Die Venus im Vorgarten

Die erweiterte Realität, neudeutsch Augmented Reality (AR), ist eine Angelegenheit, die in der Theorie fasziniert und begeistert – und in der Praxis enttäuscht. AR ist eine Spielerei. Sie schafft es zwar, manchmal sogar ein bisschen Spass zu machen. Aber sie liefert keinen echten Gewinn.

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Wie der Titel sagt…

Das liegt natürlich an der Hardware, die uns im Moment zur Verfügung steht. Die Erweiterung der Realität findet auf dem Handydisplay statt. Apple hat AR Kit im Juni 2017 für iOS 11 eingeführt. Seitdem hat das Genre Aufwind erfahren, weil es dank der Unterstützung des Betriebssystems einfach ist, Apps mit entsprechenden Fähigkeiten auszustatten. Doch die AR-Apps zeigen eigentlich nur eines: Es ist unsinnig, die Welt auf dem Smartphone-Display zu betrachten, wenn man sie gleichzeitig ohne Smartphone in Echt ansehen kann: In vollen 360 Grad, so hochauflösend wie die eigenen Augen es erlauben und ohne die kleine, störende Verzögerung, unter der das Kamerabild leidet. Da Apple das wahrscheinlich auch weiss, wirft es die Frage auf, ob bereits an den «Apple Glasses» gearbeitet wird. Und natürlich wird an den Apple Glasses gearbeitet, wie die für gewöhnlich gut informierten oder aber haltlos spekulierenden Kreise wissen. Aber selbst ohne äussere Anzeichen wäre es schlicht eine Unterlassungssünde, wenn Apple das Feld der Datenbrillen nicht beackern würde.

Im Moment stehen uns die Brillen nicht zur Verfügung. Und auch wenn der Startschuss fürs Smart-Glasses-Zeitalter fällt, wird es noch einige Jahre dauern, bis die Kinderkrankheiten überwunden und die Brillen brauchbar sind. Oder Jahrzehnte – denn die technischen Hürden liegen hoch, sehr hoch: Die Brille darf nicht technoid oder gruselig aussehen, sondern sollte so normal wie möglich erscheinen. Die Einblendungen dürfen nicht stören, sondern müssen nützlich sein. An die Batterie hat man die Erwartung, dass sie winzig ist und trotzdem den ganzen Tag lang hält. Und wenn man es mit Objekten zu tun hat, dann will man natürlich mit den Händen mit diesen Objekten interagieren können: Denn wie hier beschrieben, wird die Illusion augenblicklich zerstört, wenn das Objekt nicht auf Berührung reagiert oder im Bild die Hände überlagert, obwohl es optisch eigentlich weit hinter den Händen liegen müsste.

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Der Mond zieht seinerseits hinter dem Haus seine Kreise…

Darum ist AR im Moment ein Nischen-Ding. Apps wie AR Measure Kit und Magic Plan sind grossartig – doch wie oft muss man wirlich seine Wohnung vermessen? Spiele wie The Machines (iPhone) sind faszinierend, aber auch etwas mühsam zu spielen. Wer, wie ich, seine Games am liebsten auf dem Sofa liegend benutzt, kommt nicht so ganz auf seine Rechnung. Darum gefällt mir Solar (iPhone) so gut: Die App zeigt die Planeten des Sonnensystems inklusive Monde in der Wohnung oder im Vorgarten an. Die Anzeige ist animiert: Die Himmelskörper drehen sich und werden, falls vorhanden, von ihren Monden umkreist. Diese Visualisierung hat keinen praktischen Nutzen, ist in Sachen Grössenverhältnissen auch absurd und, im Fall der Erde, sogar ziemlich paradox. Aber die Planeten sind hübsch gemacht und wenn ich diese App benutze, freue ich mich darüber, dass wir in einem so schönen Sonnensystem leben.

Die App zeigt auf Wunsch einige Details zu den Himmelskörpern an und man kann sie näherholen oder wegschieben. Trotzdem: Wer Planeten mag und AR nicht abgeneigt ist, sollte sich unbedingt auch Astronomie-Apps wie Sky View (Weisst du, was da für ein Sternlein steht?) besorgen. Oder Starmap: Für die App habe ich seinerzeit 14 Franken bezahlt. Starmap 2 ist kostenlos, das Pro-Feature kostet allerdings noch immer 14 Franken und ist das Geld noch immer wert: Die hilft einem nämlich dabei, den richtigen, echten, realitäts-unerweiterten Himmel zu betrachten…

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Hilfsmittel für Sternengucker.

Autor: Matthias

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