Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung

Kürzlich hat sich das Buch Chase Darkness with Me in meine Audible-App verirrt. Ich sage «verirrt», weil das ein untypisches Buch ist, was meine Hörbuch-Hörgewohnheiten angeht. Da entscheide ich mich eher selten für Sachbücher. Und wenn, dann für «harte» Themen. Mit «hart» meine ich Politik, Wissenschaft und im weiteren Sinn Gebiete, bei denen man beim Hören auch etwas lernt. Das Buch von Billy Jensen ist jedoch im Unterhaltungsbereich angesiedelt. Zumindest in meiner Wahrnehmung – der Autor würde dieser Einschätzung wahrscheinlich widersprechen.

Also, es geht in dem Buch um True Crime. Das ist ein Genre, das in den letzten Jahren viel Auftrieb erhalten hat. Schuld daran ist auch Netflix mit Serien wie Making a Murderer, American Crime Story oder Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes. Und natürlich gibt es auch viele TV-Shows aus dem Bereich, zum Beispiel Crime Watch Daily, für die der Autor des Buchs auch arbeitet.

Billy Jensen ist, man kann es nicht anders sagen, ein Besessener: Er will nicht nur über die Kriminalität berichten. Nein, er will dort Erfolge erzielen, wo die Polizei versagt hat und die Täter davongekommen sind. Dazu verwendet er auf recht klevere Weise die sozialen Medien: Facebook, Twitter, teilweise auch Reddit und, in geringerem Mass auch Snapchat und Instagram. Wie das funktioniert, ist für jeden Social-Media-Manager interessant – für die ist das Buch quasi Pflichtlektüre.

Und um hier gleich zum Fazit zu kommen, bevor ich den Inhalt noch etwas weiter beschreibe und mich womöglich der Spoilerei schuldig mache: Es ist ein spannendes Buch: Es gibt einen Biografie-Anteil von Jensen, in dem er erklärt, wie er zum Mörder-Jäger geworden ist (auch, weil aus einem Job beim FBI nichts geworden ist). Er erklärt, wie die Beschäftigung, Kriminelle zu jagen, zu einer 24-7-Mission wird – sodass man sich unweigerlich fragt, wie sehr sein Privatleben gelitten hat. Er schreibt, das sei kaum der Fall, weil seine Ehefrau als Wissenschaftlerin genauso eingespannt sei. Doch irgendwie mag man das nicht so ganz glauben.

Jensen rollt viele seiner Fälle auf – die erfolgreichen, die mit einer Verhaftung und Verurteilung endeten. Und bei denen, nebenbei bemerkt, teilweise auch die Todesstrafe zur Debatte stand. Das ist dann ein echtes Dilemma für Jensen: Denn einerseits will er, dass die Täter Gerechtigkeit erfahren. Andererseits ist er ein Gegner der Todesstrafe und möchte nicht unbedingt eine Mitverantwortung tragen, wenn ein Mann auf den elektrischen Stuhl kommt oder die Todesspritze erhält. Aber klar: Das Urteil kann man sich als Ermittler nicht aussuchen, egal, ob man nun Polizist oder selbsternannter Kämpfer für die Gerechtigkeit ist.

Jensen hat eine Aufklärungsquote von etwa 15 Prozent, wie er schreibt. Das führt dazu, dass im Buch viele lose Enden bleiben – und gegen Ende wird die Schilderung der Methoden, Sackgassen und Hindernisse etwas repetitiv. Aber es gibt auch die Fälle, bei denen man als Leser die Befriedigung erfährt, dass am Ende die Verhältnisse wiederhergestellt sind: Ein Täter, der die Ordnung störte, wird gefasst und der (gerechten oder ungerechten) Strafe zugeführt. So soll es schliesslich sein – und darauf wartet jeder einzelne, der ein Kriminalfall liest oder im Fernsehen verfolgt. Ganz egal, ob es sich nun um Fiktion oder True Crime handelt.

Der dritte Aspekt im Buch ist das letzte Kapitel: Das ist ein Aufruf von Jensen, es ihm gleichzutun. Seine Methode, sagt er, sei nicht so aussergewöhnlich, dass nicht jedermann sie anwenden könne. Und weil die Polizeibehörden in den USA massiv unterdotiert seien, würden viele Kriminelle davonkommen: «Zu wenig Ressourcen, viel zu wenig Personal» ist offenbar eine häufige Erklärung dafür, weswegen Fälle liegenbleiben. Ein häufig zitierter Satz im Buch ist The squeaky wheel gets the grease: Das quietschende Rädlein wird geölt.

Das heisst, dass die Zivilisten einen Unterschied machen. Wenn sie am Ball bleiben, weiter recherchieren, die polizeilichen Ermittler mit ihren Erkenntnissen eindecken und die Medien auf dem Laufenden halten, dann stehen die Chancen gut, dass bei dem Fall etwas passiert.


Das Hörbuch wird vom Autor selbst gelesen.

Und spätestens an der Stelle merkt man, dass es Jensen ernst ist: Er will mit dem Buch nicht bloss sich und seine Arbeit präsentieren – er will auch als Vorbild dienen. Eine Armee von privaten Ermittlern sollen in den USA das tun, was die staatliche Exekutive nicht zu leisten vermag. Im letzten Kapitel ruft er nicht nur dazu auf, jeder Leser solle selbst tätig werden. Er erklärt auch minutiös, wie man es tut – und er stellt klare Regeln auf.

Das klingt nun sehr nach einer ziemlich fahrlässigen Sache: Soll man wirklich Hinz und Kunz dazu auffordern, in der Freizeit zu einem Crime fighter zu werden? Muss das nicht zwangsläufig in einem Debakel enden, weil viele Leute ihre Fähigkeiten falsch einschätzen und eben nicht professionell, sondern dilettantisch ans Werk gehen. Das Risiko, dass Amateure einen irreversiblen Schaden anrichten, ist in der Tat riesig.

Allerdings haben mich genau diese Regeln am Schluss des Buchs überzeugt, das Buch zu mögen und hier vorzustellen. Die Regeln lassen keinen Zweifel daran, dass sich Jensen die Sache gut überlegt hat und weiss, was die Möglichkeiten und Grenzen sind. Und er untermauert jede Regel mit einigen abschreckenden Beispielen, die aufzeigen, was schief geht, wenn man sich nicht daran hält.

Natürlich wird das nicht verhindern, dass ein paar Deppen trotzdem bauen – aber in Zeiten von Internet und Crowdsourcing ist das sowieso unvermeidlich. Da kann Jensen wenigstens sagen, er habe es ja gesagt.

Also, bevor ich hier die Regeln kurz zusammenfasse, mein Fazit: Das Buch hat zwischendurch seine Längen, aber es bildet einen guten Kontrapunkt zu fiktionalen Kriminalfällen. Ich finde Jensens Methode spannend und ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass daraus eine Bewegung wird, die das Potenzial hat, einen Unterschied zu machen.

Ich glaube nicht, dass die Methode so einfach auf Europa oder die Schweiz zu übertragen wäre – und zwar allein deswegen, weil es hierzulande nicht so viele Gewaltverbrechen gibt. Aber wer sich sowohl für True Crime als auch für soziale Medien interessiert, dem sei das Buch ans Herz gelegt. Eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens bislang nicht.

Also, hier geht es mit Spoilern mit ein paar Erklärungen zu der Methode und zu den Regeln Jensens weiter.

Die Idee ist, dass mit den Bildern und Videos aus Überwachungskameras oder anderen Quellen die Täter gezielt in den Gebieten ermittelt werden, wo sie ihre Tat vollbracht haben. Genau das ermöglichen Facebook und andere soziale Medien: Man kann einen Post bewerben, und die Zielgruppe genau definieren. Das macht es möglich, in einem engen Radius um einen Tatort herum sehr viele mögliche Zeugen zu erreichen. So gezielt, mit wenig Streuverlust, ist das selbst mit den herkömmlichen Massenmedien nicht möglich.

Das kostet einige hundert oder Tausend Dollar – aber dafür stehen die Chancen relativ gut, dass man die Leute tatsächlich erreicht, die etwas gesehen oder gehört haben. Erstens muss man also die Kampagne richtig aufgleisen, damit sie die richtigen Leute für die Nase bekommen.

Zweitens muss man die passenden Bilder auswählen und die Texte so schreiben, dass sie Aufmerksamkeit erhalten – das ist klassisches Clickbaiting. Jensen schreibt denn mitunter seine Posts auch aus der Perspektive des Täters. Das provoziert und führt im Idealfall dazu, dass die Posts weiter geteilt werden. Auf diese Weise kann die Kampagne ihre Reichweite auf eine Weise vergrössern, wie es bei traditionellen Medien nicht möglich ist: Das ist die virale Komponente der sozialen Medien.

Aus dieser Arbeitsweise leitet sich dann auch eine wichtige Regel im letzten Kapitel ab: Man darf nicht auf eigene Faust ermitteln, sondern muss sich mit der Polizei und der Familie des Opfers abstimmen. Erstens muss die Familie wissen, dass eine solche Kampagne läuft, um nicht unerwartet davon erwischt zu werden. Zweitens muss sie auch mit den offiziellen Ermittlungen abgestimmt sein, damit sie keinen Schaden anrichtet.

Wenn die Kampagne läuft, muss der Social-Media-Ermittler auf Draht sein: Wenn Hinweise als Kommentare eingehen, muss er sofort nachfragen – und zwar, natürlich, in der direkten, bilateralen Kommunikation. Von der öffentlichen Seite müssen die Beiträge sofort entfernt werden.

Denn eine weitere – und offensichtlich die wichtigste – Regel ist, dass man als Social-Media-Ermittler niemals selbst Namen öffentlich macht. Selbst wenn man noch so belastendes Material zusammentragen konnte, macht man ein Dossier, übergibt das an die Polizei und hält die Füsse still. Denn wenn man falsch liegt, dann sind die Folgen unabsehbar und ziemlich sicher gravierend. Und selbst wenn man richtig liegt, will man keine Selbstjustiz auslösen.

Das bedeutet auch, dass man diese Social-Media-Ermittlungen nicht für den Ruhm oder die eigene Reputation tut, sondern für die Gerechtigkeit. Es kann sein, dass die Polizei die eigenen Leistungen würdigt. Es kommt aber auch vor, dass darüber stillschweigend hinweggegangen wird. Damit müsse man leben und leben können, sagt Jensen. Was ihm hingegen viel bedeutet hat, schreibt er, sei die Dankbarkeit der Opferfamilien.

Schliesslich muss man selbst seine Anonymität wahren und die Kampagnen immer mit einer extra dafür eingerichteten Mailadresse und mit einem Deckmantel fahren. Man darf nie persönliche Angaben machen und wenn man auf die Idee kommen sollte, eine Under-Cover-Aktion zu machen, dann darf man sich nicht wundern, wenn man dabei draufgeht – auch diese schon von sich aus völlig einleuchtende Regel untermauert Jensen mit einem eindrücklichen Beispiel.

Also, Fazit Nummer zwei, diesmal aus meiner persönlichen Sicht: Ich fand spannend zu sehen, wie Crowdsourcing bei der Verbrechensbekämpfung funktioniert. Die Methoden sind ganz ähnlich wie bei viralem Marketing für politische oder aktivistische Zwecke – mit einigen kleinen, aber wesentlichen Unterschieden. Ich werde selbst nun nicht zum Verbrechensbekämpfer. Erstens, weil mir dazu die Zeit fehlt. Und zweitens, weil ich dazu zu wenig ein Getriebener bin – und das nicht so ganz mit meinem Verständnis des Journalistenberufs in Einklang bringen kann.

Aber ich habe einiges von dem Buch mitgenommen. Auch die einleuchtende Idee, wie man zum Beispiel Reddit für Recherchen nutzen kann. Man hat, beispielsweise, ein unscharfes Bild einer Überwachungskamera, auf der unscharf Turnschuhe erkennbar sind. Nun möchte man mehr über diese Schuhe herausfinden. Da es bei Reddit wahrscheinlich ein Sneaker-Forum gibt, wo sich Leute tummeln, die mehr über Turnschuhe wissen, als Herr Nike und Frau Adidas zusammen, wird man dort mit einer geschickt formulierten Anfrage sehr schnell so viel erfahren, wie es zu erfahren gibt.

Also, noch zum Aspekt, ob man als Journalist Verbrecher jagen kann, darf oder sollte, oder nicht: Jensen bezeichnet sich als investigativen Journalisten. Doch während man als typischer Journalist neutral bleiben und eine gewisse Distanz wahren sollte, ist Jensen Partei: Wie bereits erklärt, ist er nachgerade ein Besessener – ein Merkmal, das er mit einer weitere Figur im Buch teilt: Seine Mitstreiterin Michelle McNamara, die bei einem der spekakulärsten True-Crime-Fälle recherchiert hat, dem Golden State Killer.

Klar, natürlich: Niemand wird die Forderung nach Objektivität im Journalismus aufrecht erhalten wollen, wenn es um Mord und Todschlag geht: Natürlich soll sich ein Reporter auf die Seite der Opfer schlagen – zumal in Realität oft so ist, dass die Täter die ganze mediale Aufmerksamkeit geniessen und die Opfer vergessen gehen. Und es ist auch klar, dass ein investigativer Journalist die Instinkte eines erbarmungslosen Jägers braucht: Nur so kommt er gegen Leute an, die ihre Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen wollen.

Trotzdem passen beide Rollen für mich nicht gut zueinander – wenn die Medien die vierte Gewalt im Staat sind, dann kann man als Journalist kein Helfershelfer der staatlichen Exekutive sein, selbst wenn man sich für die Opfer einsetzt. Oder sehe ich das zu eng?

Im Buch«Chase Darkness with Me» ist nie die Rede davon, dass Jensen irgendwelche Kompromisse machen musste, um seine Arbeitgeber zufriedenzustellen. Wie ich das Medienbusiness kenne, ist die Gefahr aber recht gross. Vielleicht hätte es den Rahmen des Buchs gesprengt oder er wollte seinen eigenen Nimbus nicht in Frage stellen. Oder es ist in der Tat so, dass in den USA Auftraggeber einer True-Crime-Serie die Wahrheit über die Einschaltquote stellen. So richtig glauben mag ich das allerdings nicht – darum hätte ich gerne mehr über dieses Konfliktfeld gelesen. Aber mir leuchtet ein, dass das fürs breite Publikum wahrscheinlich nicht ganz so interessant gewesen wäre.

Beitragsbild: Wer hat diese Schuhe gesehen? (Rene Böhmer/Unsplash, Unsplash-Lizenz)

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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