Ein erster Blick auf Big Sur

Vier Beobachtungen und einige Kleinigkeiten zu Mac OS 11: Was mir am neuen Betriebssystem gefällt und was stört.

Seit letzter Woche gibt es die kommenden Versionen von Apples Betriebssystem als öffentliche Beta. Ich habe zwei von den drei Systemen probehalber in Betrieb, nämlich Mac OS 11 alias Big Sur und iPad OS 14. Um iOS 14 mache ich bislang einen Bogen, weil ich kein Gerät zur Verfügung habe, auf dem ich die Beta testweise installieren könnte – und auf das Telefon, das ich tagein, tagaus benutze, installiere ich keine Betaversion.

Auch Big Sur habe ich in einem sicheren Umfeld in Betrieb genommen. Ich habe die Beta-Version per Dualboot auf eine externe Festplatte installiert; die Details dazu habe ich hier beschrieben. Das zu startende System wähle ich aus, indem ich direkt nach dem Einschalten die Option-Taste drücke.

Vier Dinge – plus einige Kleinigkeiten – fallen nach dem Start auf:

Der Name, Big Sur

Wikipedia verrät, dass ein Küstenstreifen im US-Bundesstaat Kalifornien als Namenspate diente. Apples Lokalpatriotismus in Ehren, aber ich vermute, dass es den allermeisten Leuten aus der globalen Nutzerschaft so geht wie mir, und sie noch nie von diesem Gebiet gehört haben. – Update: Ich wurde beüglich dieser Aussage korrigiert:

Auch klanglich finde ich den Namen eher schwierig. In Englisch klingt er nach einem fetten Kerl («big Sir»); in Deutsch könnte man ihn mit einem Schimpfwort verwechseln, das mit Wi- anfängt und mit -chser aufhört. Aber gut, ich habe mich noch an alle seltsamen Mac-OS-Namen gewöhnt.

Die Versionsnummer, 11

Eine Ära geht zu Ende, nämlich jene von Mac OS X. Dieses Zeitalter hat 2001 mit 10.0 alias Cheetah begonnen – manche würden auch sagen, mit 10.1 alias Puma, weil diese Version dann einigermassen brauchbar war. Das X – das hierzulande meistens als Buchstabe X ausgesprochen worden ist und nicht römische Ziffer Zehn – wurde mit 10.12 (Sierra) im Juni 2016 eliminiert. Aber zur Sturheit neigende Leute (wie ich) haben aus Gewohnheit und als leiser Protest gegen Marketing-Sperenzchen daran festgehalten.

Es stellt sich natürlich die Frage: Sind Versionsnummern (wie bei Microsoft) auch bei Apple Schall und Rauch? Oder gibt uns Apple zu verstehen, dass für Mac OS ein neuer Lebensabschnitt beginnt?

Mein erster Augenschein lässt auf die Frage keine definitive Antwort zu. Das wird sich erst zeigen, wenn klarer wird, wie sich Mac OS entwickeln wird, nachdem Apple den Wechsel zu den ARM-Prozessoren vollzogen und Apple Silicon bei den Desktop-Rechnern Einzug gehalten haben wird. Der anstehende Schritt rechtfertigt jedenfalls den grossen Schritt zur Elf. Und ich werde mir Mühe geben, künftig von Mac OS Elf zu sprechen. Man könnte es natürlich auch auf die Spitze treiben und «OS XI» sagen.

Die Optik und die Farbenpracht

Beim ersten Start fällt auf, wie bunt Big Sur ist. Als ob in der Kita das Malen mit Fingerfarben ausser Kontrolle geraten wäre.

Mit neutralem Hintergrundbild lässt sich die Farbenpracht leicht eindämmen.

Auf Twitter weist man darauf hin, dass dieser Eindruck vor allem durch das Hintergrundbild ausgelöst wird und man selbstverständlich auch bei Big Sur auf ein neutrales Wallpaper umschalten kann. Mit diesem Wechsel das System präsentiert sich das System augenblicklich fünf Oktaven weniger exaltiert.

Wenn man genau hinsieht, findet man auch in den Elementen der Benutzeroberfläche neue Farbtupfer: Beim Finder sind die Objekte in der Seitenleiste nun blau. Und generell hat Apple einige grauen Flächen beseitigt. Das waren die letzten Überbleibsel des Brushed metal-Looks. Der war um die Jahrtausendwende der Inbegriff von Eleganz und Modernität bei den Betriebssystemen und mit Mac OS Panther von 2003 konnte er sich so richtig entfalten. Eine schöne Ehrerbietung an das gebürstete Metall gibt es hier zu lesen.

Die Optik von Big Sur ist vom iPad beeinflusst. Die Menüs sind leicht abgerundet und auch die Icons sind iPadOS-hafter. Als Apple diese Neuerung an der WWDC-Keynote angekündigt hatte, war ich sehr skeptisch. Doch nach dem ersten Augenschein gefällt mir der neue Look ganz gut. Und er zeigt, dass eine Auffrischung des Erscheinungsbilds von Mac OS überfällig war.

Die vom iPad inspirierten Features

Das Kontrollzentrum.

Auch weitere Neuerungen sind vom iPad inspiriert. Es gibt nun ein Konrollzentrum und Widgets à la iPad OS 14. Auch diese Widgets tragen mit zum bunten Eindruck von Big Sur bei: Sie sind nämlich deutlich farbenfroher als bis anhin.

Die Widgets erscheinen am rechten Rand und sind eine Weiterentwicklung der Mitteilungszentrale: Die war bisher in die beiden Rubriken Heute und Mitteilungen aufgeteilt. Diese IMHO unpraktische Zweiteilung fällt nun weg: Mitteilungen schieben sich am oberen Rand in die Reihe der Widgets. Die zeigen, wie bis anhin, Informationsschnipsel wie Wetter, Börse und Kalender an. Sie sind in der Grösse veränderlich; man kann auch zwei Widgets nebeneinander platzieren.

Und es gibt endlich ein Widget mit einer Monatsübersicht. Ich finde die Darstellung von Monthly Cal jedoch nach wie vor hübscher.

Das Kontrollzentrum scheint mir zweckdienlich. Etwas seltsam finde ich die Redundanz, die damit entsteht: Optionen für WLAN erscheinen sowohl im Kontrollzentrum als auch beim WLAN-Symbol in der Menüleiste. Was auch nicht tragisch ist.

Was die Analogien zum iPad angeht, fällt auf, dass das mit Mac OS Lion eingeführte Launchpad keine Überarbeitung erfahren hat. Das ist nach wie vor hässlich und komplett nutzlos.

Abschliessende Beobachtungen und Fazit

In Big Sur weist Safari Tracker aus – und in die Schranken.

Safari blockiert nun Tracker und weist das über ein Schild-Symbol links neben der Adressleiste aus. Sinnvoll!

iPad- und iPhone-Apps auf dem Mac. Eine der grössten Neuerungen ist, dass Macs künftig auch Apps werden ausführen können, die fürs iPhone und das iPad entwickelt worden sind. Das wird aber nur bei Macs mit ARM-Prozessor der Fall sein. Daher lässt sich diese Funktion bislang nicht testen und beurteilen.

Die Hinweistöne bei Dateioperationen, Screenshots und weiteren Aktionen sind neu. Ungewohnt, aber modern und ganz okay.

Es ist sehr zu hoffen, dass dieses Icon-Gruselkabinett noch eine Überarbeitung erfährt.

Die Icons in der Systemsteuerung sind hoffentlich noch nicht definitiv. Da sind zum Teil Symbole mit dabei, die meine vierjährige Tochter hübscher hinbekommen hätte.

Es gibt noch viele weitere Neuigkeiten, die ich hier nicht alle aufzählen werde, weil es schliesslich um einen ersten Augenschein geht. Eine gute Übersicht findet sich aber zum Beispiel hier.

Mein Fazit nach dem ersten Augenschein ist positiv: Mac OS entwickelt sich in eine gute Richtung. Ich hoffe aber weiterhin, dass die Angleichungen ans iPad nicht zu weit gehen. Ich halte den Mac nach wie vor für das bessere Arbeitsinstrument, wenn es ums Heavy Lifting, um die ernsthaften Arbeiten geht.

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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