Die Hitparade wartet!

Obwohl ich kein Fan der modernen Methoden zur Gesangsmanipulation bin, habe ich Voloco getestet. Sie korrigiert falsche Töne und lässt uns alle singen wie die sprichwörtliche Nachtigall. Bleibt nur noch die Frage: Funktioniert das auch?

Es gibt in der Musik mehrere Methoden, um die menschliche Stimme zu verfremden. Zwei sollen hier erwähnt werden¹. Doch ich muss vorausschicken, dass ich beide, in unterschiedlichem Mass, unerfreulich finde.

Erstens der Vocoder: Für den hege ich eine moderate Abneigung.

Der Vocoder ist, wie ich von Wikipedia gelernt habe, eine militärische Erfindung. Die Absicht damals war, bei der verschlüsselten Übertragung von menschlicher Stimme Bandbreite zu reduzieren.

Heute ist der Vocoder ein Stilmittel für die Musik. Ein Signal besteht aus einem Carrier und einem Modulator. Der Carrier ist eine Schallquelle, die durch den Modulator gefiltert bzw. verändert wird. Dieser Modulator liefert Dynamik und Tonfärbung.

Als Carrier dient meistens die Stimme eines Sängers oder einer Sängerin, und der Modulator ist zum Beispiel ein Synthesizer. Auf diese Weise klingt die Stimme wie ein künstliches Instrument.

Zweitens Autotune.  Dieses Verfahren ist in meinen Augen bzw. Ohren abstossend und unerträglich.

Autotune ist ein Softwaremodul, das auf eine Gesangsaufnahme losgelassen wird, um die Tonhöhe nachträglich zu korrigieren. Das heisst: Wenn der Sänger einen Ton nur halb getroffen hat, lässt sich das in der Postproduktion zurechtbiegen.

Man darf sich fragen, warum es das braucht: Wenn einer sich anmasst, eine Aufnahme mit den eigenen Singkünsten auf die Menschheit loszulassen, der sollte zumindest befähigt sein, ohne technische Hilfe einen Ton zu treffen. Das hinterher mittels Software hinzubiegen, schrammt für meinen Geschmack nur sehr nah an einem Betrugsversuch vorbei.

Allerdings wird Autotune ebenfalls als Stilmittel eingesetzt. Das macht es wider Erwarten nicht besser, sondern schlimmer – der typische Autotune-Sound klingt nämlich einfach ätzend. Und beide Stilmittel werden oft so eingesetzt, wie der typische Instagram-Filter: Als billiger Effekt, der etwas Langweiligem einen interessanten Anstrich verleihen soll. Doch das ganze bleibt aufgesetzte Kulissenreisserei.

Nun  hat mich meine Antipathie für die Gesangsmanipulation nicht daran gehindert, die App Voloco zu testen, die es fürs iPhone und iPad und für Android gibt.

Diese App tut genau das: Sie macht aus einer mittelmässigen bis erbärmlich schlechten Aufnahme etwas, das verfremdet genug klingt, um als Kunst durchzugehen.

Das funktioniert so, dass man als Erstes einen Kopfhörer ans Smartphone anschliesst. Es muss ein drahtgebundener Kopfhörer sein, weil mit Bluetooth die Latenz zu gross ist, wenn man sich beim Singen zuhört.

Die Aufnahme läuft…

Als Zweites wählt man ein Stück aus, das man zum Besten geben möchte. Das kann einer der mitgelieferten Songs sein: Die Auswahl besteht aus vielen Instrumentaltracks, die man nach eigenem Gusto besingen oder mit Rap-Einlagen belegen kann. Man darf auch eigene Titel aus dem Repertoire seiner Musik-App auswählen. Ist der Backing Track gewählt, drückt man den Aufnahmeknopf, lässt die Musik laufen und singt dazu.

Ist die Aufnahme im Kasten, dann gibt es fünf Methoden zur Nachbearbeitung:

Stimmsynchronisierung. Falls man zwischen seiner Aufnahme und dem nachgesungenen Musikstück einen gewissen Versatz hört, lässt er sich (von 0 bis 250 Millisekunden) korrigieren.

Anhand dieser Angaben wird die Aufnahme zurechtgerückt.

Tonleiter und Tonart. Die Auswahl hier sollte natürlich mit dem dargebotenen Stück korrespondieren. In der Beschreibung heisst es, Voloco würde «die Tonart des Songs erraten und die Stimme darauf abstimmen». Das kann ich nicht bestätigen. Ich musste die Angabe korrigieren – was aber vielleicht an den Songs lang, die ich ausgewählt habe.

Falls man völlig falsch singt, müssten auch die Noten hinterlegt sein, damit die App die Töne auf die richtige Höhe ziehen kann.

Effekt. Hier gibt man die Stärke der Tonhöhenkorrektur an und wählt zwischen harter Abstimmung, natürlicher Abstimmung, Super Vododer, der Option Grosser Chor und Nur Geräuschunterdrückung.

Für Leute, die für diese App ein Abo abschliessen wollen (für 5.50 Franken im Monat oder 27 Franken im Jahr) gibt es weitere Effekte: U.a. Vibrato oder Vocal Fry in der Rubrik LOL. Mit den Effekten unter Gruselig klingt man wie ein Erdhörnchen-Chor, ein Geist oder eine Glocke. Und wenn das nicht reicht, hat man in der Rubrik Talkbox die Effekte Fetter Bass, Orgel, Metal Mouth und High Harmony zur Auswahl.

Mischen. Hier wählt man die Lautstärke seiner Aufnahme und das Backing Tracks. Die Faustregel:  Je schlechter man gesungen hat, desto lauter macht man letzteren.

EQ. In dieser Rubrik bearbeitet man seine Gesangsaufnahme mit einem Kompressor, wählt einen Equalizer und gibt Hall hinzu (von Umgebung bis Kathedrale)

Fazit: Das ist amüsant und erlaubt tiefe Einblicke in die Tricks der Musikproduzenten. Leider ist es trotzdem nicht so, dass Voloco aus einem Antitalent wie mir einen Supersänger macht. Im Gegenteil – die aufgemotzten Aufnahmen klingen eher noch erbärmlicher als das unverfälschte Unvermögen. Egal – Spass kann man trotzdem haben.

Doch allein das Abomodell deutet darauf hin, dass die App nicht als reine Unterhaltung gedacht ist, sondern durchaus semiprofessionell eingesetzt werden könnte. Schade, dass der Track, wenn er einmal abgemischt ist, nicht mehr weiter bearbeitet werden kann.


1. Es gibt noch zwei weitere Methoden, nämlich die Talkbox und Vocal Chops; siehe hier.

Beitragsbild: Keine Frage – die Pose passt (Bruce Mars, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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