Morbus Facebook

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Pillen helfen leider auch nichts. (Bild: Hastywords/Pixabay, CC0)

Es wäre wahrscheinlich besser, Twitter und Facebook einfach abzuschalten – die Plattform befördern vor allem Dummheit und niedere Instinkte. Es bedeutet nicht, dass man sich nicht was Neues einfallen lassen darf – nachdem wir alle aus den Fehlern gelernt haben.

Das war neulich ein frustrierter Tweet von mir. Ich hatte auf Facebook mal wieder eine deprimierende Erfahrung gemacht. Ein Mann des öffentlichen Lebens, Politiker und Gemeinderat hier in der Stadt für eine freibeuterische Splitterpartei, hatte einen deplatzierten Facebook-Kommentar über eine Juso-Politikerin verteidigt. Das hat Widerspruch hervorgerufen. Doch der Mann machte das, was Leute in solchen Situationen häufig tun: Er stellte sich auf die Position, die Kritik an seinen Aussage sei bloss ein Beleg, wie Recht er doch eigentlich habe. Und er war sich offensichtlich nicht im Klaren darüber, dass man eine Aussage wie, paraphrasiert: «Die Frau leidet darunter, dass sie noch nicht mal einer vergewaltigen will» einfach nicht verteidigen sollte – selbst wenn man besagte Frau nicht mag.

Zwei Dinge haben mich betrübt: Die Partei, zu der der Mann gehört, war für mich phasenweise wählbar. Ich bin ein grosser Panaschierer und habe die Piratenpartei nie hauptsächlich gewählt. Aber ein paar Piraten waren bei manchen Wahlen bei mir auf dem Zettel. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich dem Mann tatsächlich einmal meine Stimme gegeben habe. Aber ausgeschlossen ist es nicht. Klar, es kommt vor, dass man sich auseinanderlebt, auch zwischen Wählern und Politikern. Doch es zeigt auch, dass die Theorie des Overton-Fensters wahrscheinlich stimmt und sich dieses Fenster gerade extrem in die falsche Richtung bewegt. Selbst wenn der Mann diese Meinung schon immer gehabt haben sollte – er hätte sie vor ein paar Jahren wohl nicht so unverblümt geäussert.

Zweitens: Ich habe, wie viele, das ungute Gefühl, dass wir uns gesellschaftlich in eine Richtung bewegen, wo ich nicht hin will. Globalisierungsängste werden auf Ausländer projiziert, an kapitalistischen Auswüchsen sind die Ärmsten schuld – und Rechtspopulisten machen sich diese Stimmung skrupellos zu Nutze. Und eben: Die sozialen Medien tragen ihren Anteil daran.

Der #allmenaretrash-Hashtag hat in den letzten Wochen für einen weiteren betrüblichen Tiefpunkt gesorgt. Und bei mir innerlich für einen Wendepunkt. Bislang dachte ich, dass soziale Medien grundsätzlich eine gute Sache seien: Ein Teil des Internets, der zwar seine Mängel hat und Auswüchse hervorbringt, bei dem unter dem Strich die Vorteile für uns alle hat.

Nun denke ich, dass die sozialen Medien den Ärger nicht wert sind. Ihre Funktion als Massenverbreitungsmittel für Hass und als Instrument der Spaltung und der Missinformation überlagert die guten Seiten. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass nun eine Grenze überschritten ist. Denn Morbus Facebook, wenn ich dieser Krankheit mal einen Namen geben darf, befällt auch Leute in meiner Blase, die bislang meistens vernünftig und zugänglich argumentierten. Sie verfallen in seltsame Pauschalisierungen und stellen steile Thesen in den Raum, um Aufmerksamkeit zu generieren. Sie könnten es besser wissen. Aber dann hätten sie nicht so viele Likes.

Morbus Facebook hat mit dem vermaledeiten Facebook-Algorithmus zu tun, der meint auszwählen zu müssen, was die Leute sehen und was nicht. Er spült das Geschrei nach oben – und bestraft differenzierte Gedanken, die man nicht in einem Augenblick abhandeln und mit einem Like versehen kann. Das Dumme ist, dass das nicht einfach nur ein Modus operandi ist. Manche Leute gewöhnen sich daran, sich so zu gebärden. Und sie reagieren mit der gleichen flapsigen Art, wenn man in Kommentaren widerspricht. Darum die Krankheits-Metapher: Morbus Facebook ist nicht ohne weiteres abzuschütteln. Oder wie einer auf Facebook mal sagte: «Klar weiss ich, dass das Fakenews sind. Ist doch egal! Hauptsache lustig!» Das sagt keiner, der vollkommen richtig im Kopf ist.

Ich spüre bei mir den Drang, dagegen anzuargumentieren. Aber ich habe auf Facebook selten bis nie das Gefühl, damit durchzudringen. Im richtigen Leben kommt es vor, dass man sich bei Meinungsverschiedenheiten auch mal wieder einig wird. Auf Facebook oder auch Twitter passiert das so gut wie nie. Bei einem Hahnenkampf in der Öffentlichkeit will keiner einlenken. Da setzt man lieber noch einen drauf.

Bei Facebook kommen noch viele andere Probleme dazu, Datenschutz, zerstörerische Auswirkungen auf den lokalen Werbemärkten.

Die sozialen Medien sind in der heutigen Form gescheitert. Nicht weil sie keinen Erfolg hätten, im Gegenteil. Sie haben die Gesellschaft so schnell erobert, dass die Gesellschaft nicht mitgekommen ist. Wie im Tweet angedeutet, halte ich die Idee der digitalen Vernetzung nicht für per se falsch. Aber in der Form funktionieren sie nicht. Es bräuchte eine andere Organisationsform, mit mehr Einfluss der Nutzer auf die Art und Weise, wie die Plattformen funktionieren. Eine dezentrale Struktur wäre schön. Und vor allem ein Mechanismus, der der Meinungsfreiheit ausreichend Raum lässt, aber auch den verantwortungsvollen Umgang befördert. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie dieses Ziel zu erreichen wäre.

Vielleicht, indem man die schlimmsten Entgleisungen in Stein meisselt und für alle sichtbar am Hauptbahnhof oder auf dem Bundesplatz aufstellt – ohne Chance, sie zu löschen oder zu bearbeiten. Denn wenn man eine Ahnung hat, dass ein dahergeredeter Unsinn zu einer fürchterlichen Blamage ausarten könnte – dann denkt man vor dem Posten vielleicht zweimal nach.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

3 Gedanken zu „Morbus Facebook“

  1. Verwende zwar kein Facebook, aber bei Twitter ist mir in den letzten Jahren auch die Verrohung der Sitten aufgefallen. Wobei man da wählen kann, wem man folgt und so recht gut vom gröbsten Quatsch verschont bleibt.

    Interessanterweise holt einen der Unsinn dann manchmal über die traditionellen Medien ein, weil besonders im Sommerloch viel darüber berichtet wird, was “das Internet” so denkt. Dabei werden dann Themen mit Relevanz geadelt, die es nicht verdient haben. Da wünsche ich mir mehr professionelle Distanz der Schreibenden: nur weil Dummköpfe für alle Welt lesbaren Quatsch verbreiten, muss man noch lange nicht darüber berichten.

    Die Lösung? Schwierig. Selbst auf Xing kennt man keinen Anstand mehr: auch in ganz spezifschen Fachgruppen (”Datenbanksysteme auf Linux”) lädt jeder Recruiter ungefragt seine Stelleninserate ab. Eine normale Diskussion ist beinahe unmöglich geworden.

    Der grosse Lichtblick für mich ist Google+. Da wird in den Kommentaren teilweise auch hart diskutiert, aber man bleibt immer anständig. Für die Schweiz relevante Themen gibt es leider nicht viele, aber zu den Themen IT, Fotografie und Eisenbahn habe ich immer etwas im Stream.

  2. Lieber Matthias

    Wir haben uns ja während der NoBillag-Debatte auch einmal ordentlich in die Haare gekriegt auf Facebook (es war grundsätzlich nicht die gesittenste Debatte, die ich miterlebt habe). Ich habe Facebook kurze Zeit später danach komplett gelöscht – Twitter schon vorher. Social Media ist Gift – und man lässt sich leider auch selbst viel zu leicht dazu verleiten, anderen gegenüber ebenfalls grob an den Karren zu fahren (wobei ich mich selbst davon nicht ausnehme).

    Ich bekomme viele Dinge nur noch verzögert und passiv mit (wie der Hashtag mit dem allmenaretrash) und habe es bis dato nie bereut, nicht mehr in den sozialen Medien (ausser Instagram) aktiv zu sein.

    Das was du oben beschreibst überrascht mich zwar nicht, scheint aber tatsächlich ein neuer Tiefpunkt zu sein; und dass es sich deiner Beschreibung nach offensichtlich um jemanden handelt, den ich kenne, macht die Sache nicht besser.

    Bleib aber bitte auf dem Blog & Nerdfunk aktiv – ich schätze die Inhalte, die du produzierst, auch wenn wir politisch nicht auf einer Linie sind.

    Grüsse, Nicole

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