Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört

«Verbrechen» von «Die Zeit» gehört zu den führenden Podcasts zu wahren Verbrechen im deutschsprachigen Raum. Nicht zu Unrecht – weil die starken Erzählungen auch ohne formale Sperenzchen wirken.

Hier im Blog habe ich immer mal wieder Podcasts zu wahren Verbrechen vorgestellt, zum Beispiel hier zum Schweizer Jahrhundert-Postraub oder hier zur epischen Aufarbeitung des Verschwindens einer Frau aus dem US-Bundesstaat Utah. Aber natürlich hat alles mit der Besprechung von «Serial» begonnen: Das ist die Mutter aller True-Crime-Podcasts, die stilbildend für den modernen Podcast war.

Leichen, auf dem Silbertablett serviert.

Es ist somit unvermeidlich, auf den folgenden Podcast einzugehen. Es handelt sich in meiner Wahrnehmung um den wichtigsten Podcast aus dem deutschsprachigen Raum, in dem wahre Verbrechen aufgearbeitet werden.

Er heisst schlicht Verbrechen, stammt von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und existiert seit April 2018. Zu finden ist er bei iTunes und bei Spotify, den RSS-Feed gibt es hier.

Ich muss zugeben, dass ich erst etwas enttäuscht war. Ich hatte eine Produktion nach dem Vorbild von «Serial» erwartet, mit einer aufwändig inszenierten Erzählung, O-Tönen, Atmosphäre und Musik – und einer wilden Aufklärungsjagd, bei der man als Hörer annähernd live mit dabei ist.

Stattdessen erwartet einen eine Situation, wie man sie von Laberpodcasts her kennt: Eine Gastgeberin und ein Gastgeber, Sabine Rückert aus der Chefredaktion und Chef des Wissens-Ressorts, Andreas Sentker, haben einen Kollegen zu Gast, der einen Fall recherchiert hat und davon erzählt. Das ist eine (bis auf die manchmal gut hörbaren Schnitte) integrale Gesprächssituation, die durch keine weiteren Elemente angereichert ist.

Allein das Wort…

Doch diese Konstellation funktioniert trotzdem hervorragend und die Journalisten beweisen, dass eine spannende Geschichte auch allein durch das Wort zum Leben erweckt werden kann – zumal viele der Gäste hervorragende Erzähler sind.

Ein gutes Beispiel dafür ist Drei Minuten Hass zu zwei auf den ersten Blick wenig spektakulären Fällen, bei denen niemand getötet und es noch nicht einmal körperlich zu Schaden gekommen ist. Es geht um zwei Männer: Der erste ist beim Schwarzfahren erwischt worden, der zweite hatte einen unverschuldeten Beinahe-Unfall mit dem Velo.

Beide Fälle werden von der Autorin Ursula März wunderbar plastisch und verständlich geschildert. Sie zeichnet die Protagonisten in bunten Farben und hält für den Physiker, der durch ein folgenloses Ereignis aus der Bahn geworfen wird, die schöne Formulierung bereit, er stamme «aus dem Bilderbuch des perfekten Lebens». Dicht erzählt, mit einer straffen Gesprächsführung – also das Gegenteil des klassischen Laberpodcasts.

Überzeugend ist diese Folge auch, wie März am Schluss die Vorfälle mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Klima in Verbindung bringt und überzeugend argumentiert, dass in einer Stimmung, in der die Leute nicht gemeinsam ein Fussballmärchen feiern, sondern sich der Gräben in der Gesellschaft nur allzu bewusst sind, sich auch solche alltäglichen Zwischenfälle eher eskalieren und gütliche Beilegungen weniger wahrscheinlich sind.

Bloss Unterhaltung oder Lehrstücke?

Diese Analyse ist der Kniff, mit dem die «Welt» ihren Podcast relevanter macht: Die Schilderung der Verbrechen sind für uns alle, die wir keine Kriminologen sind, reine Unterhaltung, genauso wie die fiktionale Verbrecherjagd im Fernsehen.

Doch indem man sich die Frage stellt, welche Rückschlüsse sich aus den Verbrechen auf die Gesellschaft, unsere Lebenssituation und die allgemeine Stimmung ziehen lassen, erhalten die Fälle eine Bedeutung für uns alle: Wenn man sich den Podcast anhört, lernt man etwas über uns alle und darf diese Zeit als Investition in die Allgemeinbildung verbuchen. Das ist natürlich um Welten wichtiger, als wenn man sich mit einem gruseligen Blick in die Abgründe des menschlichen Daseins ein bisschen die Zeit vertreibt.

Nein, im Ernst: «Verbrechen» löst das Versprechen gesellschaftlicher Aufklärung voll und ganz ein. Das zeigt sich exemplarisch bei Ein Fall von Selbstjustiz. Oberflächlich betrachtet befeuert dieser Fall alte Vorurteile; je nach Gesinnung würde man sagen, «Die Ausländer halt» oder sogar «Die Kanaken halt», weil Ümüd scheinbar in einem Bandenkrieg bekommen hat, was unvermeidlich war. Doch wenn Sabine Rückert diesen Fall unter den Stichworten «Lehre, Leichtsinn, Langeweile» akribisch ausführt, bleibt von dieser Beurteilung nichts mehr übrig. Dafür die Erkenntnis, wie wichtig aufklärerischer Journalismus für die Gesellschaft tatsächlich ist.

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, den Podcast nicht zu hören, ausser vielleicht, wenn man nicht allzu direkt mit ebendiesen Abgründen konfrontiert werden möchte. Eindrücklich fand ich die Folge Im braunen Sumpf, in dem es um die Aufklärung der NSU-Verbrechen und um die beiden Polizisten Mario Melzer und Thomas Matczak geht. Sie raubt einem jegliche Illusionen, dass Ermittler wie im Fernsehen strahlende Helden sind, die der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Es sind oft einsame Kämpfer, die sich nicht nur gegenüber den Verbrechern behaupten müssen, sondern oft auch gegenüber den eigenen Kollegen und dem Apparat.

Absurd und ein bisschen amüsant

Absurd bis unglaublich ist hingegen die Geschichte von Rudolf Novotny, der in Der verbrecherische Richter erzählt, wie einmal Tausende von Abschlussprüfungen von Jurastudenten nachkontrolliert werden mussten, weil der Chef des Prüfverfahrens gleichzeitig Nachhilfe gegeben hat und eben auch ziemlich korrupt war.

Auch empfehlenswert die Folgen Der Himmelssturz, in der ein Pilot im Zustand der Volltrunkenheit einen Mann totfährt. Spannend an der Folge ist, dass sie aus Sicht des Richters geschildert wird, der den Fall beurteilen musste und auch Thomas Melzer ein Flair für bildhafte Erzählungen hat. In Iwans Geheimnis geht es um die bedrückende Lebensgeschichte von John alias Iwan Demjanjuk, der als Helfer der SS mehrfach wegen vermuteter Kriegsverbrechen vor Gericht stand.

Er ist zu liquidieren schliesslich dreht sich um den filmreif durchgeführten Mord an Kim Jong-nam, die sein Bruder, der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in Auftrag gegeben hat.

Beitragsbild: Man beachte das topmoderne Diensttelefon (Anja🤗#helpinghands #solidarity#stays healthy🙏, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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