Die App der Stunde ist ein zukünftiger Flop

Ich kam nicht umhin, mir die vielgehypte Clubhouse-App anzusehen. Und ja, ich verstehe gut, dass ihr genau jetzt diese riesige Aufmerksamkeit zuteil wird. Trotzdem meine Prognose: Clubhouse wird scheitern.

Die App der Stunde ist ohne Zweifel Clubhouse. Es gibt sie zwar schon seit dem Frühjahr 2020, bislang nur fürs iPhone, und im Mai hat ihr die «Süddeutsche Zeitung» die Netzkolumne gewidmet. «Hauptsache drin», hiess das damals in der Zeitung (hier die Online-Variante). Verdienstvollerweise hat die SZ uns auch das Prinzip erklärt:

Der Nutzer betritt einen Audio-Chatraum, kann sich mit anderen Nutzern unterhalten oder auch einfach nur anderen Gesprächen lauschen.

Anfangs Jahr ist ein regelrechter Hype ausgebrochen. Nau hat am Montag (18. Januar) berichtet, die App hätte im Store Telegram überholt, und seitdem sind in der Schweiz mehr als sechzig Medienartikel zu Clubhouse erschienen.

Es liegt auf der Hand, dieses plötzliche Interesse mit den anderen grossen Ereignissen in Gesellschaft und Politik in Verbindung zu bringen. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade jetzt sich die Leute nach persönlichen, gemütlichen Gesprächsrunden sehnen.

Denn viele Leute sind es leid, was Trump mit den sozialen Medien angestellt hat. Der Unruhestifter und Klimavergifter hat die grosse Politikbühne jetzt zwar verlassen, und er hat sich schon zuvor seinen Twitter-Account mit 88,776 Millionen Followern ans Bein streichen müssen. Doch eine Besserung ist nicht in Sicht: Trump hat in den sozialen Medien noch viele Brüder im Geist, sodass das Geschrei und Gehetze weitergehen wird.

Konstrastprogramm zum Geschrei auf Twitter

Clubhouse: Ich bin auch eine Programmzeitschrift.

Clubhouse verspricht ein angenehmes Kontrastprogramm: Die Unterhaltung findet in Form von Gesprächen statt. Die benötigen Zeit und sind in gewisser Weise das Gegenteil von den Statements in Textform, die möglichst kurz, krass und provokativ sein müssen, um eine virale Wirkung zu entfalten.

Diese Gespräche finden wie die guten alten IRC-Chats in Räumen statt. Das gibt eine gewisse Abgeschlossenheit, selbst wenn man keinen privaten, sondern einen öffentlichen Raum einrichtet. Wer sich dazugesellt, muss etwas Zeit und Interesse mitbringen.

Und da die Gespräche nicht aufgezeichnet werden, sind sie vergänglich. Sie können sich nicht selbständig machen und immer weiter geteilt und vervielfältigt werden, wie das mit Tweets oder Facebook-Einträgen möglich ist. Es zählt die Interaktion mit den Gästen, die sich je nach Konstellation einmischen können oder zum passiven Zuhören verknurrt werden – was auch schon zu Kritik Anlass gab:

Trotz dieses Einwands hat Clubhouse einen gewissen Charme. Wenn die Nutzer sich entscheiden, die App nicht als Bühne, sondern als Treffpunkt unter Gleichgesinnten zu betrachten, dann könnte eine Art demokratische Variante des Podcasts entstehen. Er würde die Trennung zwischen Protagonisten und dem Publikum zum Verschwinden bringen: Quasi «Podcast 2.0 – jetzt interaktiv!»

Trotzdem ist meine Prognose, dass Clubhouse eine sozialmediale Eintagsfliege bleiben wird:

Erstens sind die Erfolgsaussichten neuer Plattformen gering, gerade auch dann, wenn ein riesiger Medienhype entsteht, der die Erwartungen der Nutzer ins Unermessliche treibt. Ich erinnere an Vero, das ich 2018 im Beitrag Wer profitiert von der Facebook-Müdigkeit? porträtiert habe. Vero hat sich zwar dieser Tage neu ausgerichtet, doch das ändert nichts daran, dass nach dem steilen Aufstieg der tiefe Fall kam.

Der Fomo-Effekt

Denn ein Treiber des starken Wachstums bei Hype-Apps ist häufig der Fomo-Effekt. Das ist die Angst, etwas zu verpassen, wenn man nicht dabei ist. Sie ist besonders ausgeprägt bei Apps, die wie Clubhouse nur auf Einladung zugänglich sind und sich selbst einen elitären Anstrich geben. Doch wenn man es geschafft hat und sich anmelden konnte, ist das Ziel erreicht, ohne dass man sich auch noch beteiligen müsste.

Zweitens ist absehbar, dass auch Clubhouse mit den üblichen Problemen zu kämpfen haben wird. Im Beitrag Clubhouse Makes Way for Influencers erklärt die «New York Times», das Clubhouse bereits von geschäftstüchtigen Kräften als Spielwiese entdeckt worden ist und die Gefahr besteht, dass aus den angestrebten, ehrlichen Unterhaltungen bald interaktives Werbefernsehen werden wird.

Und es gibt auch auf Clubhouse (CH im nächsten Tweet) bereits jene Leute, die den positiven Geist und die Euphorie dämpfen oder beseitigen könnten. Rhian Beutler, die eine Nutzerin der ersten Stunde war, prangerte Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Frauenfeindlichkeit und Rassismus an.

Drittens passt das lineare Konzept nicht zu unseren zeitsouveränen Mediennutzungsgewohnheiten. Kollege Reto Vogt nannte es treffend lineares Mitmachradio:

Mir geht es auch so: Clubhouse passt nicht in meinen Alltag. Podcasts sind gerade deswegen so toll, weil mir meine Podcatcher-App keinen Zeitplan diktiert, so wie es die App mit ihren unzähligen Benachrichtigungen tun will.

Wer hat Zeit dafür?

Ich höre Podcasts beim Putzen oder Joggen und in Nicht-Pandemie-Zeiten auch beim Pendeln – aber das sind alles Situationen, in denen ich mich nicht an Voice-Chats beteiligen würde.

Darum bleibt es dabei: Clubhouse hat eine Chance in der Nische, vielleicht als entspanntere Alternative zu Videokonferenzen à la Zoom. Aber Dorsey und Zuckerberg hinwegfegen wird diese Plattform nicht.

Trotzdem: Wenn ihr mir folgen wollt, findet ihr mich als @mrclicko auf Clubhouse. Wenn ihr euch als Leser des Blogs zu erkennen gebt, folge ich gerne zurück.

Beitragsbild: Das, nur mithilfe einer App (Kate Kalvach, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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