Die Pro-Version von Windows 10 ist Unsinn

Die Windows-Sandbox habe ich neulich hier im Blog vorgestellt (Jederzeit ein frisches Windows). Vor längerer Zeit ist hier auch der Windows Defender Application Guard (Edge, auf Sicherheit getrimmt) zum Zug gekommen.

Nun fand ich, die beiden Beiträge würden zusammen sehr schön in ein Video passen. Es sind zwei Sicherheitsinstrumente, die in Windows 10 von Haus aus eingebaut sind – zumindest bei der Pro- und der Enterprise-Edition, aber darauf komme ich gleich noch zu sprechen. Und sie sind einfach zu aktivieren und zu benutzen. Mit den beiden Werkzeugen kommen auch Leute zurecht, die sich nicht berufen fühlen, eine virtuelle Maschine in Betrieb zu nehmen. (Obwohl es natürlich auch dafür hier im Blog eine schöne Anleitung gibt.)

Also, hier das Video, das eine kurze Einführung liefert und erklärt, was man mit der Windows-Sandbox und dem Windows Defender Application Guard so anstellen kann:


Windows maximal sicher

Ich habe mit mir gehadert, ob ich dieses Video machen soll. Denn wie angedeutet, gibt es die beiden Funktionen nicht in der Home-Edition von Windows 10. Das ist aber jene, die von den allermeisten Zuschauern benutzt wird.

Zumindest ist das meine Vermutung. Ich habe keine Zahlen gefunden, wie weit verbreitet diese Version ist. Wenn man zum Beispiel bei HP nachsieht, dann haben auch die teuren Spectre-Laptops bloss Home drauf. Bei den Desktop-Rechnern scheint man ab der Kategorie «Leistungsstark» die Pro-Version zu bekommen. Zumindest gemäss einigen Stichproben.

Bei Dell andererseits habe ich keine Rechner für Privatkunden ab Stange gefunden, bei denen es Windows 10 Professional vorinstalliert geben würde – nicht einmal bei den etwas teureren Desktops. Es gibt bei Dell zwar eine Auswahlhilfe, aber ich habe es nicht geschafft, testweise das vorinstallierte Betriebssystem zu wechseln.

Bei Microsoft ist ein Upgrade möglich. Eine Anleitung stellt Microsoft hier bereit. Wenn man nach Lizenzen sucht, findet man bei Microsoft eine zum Preis von 280 Franken. Mit Google wird man schon ab 30 Franken fündig. Das hat neulich Heise.de im Beitrag Verdächtig billige Lizenzen für Windows und MS Office bei Edeka thematisiert. Die Erkenntnis dazu:

Unsere Anfragen bei Microsoft Deutschland ergaben binnen vier Wochen keinen Aufschluss, ob der Hersteller die Angebote von Lizengo als korrekt oder fragwürdig einstuft. Wir erhielten lediglich allgemeine Erklärungen, ein funktionierender Aktivierungsschlüssel sei kein Indiz für eine einwandfreie Lizenz; vielmehr sei er mit einem Wohnungsschlüssel zu vergleichen, dessen Besitz ja auch keinen Mietvertrag ersetzen könne.

Außerdem verwies uns Microsoft auf einschlägige Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs, denen zufolge es den Vertrieb durch Lizengo offenbar nicht als illegal einstuft.

Das ist ernüchternd. Und ich habe das Dilemma – Video oder nicht? – gelöst, indem ich einige Alternativen erwähne: Sandboxie (Der Sandkasten fürs Windows-System) ist nach wie vor eine gute und auch einigermassen pflegeleichte Möglichkeit, in Windows Programme isoliert zu betreiben. Wie sehr Sandboxie die Sicherheit erhöht, ist schwer zu sagen. Ein Virus würde ich selbst über einen gesandboxten Browser nicht ausführen wollen – aber das gilt auch für die Windows Sandbox.

Quora kommt zum Schluss, Sandboxie sei ziemlich sicher, «wenn man die Anwendung richtig benutzt». Das würde ich auch so sehen. Demnächst soll die Software Open-Source werden, und dann werden wir es noch etwas genauer wissen.

Als Alternative zum Windows Defender Application Guard empfehle ich den Bitbox-Browser (Das Gegenteil vom Internet Explorer). Und selbstverständlich ist eine virtuelle Maschine (Virtuell ist essenziell) nach wie vor eine gute Wahl, wenn man gefährliche Dinge tun möche. Aber eben – leider längst nicht so einfach zu benutzen, wie die Windows Sandbox.

Darum bleibt, an dieser Stelle das Windows Editionen-Modell aufs Schärfste zu kritisieren. Während ich der Enterprise-Version von Windows eine gewisse Existenzberechtigung zusprechen würde, ist die Aufteilung zwischen Home und Pro ein Unsinn. Und zwar aus mehreren Gründen:

  • Es ist schwierig bis unmöglich, an eine Pro-Lizenz heranzukommen.
  • Viele Anwender der Home-Variante werden erst nachträglich erkennen, dass sie mit der Pro-Lizenz besser bedient gewesen wären. Beispielsweise auch wegen Bitlocker (Laptops und ihr besonderes Schutzbedürfnis). Das ist auch so eine Funktion, die allen Nutzern zur Verfügung stehen müsste.
  • In der mobilen Welt ist es üblich, sich Pro-Funktionen als In-App-Kauf dazuzuholen. Ich hätte zwar niemals gedacht, dass ich dieses Modell einmal als Vorbild anpreisen würde: Aber bei Windows wäre es sinnvoll: Die Sandbox für 10 Franken? Hervorragend!

Bei Sicherheitsfunktionen kann man sich allerdings auch auf den Standpunkt stellen, dass Microsoft Verantwortungsbewusstsein zeigen und sie allen Nutzern anbieten sollte. Klar, der Impuls, damit ein paar Dollar extra zu verdienen, ist bei diesem Unternehmen sehr tief verwurzelt.

Aber der Renommeegewinn wäre auch nicht zu verachten, wenn sämtliche Sicherheitsfeatures in der Home-Edition zur Verfügung stehen würden. Was mich angeht, ist Microsoft in meiner Achtung gestiegen, als Windows Defender damals zu einem integralen, kostenlosen Windows-Bestandteil geworden ist.

Beitragsbild: Wer denkt, aus der Sandbox sei kein Entkommen, könnte sich täuschen (Alexander Dummer/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

6 Gedanken zu „Die Pro-Version von Windows 10 ist Unsinn“

  1. Man kann über den Microsoft-Store für um die 130 Fr. ein Upgrade kaufen. Oder man kauft die normale Pro-Lizenz für um die 160 Fr., wenn man kein Microsoft-Konto erstellen will.

    Bei den Rechnern von HP ist es eigentlich ganz einfach, welche Lizenz dabei ist: bei den für den professionellen Einsatz geeigneten Geräten (ProBook, EliteBook etc.) ist Pro dabei, bei den für Privatanwender gedachten Geräten (Spectre etc.) ist nur Home dabei. (Kleine Randbemerkung: Ich empfehle auch Privatkunden den Kauf von „Geschäfts-„Geräten. Diese sind nur unwesentlich teurer, aber man hat drei Jahre Support vor Ort dabei.)

    Zu kritisieren ist aber die Aufteilung der Features auf die Windows-Editionen: Home sollte alle SIcherheitsfunktionen enthalten. Pro kann sich immer noch durch die Fähigkeit, Mitglied einer Domäne zu werden, abheben. Alle Geschäftskunden würden so immer noch Pro kaufen.

      1. Ich finde das Upgrade im Store ebenfalls nicht. Es wird wohl nur angezeigt, wenn man direkt auf den „zum Store gehen“-Link in den Aktivierungs-Einstellungen eines Windows 10 Home klickt. Habe leider kein Home in Griffweite und auf dem Pro wird der Link nicht angezeigt.

  2. Interessanterweise liefert selbst Microsoft die neueren Iterationen seiner „Surface Pro“ Geräte nur noch mit der Home Version von Windows aus. Bezeichnungen wie „professional“, „Geschäfts-“ und „gaming“ sind halt nur Marketingbegriffe.

    Bei Lizengo ist das Problem, dass man nicht erfährt, woher die Lizenz stammt. Diese Firma kauft „überschüssige“ Volumenlizenzen aus den verschiedensten Quellen auf. Man kann also einen Schlüssel kriegen, der einwandfrei funktioniert und sich beliebig oft übertragen lässt, oder einen, der sich auf einem neuen PC nicht mehr aktivieren lässt oder vielleicht sogar auf dem bestehenden PC plötzlich Probleme macht. Lizengo wird in so einem Fall wohl einen neuen Schlüssel bereitstellen, aber für den produktiven Einsatz wäre mir das zu heiss. Bei einem Zweit- oder Testrechner ist es aber eine gute Möglichkeit, Geld zu sparen.

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