Mit dem Ochsenkarren nach Rom

Leute wie ich, die ohne Orientierungssinn geboren wurden, sind abhängig von Hilfsmitteln wie Karte, Kompass und GPS. Das ist womöglich der Grund, weswegen ich eine kleine Leidenschaft für Karten entwickelt habe. Mir gefallen vor allem die exotischen, die speziellen, die verblüffenden und die erhellenden Karten.

Ein hervorragendes Beispiel, das alle diese Punkte erfüllt, ist Orbis. Das ist ein Projekt der Stanford University aus Kalifornien. Es heisst mit vollständigem Namen The Stanford Geospatial Network Model of the Roman World und ist quasi Google Maps fürs Imperium Romanum.

Das erstreckte sich vor 2000 Jahren über einen Grossteil der bekannten Welt. In dem Reich gab es eine beachtliche Handels- und Reisetätigkeit – und das, obwohl man sich nicht eben in einen Hochgeschwindigkeitszug, ein Flugzeug setzen oder ein Uber kommen lassen konnte.

Wie zeitintensiv die Fortbewegung damals war, führt uns Orbis vor Augen: Man spezifiziert, wie bei jeder anderen Navigations-Anwendung, den Ausgangs- und den Zielort und wählt das Transportmittel. Dann zeigt einem Orbis die möglichen Routen und berechnet den Zeitbedarf.

Zum Beispiel: Von Vesontio (Besançon) nach Roma (Rom) im Sommer ist man knapp 41 Tage unterwegs. Man legt in der Zeit 1134 Kilometer zurück und das, wie könnte es sein, vor allem zu Fuss. Wenn man sich ein Pferd leisten kann, schafft man es in drei Wochen. Mit Pferdewechsel ist man in einer Woche da – aber natürlich muss man unterwegs die Möglichkeit haben, die müden Pferde durch frische auszutauschen. Und die hat man nur, wenn man nur zur passenden Gesellschaftsklasse gehört und genügend Sesterzen im Geldbeutel mit sich führt.

Als Reisen keine Frage von Stunden, sondern von Wochen war.

Wenn man mehr Gepäck mitnehmen möchte, als man tragen kann, dann nimmt man den Ochsenkarren. Und da man mit dem nur etwa 12 Kilometer pro Tag schafft, muss man geschlagene 102 Tage für den Trip einplanen. Eines ist sicher: Man sieht dabei viel von der Landschaft und erlebt am eigenen Leib, was Entschleunigung bedeutet.

Die gleiche Strecke bringt man heute per Zug in 15 Stunden hinter sich. Mit dem Auto dauert es zehn Stunden. Und wenn man keine Flugscham hat, fährt man (per Zug in vier Stunden) nach Genf und fliegt dort in knapp anderthalb Stunden nach Rom. Kommt hinzu, dass Besançon heute nicht mehr der Verkehrsknotenpunkt ist, der er damals war.

Aus Tage werden Stunden – nichts anderes würde man erwarten. Und trotzdem ist es erstaunlich, wenn man sich die alltäglichen Auswirkungen einmal detailliert durch den Kopf gehen lässt. Ein Wochenende in Rom zu verbringen, ist heute kein Ding. Als Helvetier hätte man damals etwa drei Monate einrechnen müssen. Und dafür hätte man schon einen sehr guten Grund gebraucht – Shopping und Sightseeing wären logischerweise nicht ausreichend.

Orbis ist ein spannendes Spielzeug. Mal von Aventicum nach Lugdunum Cananefatium (ein Seehafen in der Nähe des heutigen Den Haags)? Das schafft man zu Fuss immerhin in 17 Tagen. Von Londinium nach Constantinopolis? 60 Tage, aber auch nur, wenn nichts schief geht und man sich unterwegs nicht den Knöchel vertrampt. Und auch nur im Sommer. Wenn man im Winter aufbrechen will, dann dauert es fast 100 Tage.

Fazit: Diese Website sollte im Geschichtsunterricht zum Einsatz kommen. Denn während die römischen Götter auswendig zu lernen (wie das bei mir am Gymnasium verlangt worden ist) kaum einen sonderlichen Erkenntnisgewinn bietet, könnte Orbis die Neugierde darauf wecken, was sich sonst noch alles verändert hat. Und dann ist man recht schnell bei den gesellschaftlichen, politischen oder alltäglichen Aspekten.

Beitragsbild: Endlich da – und jetzt brennt noch eine Frage unter den Nägeln: Wo übernachtet man hier? (Julius Silver/Pixabay, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

Ein Gedanke zu „Mit dem Ochsenkarren nach Rom“

  1. Und das Tolle ist, es kann einem eine Alternative zum Jakobsweg geben. So weite Distanzen zu wandern kann nämlich auch spannend sein. 😊

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