Allzu vergängliche Spuren der Kommunikation

Vor gut einem Jahr habe ich mich im Beitrag Das E-Mail stirbt einen langsamen Tod mit den Zukunftsaussichten des Mails auseinandergesetzt. Die sehen ähnlich aus wie die des SMS: Beide sind unverzichtbar. Aber beide sind dazu da, zu einem Administrationsinstrument zu verkommen. Das SMS wird, in Zeiten von Messengern, hauptsächlich noch für den Versand von Einmal-Codes für die Zwei-Faktor-Authentifizierung benutzt. Und die Mailadresse ist für Logins unverzichtbar – doch abgesehen davon scheint die Welt inzwischen lieber per WhatsApp, Slack, Facebook Messenger, iMessage zu kommunizieren.

180817-stack-letters-447579.jpg
Briefe wirft man (meistens) auch nicht einfach so weg. (Bild: Andrys/Pixabay, CC0)

Und das gilt nicht nur für die private Kommunikation. Auch Geschäftliches läuft immer häufiger via Messenger ab und nicht mehr per Mail. Das ist nicht gänzlich verkehrt: Das Mail ist einfach kein sehr sicheres Kommunikationsmedium. Es gibt standardmässig keine Verschlüsselung. Und die Verschlüsselung, die man dem Mail überstülpen kann, ist unsicher.

Trotzdem habe ich ein Problem mit dieser Entwicklung. Ich pflege ein Mailarchiv, das inzwischen fast zwanzig Jahre zurückreicht und mehrere Hunderttausend Nachrichten umfasst. Das ist ein umfangreiches Archiv von privaten und beruflichen Aktivitäten. Dieses Archiv ist auf meinem Computer gespeichert und einfach durchsuchbar. (Zur Mailarchivierung gibt es hier die Empfehlung Mailstore. Ich nutze die nicht, weil ich mit den Möglichkeiten des Mailprogramms zufrieden bin. Aber fürs Webmail oder für Nutzer exotischer Mailprogramme ist das eine echte Empfehlung.)

Wenn die Frage auftraucht, was ich am 15. Februar 2004 gemacht habe, dann bietet das Mailarchiv eine gute Chance, darauf eine Antwort zu finden. Wenn es Mails von dem Tag gibt, dann wird die Sache sofort klarer. Ansonsten gibt es nicht so viele Möglichkeiten: Ich könnte nachsehen, ob ich an dem Tag Fotos gemacht habe – doch da damals die Handyfotografie noch keine derartigen Ausmasse angenommen hat wie heute, sind die Chancen gering. Vielleicht gibt es auch einen Eintrag im Kalender. Allerdings muss man erst einmal einen Kalender haben, der so weit zurückreicht. Beim Google Calendar klickt man sich standardmässig einen Wolf, wenn man ein paar Jahre in die Vergangenheit zurückkehren will. Es gibt Mittel und Wege, das zu vereinfachen.

Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass Google Kalender mir die Frage, was ich am 15. Februar 2004 gemacht habe, nicht beantworten kann. Ich nutze den Kalender offenbar seit Mai 2006: Da gibt es den ersten Eintrag. Das ist etwas erstaunlich, da laut Wikipedia der Dienst im April 2006 den Betrieb aufgenommen hat und ich sicher nicht sofort auf diesen Zug aufgesprungen bin. Ich habe meinen Kalender in Mozilla Calendar und Lightning geführt und dann irgendwann bei Google importiert – so dürften auch die älteren Termine bei Google gelandet sein.

Ich nehme an, dass meinen Leserinnen und Lesern an dieser Stelle ein Einwand auf der Zunge liegt. Nämlich der: «Ich will überhaupt nicht wissen, was ich an einem so weit zurückliegenden Tag wie dem 15. Februar 2004 gemacht habe. Wieso sollte ich? Tempi passati!» Und natürlich: Meistens kommt es nur im Umfeld polizeilicher Ermittlungen darauf an, zurückliegende Ereignisse möglichst präzise chronologisch zu rekonstruieren. Im Alltag tauchen Fragen auf wie: «Wann waren wir eigentlich in Schweden in den Ferien?» Und solche Ereignisse sind in aller Regel auch einfach zu rekonstruieren.

Auf den Einwand habe ich zwei Entgegnungen. Erstens: Privat kommt das bei mir auch eher selten vor. Beruflich passiert es aber gelegentlich. Da fragt ein Kollege, ob ich zu diesem oder jenem Ereignis einen Experten wüsste, den man befragen könnte. Ich erinnere mich in solchen Fällen oft an einen Artikel, wo ich mit jemandem zu tun hatte, der in Frage kommt oder der jemanden kennt, der in Frage kommen könnte. Dann ist das Mailarchiv der schnellste Weg, an die Kontaktdaten heranzukommen. Klar – man könnte auch eine Expertendatenbank führen, in der man solche Ansprechpartner einträgt. Viele Journalisten tun das auch. Ich würde es gern tun, habe die Zeit aber nicht.

Worauf ich hinaus will: Ein Mailarchiv ist eine gute Sache, weil es viele Projekte und Ereignisse dokumentiert und die Entstehungsgeschichte von Ideen und Unterfangen protokolliert. Die Frage «Warum haben wir das damals eigentlich so gemacht?» taucht bei mir immer mal wieder auf. Und dann ist ein Mailarchiv Gold wert – zumindest dann, wenn man Nachrichten ausgetauscht hat, während man eine Idee entwickelte, einen Plan ausarbeitete und irgend ein Ding in Angriff nahm.

Und ja, es kam auch schon vor, dass ich mich Jahre später gefragt habe, warum ich mich eigentlich mit dieser oder jener Person verkracht oder auseinandergelebt habe. Wenn es jemand ist, mit dem ich Mails ausgetauscht habe, dann braucht es nur eine Suche und den Blick in ein paar Nachrichten und die Sache ist klar.

Diese unkomplizierte, implizite Form der Selbstdokumentation ist mit den Messengern in Gefahr. Wie lange reicht das Archiv bei WhatsApp zurück? Und wie zuverlässig ist es, wenn die Beteiligten neuerdings die Möglichkeit haben, Nachrichten für alle zu löschen? Es verhält sich wie bei Facebook: Facebook ist zwar theoretisch eine wunderbare Möglichkeit, um eine Art Lifelog anzulegen. Praktisch taugt Facebook dazu gar nichts, weil man nur geblockt werden muss, um entscheidende Teile seines Lebensberichts zu verlieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass ich mich fünf oder zehn Jahre später wahrscheinlich nicht mehr erinnere, auf welchem Weg eine Kommunikation damals abgelaufen ist. War es Facebook Messenger, eine Twitter Direct Message, eine Skype-Nachricht, eine Slack-Botschaft, eine Mitteilung bei Threema oder Signal, ein Protonmail – oder irgend etwas anderes, was es damals gab und heute nicht mehr gibt?

Zweitens (und Fazit): Es droht ein Verlust an persönlichen Informationen und Informations-Souveränität. Die neuen Kommunikationsformen rauben uns die Möglichkeit, die Spuren von Kommunikation und Interaktion aufzubewahren. Sie gehen implizit davon aus, dass es sich um Wegwerfbotschaften handelt – was in vielen Fällen sicherlich auch der Fall ist. Auf WhatsApp werden nun mal oft Dinge wie «Komme eine Viertelstunde später nach Hause» ausgetauscht. Aber dennoch ist es an uns zu beurteilen, was uns diese Mitteilungen bedeuten und ob wir sie aufbewahren wollen oder nicht.

Es bräuchte eine Möglichkeit, private Nachrichten komfortabel zu archivieren – und möglichst aus allen Quellen und Diensten in eine zentrale Ablage einfliessen zu lassen, die leicht durchsuchbar ist und nicht in der Cloud gespeichert werden muss: Dieses Archiv gehört auf die eigene Festplatte, wo auch niemand von aussen dran kann. Eine Art Mailstore (siehe oben) für Messenger.

Das wäre keine so grosse Hexerei: Eine Standardschnittstelle, mit der die Nachrichten abgezogen und ins Archiv überführt werden. Und dort meinetwegen auch Jahrzehnte liegen können, bis sich vielleicht zufällig ein Historiker dafür interessiert…

PS: Ich bin noch nicht dazu gekommen nachzusehen, was ich am (willkürlich gewählten Datum des) 15. Februar 2004 gemacht habe. Falls ich Zeit dazu finde und die Information irgendwie aufschlussreich ist, wird sie hier nachgetragen.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Allzu vergängliche Spuren der Kommunikation“

  1. Was Du beschreibst, ist für Unternehmen ein grosses Problem: Wie legt man Kommunikation per Messaging ab?

    Es geht nicht nur zum rechtliche Aufbewahrungspflichten, sondern vor allem auch darum, dass in einem Unternehmen normalerweise mehr als eine Person die Möglichkeit haben muss, sich über bereits erfolgte Kommunikation zu informieren.

    Bei E-Mail löst man das Problem normalerweise mit der Ablage in einem CRM. Das ist schon anspruchsvoll genug, weil alle Beteiligten die relevanten E-Mails ablegen und verlinken müssen. Dazu kommt in vielen Fällen ein Archiv im Hintergrund, das im Alltag aber nicht genutzt wird und vor allem der Datensicherheit dient.

    Bei Messaging ist mir keine entsprechende Lösung bekannt, weil es die notwendigen Schnittstellen nicht gibt. Für sehr wichtige Kommunikation kann man sich mit Notizen und Screenshots behelfen, aber das genügt eigentlich nicht …

    Je nach Plattform ist es bereits anspruchsvoll zu merken, dass man kontaktiert wurde. Bei Facebook ist es für Seiten standardmässig anscheinend nicht möglich, sich gezielt über neue Nachrichten informieren zu lassen. In der Folge gehen neue Nachrichten teilweise in den sonstigen Benachrichtigungen unter.

    Letztlich beginnt das Problem schon damit, dass Messaging erst einmal immer privat ist. Bei E-Mail kann man – wenn man möchte – viel einfacher zwischen «privat» und «geschäftlich» trennen.

Kommentar verfassen