ansonsten kann es genauso gut sein, dass sie bereits kapituliert haben oder gar nicht wissen, dass es Alternativen gäbe.

Beitragsbild: Wir haben nur dank Bing hierher gefunden (Greg Bulla, Unsplash-Lizenz).


Astro, der Hausroboter von Amazon

Als ob der Echo-Lautsprecher nicht schon genug wäre: Nun wird es einen Haushaltsroboter vom weltgrössten Onlinehändler geben.

Astro kann selbständig durch die Wohnung fahren und überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Dazu hat er eine Teleskop-Kamera, mit der ihm kaum eine Ecke verborgen bleibt. Das ist eine Funktion, die offenbar für die Neurotiker unter uns gedacht ist. In der Pressemeldung heisst es dazu Folgendes:

Astro bewegt sich selbstständig in Ihrem Haus, um Bereiche zu überprüfen. Er zeigt Ihnen über die Astro-App eine Live-Ansicht von Räumen und sendet Alarme, wenn er eine unbekannte Person erkennt. Wenn Sie sehen wollen, ob Sie den Herd angelassen haben oder ob alle Zutaten für das Abendessen in der Speisekammer sind, schicken Sie Astro los um nachzusehen.

Der Roboter kann auch nach betagten Mitbewohnern sehen und (falls ich die Pressemeldung richtig interpretiere) deren Betreuern auf die Pelle rücken. Er ist auch ein Alexa-Interface auf Rädern, das einem überall hinterherfährt und einem für Gespräche oder als Abspielstation für Audioinhalte zur Verfügung steht.

Astro hat auch eine Art von Persönlichkeit. Dazu heisst es wiederum in der Pressemeldung:

Während der Entwicklung wurde uns klar, dass wir Astro eine Persönlichkeit geben müssen, um die Interaktionen angenehmer zu gestalten. Wir nutzten das Feedback von Hunderten von Testern und liessen uns von Film, Fernsehen, Spielen und Animationsprinzipien inspirieren, um eine Persönlichkeit zu entwickeln, die Astro einzigartig macht.

Das heisst vermutlich, dass WALL·E ein Vorbild war. Jedenfalls Astro einen beweglichen Kopf in Form eines Bildschrims, auf dem er mit seinen Augen klappern kann. Und er gibt Töne von sich, bei denen wohl nicht nur ich an C-3PO denke. Bleibt die Frage, ob George Lucas bzw. Disney Jeff Bezos verklagen wird oder nicht.

Ich finde die Idee des Roboters lustig; allerdings scheint mir das schon auch eine Lösung auf der Suche nach einem Problem – denn so lange ein solcher Roboter nicht putzt und aufräumt, erachte ich ihn als Spielzeug, nicht als echtes Haushaltsgerät. Und von den Problemen bei der Privatsphäre will ich hier erst gar nicht anfangen – auch wenn man (willkürlich gewähltes Beispiel) das Schlafzimmer zur Sperrzone erklären kann.


Instagam kommt vor dem US-Senat schlecht weg

Instagram ist Gift für junge Menschen, vor allem für Mädchen im Teenager-Alter: Die Plattform verursacht Verschlechterungen beim Körperbild der jungen Menschen und kann sogar Suizidgedanken auslösen.

Das hat Facebook selbst in zwei internen Studien herausgefunden, aber offenbar keinen grundsätzlichen Handlungsbedarf erkannt. Das «Wall Street Journal» hat das im ausführlichen Dossier Facebook Knows Instagram Is Toxic for Teen Girls, Company Documents Show aufgearbeitet, worauf Facebook mit dem ebenfalls sehr ausfährlichen Blogpost What Our Research Really Says About Teen Well-Being and Instagram reagierte.

Wie «Die Zeit» aufzeigt, ist die Verteidigung von Facebook aber vor allem formaler Natur: Es gehe in den Untersuchungen nur um die Wahrnehmung der Nutzer, was keine Rückschlüsse auf das Wohlbefinden zulassen würde:

Das klingt mindestens unglücklich, eher aber nach faulen Ausreden: Was in den Folien steht, ist so eigentlich gar nicht gemeint und auf gar keinen Fall zur Ableitung irgendeines Fazits geeignet? Souverän geht anders.

Die Sicherheitschefin von Facebook, Antigone Davis, musste am Donnerstag zu dieser Causa vor dem Senat Red und Antwort stehen. Gemäss CNN hat der demokratische Senator Richard Blumenthal in seiner Eröffnungsrede bei der Anhörung Folgendes gesagt:

Wir wissen jetzt, dass Facebook routinemässig Gewinne über die Online-Sicherheit von Kindern stellt. Wir wissen, dass es das Wachstum seiner Produkte über das Wohlergehen unserer Kinder stellt. Und wir wissen jetzt, dass es unentschuldbar untätig ist, wenn es um den Schutz der Kinder geht.

Auf cnbc.com wird Richard Blumenthal mit einem Vergleich zur Tabakindustrie zitiert, wonach Facebook das «Drehbuch von Big Tobacco übernommen und die eigenen Erkenntnisse über die Gefährlichkeit seiner Produkte in der Schublade habe verschwinden lassen.

Der demokratische Senator Ed Markey hat es noch etwas pointierter gesagt:

Instagram ist die erste Zigarette, die Jugendliche schon früh süchtig macht, den Gruppenzwang nach Beliebtheit ausnutzt und letztlich die Gesundheit gefährdet.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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