J.K. Rowlings liebenswürdiges Moormonster

Hier bespreche ich das perfekte Buch, um sich mit warmen Pantoffeln vors Cheminée zu setzen. Oder auf der Couch mit einem heissen Punsch zu geniessen.

In einer Pandemie sollte man wenigstens etwas Gutes zu lesen haben. In normalen Zeiten natürlich auch – aber jetzt ist es fürs Seelenheil besonders wichtig. Und ein solches Buch ist ohne Zweifel The Ickabog von Erzählmagierin J. K. Rowling (Amazon Affiliate). Es gibt auch eine deutsche Übersetzung mit dem Titel Der Ickabog. Ich würde aber unbedingt die englische Hörbuchvariante empfehlen, weil die von Stephen Fry gelesen wird.

Ja, auch sowas gilt als Nerdliteratur.

«The Ickabog» ist ein Märchen für Kinder ungefähr ab sieben Jahre. Aber bei dieser Autorin kommt man in aller Regel als Erwachsener auf seine Rechnung.

Und das gilt ganz besonders auch für dieses Buch, das eine doppelbödige politische Note hat und sich um eine Verschwörung dreht, die die ich sehr genossen habe. Und überhaupt: Das ist eine kluge, warmherzige Geschichte, die auch eine Moral hat, wie es sich gehört. Die Moral ist, dass Gutes Gutes und Böses Böses gebiert.

Und ja, das klingt nicht nach einer sonderlich tiefen Einsicht. Doch es gibt ein Aber: In Kombination mit der schönen Schilderung der fatalen menschlichen Tendenz, auf die eigenen Vorurteile hereinzufallen, passt sie eben dann doch ausgezeichnet. Und wie immer darf man bei J. K. Rowling mit einigen unerwarteten Wendungen, sympathischen Figuren und starken Frauen rechnen, die den ignoranten Männern, so herrisch sie auch sein mögen, keine Handbreit nachgeben. Lady Eslanda ist diesbezüglich ein echtes Vorbild.

Der König mit dem schönsten Schnauz

Also, die Geschichte in aller Kürze zusammengefasst – Achtung, mit Spoilern –:

Das Königreich Cornucopia wird vom eher mittelmässig begabten König Fred regiert. Es geht dem Land ausgezeichnet, es herrscht Vollbeschäftigung und in jeder Stadt, die man besuchen könnte, gibt es andere kulinarische Hochgenüsse zu entdecken.

The kingdom of Cornucopia was once the happiest in the world. It had plenty of gold, a king with the finest moustaches you could possibly imagine, and butchers, bakers and cheesemongers whose exquisite foods made a person dance with delight when they ate them.

Doch wie Könige so sind: Sie sind nicht gerade feinfühlige Gesellen. Fred in seiner Selbstbezogenheit richtet einen Fauxpas an, und im Versuch, den zu vertuschen und seinen Ruf durch eine Heldentat zu sichern, wird alles nur noch schlimmer. Eigentlich sollte der Ickabog erlegt werden. Das ist ein angebliches Monster, das vor allem dazu dient, Kinder aus erzieherischen Gründen in Angst zu versetzen. Doch bei dieser Jagd kommt Beamish, ein Mann aus Freds Leibgarde Leben. Er wird von Flapoon erschossen.

Flapoon und Spittleworth sind die beiden Vertrauten des Königs, die nun auch dieses Unglück unter den Teppich kehren, und dem Ickabog anlasten. Dabei merken die Berater, dass diese Situation für sie absolut lohnenswert ist: Die weitere Vertuschung ist nämlich mit einigem Aufwand verbunden, den man durch eine Extra-Ickabog-Steuer decken könnte.

Lügen gebären Lügen

Und auch wenn immer neue Lügen nötig sind, um die Legende am Leben zu erhalten, ist die Sache vor allem für Spittleworth lukrativ. Denn solche Funktionäre mit einem flexiblen Gewissen so sind: Sie haben auch ein Talent zur Korruption und Selbstbereicherung.

Gleichzeitig gibt es in Cornucopia auch tapfere Jugendliche, namentlich Roderick, Bert, Daisy und Martha, die sich teils schon von Kindsbeinen an kennen, teils erst im Waisenhaus kennenlernen – zumal das Waisenhausbusiness einer der wenigen Geschäftszweige ist, die in diesen düsteren Zeiten noch florieren und Unsympathen wie Waisenhausunternehmerinnen Ma Grunter zu Wohlstand kommen lassen. Die Kinder durchschauen den Verrat und wollen ihn auffliegen lassen. Dabei stellen sie fest, dass wider Erwarten der Ickabog tatsächlich existiert. Er schleppt sie in seine Höhle und scheint sie fressen zu wollen.

Doch es zeigt sich, dass sich die Sache nicht so verhält, wie es auf den ersten Blick scheint, und dass man gut daran tut, sich nicht von den Vorurteilen und dem tradierten Hass leiten zu lassen. Genauso handhabt es Daisy, und darum kommt sie dem Ickabog auf die Spur. Der ernährt sich nämlich nicht von Menschenfleisch, sondern von Pilzen. Doch er hat eine kuriose Art, sich fortzupflanzen.

Wie sich der Ickabog fortpflanzt…

Er gebärt nicht, sondern «bornded» und sein Zustand während dieses Vorgangs prägt den Charakter des Nachwuchses. Da der Ickabog der letzte seiner Art ist, will er seinem Nachwuchs einen Hass auf die Menschen einimpfen. Doch er lässt sich umstimmen. Eines der Kleinen wird zwar ein wildes Biest, weil just bei der Geburt Flapoon und Spittleworth und ihre Ickabog-Jäger aufkreuzen.

Doch das zweite Junge ist von sanftem Gemüt. Einem glücklichen Ende steht nichts im Weg. Und sogar König Fred findet schliesslich eine sinnvolle Bestimmung. Er betreut nämlich den erstgeborenen Ickabog und schafft es, dessen wilde Natur zu zähmen.

Auf der Website zum Buch gibt es auch einige Spiele. Und nebenbei bemerkt spendet J.K. Rowling ihr Honorar an Leute, die von der Pandemie besonders betroffen sind.

Beitragsbild: Hier irgendwo könnte der Ickabog sein (Mitchell Orr, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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