Peak Oil mal zwei

Soll ich es noch einmal tun? Zwei Bücher von Andreas Eschbach parallel zu besprechen? Ich könnte, denn ich habe Ausgebrannt (Amazon Affiliate) und Solarstation (Amazon Affiliate) gelesen. In beiden geht es ums Erdöl – und darum, dass es irgend wann, vielleicht schon bald, knapp werden könnte. Es geht um den Unfug, einen so wertvollen Rohstoff der Fortbewegung und des Heizens wegen zu verbrennen, wo die Zivilisation doch in so vielerlei Hinsicht von ihm abhängt.

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Aus und vorbei. (Bild: ambquinn/Pixabay, CC0)

Es gibt ein Gegenargument. Die Parallelen bei diesen beiden Büchern nicht so tiefgehend wie im vorherigen Fall Doppelt unsterblich. Doch wo käme ich hin mit der Bloggerei, wenn ich mich davon abhalten lassen würde? Eben. Darum hier also die zweite Eschbach-Parallelbesprechung!

Da ich ein bisschen spoilern werde, hier voraus die unverfängliche Zusammenfassung: «Solarstation» ist das zweite Buch von Eschbach von 1996. Es ist ein Thriller, der in einer Raumstation spielt und vor allem von der Action lebt. Das entwertet das Buch in meinen Augen nicht; Eschbach beherrscht auch dieses Element, und es gibt genügend Wendungen, die einen bei der Stange halten, selbst wenn man, wie ich, Drehbücher in Prosaform sonst nicht so mag. Aber es ist ein untypisches Eschbach-Buch, weil es sein Thema nicht in der Tiefe auslotet, wie man sich das sonst gewohnt ist. Die Erdölkrise und der Energiewandel sind blosse Elemente der Staffage für ein Drama im Weltall, das – wie modern! – durch islamistische Dschijhadis ausgelöst wird.

«Ausgebrannt» von 2007 hingegen zerlegt sein Motiv daher nach allen Regeln der Kunst. Ob Peak Oil oder abiotisches bzw. nicht-fossiles Erdöl – die Hauptfigur Markus Westermann, die es in den USA als Mark Westerman schaffen will, bekommt es mit allem zu tun. Die Energiewende ist hier die Abkehr vom Öl und nicht von der Atomkraft (was unweigerlich die Frage aufwirft, ob die Energiewende, wie sie im Moment politisch diskutiert wird, nicht bloss der unwichtigere Teil der eigentlichen Fragen darstellt), und sie wird in aller Dringlichkeit und mit einem dystopischen Unterton gestellt. Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch – aber es macht «Ausgebrannt» und «Solarstation» zu zwei ziemlich unterschiedlichen Büchern.

Wenn man sich nach den Gründen fragt, findet man auf der Website des Autors eine Erklärung, die sich auf Eschbachs Erstling, «Die Haarteppichknüpfer» bezieht:

Tja, erwiderte er [der Lektor], der Roman schwebe so unentschlossen zwischen Atmosphäre und Action. Er habe nicht genug Atmosphäre, um daraus leben zu können, andererseits aber auch nicht genug Action, um seine Kraft daraus zu beziehen.

Ich war verblüfft über diese Ansicht. Für mein Empfinden hatte ich in den «Haarteppichknüpfern» das Äusserste an Atmosphäre verwirklicht, das mir möglich war, so dass es wohl keinen Sinn machte, sich in dieser Richtung noch mehr anzustrengen. Aber was Action anbelangte, war es nach meinem Dafürhalten erstaunlich, dass jemandem dieses Wort im Zusammenhang mit diesem Buch überhaupt einfiel.

Ich weiss noch, wie ich nach diesem Gespräch dasass, das Telefon auf meinen Knien, vor mich hinstarrte und dachte: Ihr wollt ACTION? Ihr sollt Action haben!

Es sollten mehr Autoren auf die Idee kommen, es den Lektoren so heimzahlen zu wollen. Und es erklärt zumindest teilweise meine hier öfters geäusserte Kritik, dass sich Thriller heute oft an der Erzählweise des Films orientieren und meinen, Showdowns bieten zu müssen, die man eins zu eins ins Kino bringen könnte. Schätzing scheint sich nicht von dieser Maxime erholt zu haben – oder es macht ihm wirklichen Spass.

Es gibt indes eine Parallele zwischen den Büchern. Beide spielen in der Aktualität, sind aber in einer alternativen Realität eingebettet, bei der die Versorgungslage in Sachen Energie nicht ganz so solide ist, wie wir uns das noch gewohnt sind. Gut, «Solarstation» war zur Zeitpunkt des Geschriebenwerdens near future science fiction, weswegen es verzeihlich ist, dass noch Faxe ins All geschickt werden. «Ausgebrannt» verwendet die Echtzeit mit Ausblicken in die Zukunft, in denen die Zivilisation ebenfalls dystopisch zerbröckelt, weil das Erdöl knapp wird. Und es gibt in beiden Büchern alternative Konzepte: In «Solarstation» eine riesige Raumstation, die Sonnenenergie zur Erde «funkt». Und in «Ausgebrannt» eine effektive Destillationsmethode, um Öl aus biologischen Abfällen herzustellen.

Fazit: Ich habe beide Bücher gerne gelesen, den untypischen Eschbach und den typischen. Wer auf gradlinige Thriller steht, wählt «Solarstation», wer ein wilder Ritt über Erdölfelder Saudi-Arabiens und eine Abrechnung mit unserem blinden Energiehunger bevorzugt, besorgt sich «Ausgebrannt». An dem habe ich eine leichte Kritik: Dass am Ende Internet, die Startup-Kultur und der Glaube an den Fortschritt unter die Räder gerät, halte ich für unrealistisch. Ich verstehe, dass der Autor diesen Weg gewählt hat – aber gut zehn Jahre nach der Veröffentlichung wirkt es auch nicht mehr glaubwürdig, wenn Elektroautos in einem einzigen Satz (wenngleich mit mehreren Einschüben) wegdiskutiert werden. (Selbst wenn Tesla gerade in der Krise steckt und Elon Musk etwas an Strahlkraft verloren hat.) Das ist der Satz:

Die Energiedichte eines Elektroantriebs – Motor und Batterie zusammengenommen, wohlgemerkt, oder meinetwegen eine Brennstoffzelle statt der Batterie, das ändert auch nichts Wesentliches – recht gerade aus, um ein besseres Golfwägelchen zu fahren, aber dann ist auch schon Schluss.

Kurz zu der inhaltlichen Zusammenfassung: «Solarstation» wird von Leonard Carr aus der Ich-Perspektive erzählt. Er ist Hausmeister in einer Raumstation, die Sonnenlicht mit riesigen Segeln einfängt und zur Erde funkt. Er scheint ein Lebemann zu sein: Ehemaliger Soldat, der es sogar als Astronaut schafft, mit einer Mitastronautin eine Affäre zu unterhalten. Auch die Probleme der Station bei der Energieübertragung auf die Erde kümmern ihn nicht sonderlich – es ist ja nicht sein Job, die am Laufen zu halten. Doch Carr wird zu einer verantwortungsvolleren Figur, als Weltraumpiraten zuschlagen. Sie kapern die Station, angeblich wegen einer Lösegeldforderung. Doch es wird klar, dass es nicht darum geht. Als Terroristen wollen sie Mekka zerstören, um … äh, irgendwie die islamische Welt durchzurütteln. Die Logik scheint zu sein, dass ein Gott, der Mekka vom Himmel her dem Erdboden gleichmacht, sich auf die Seite der Dschihadisten schlägt. Angesichts eines IS, der Jahrhunderte alte Kulturgüter in die Luft sprengt, ist auch das keine absurde Idee.

Als weltraumtauglicher Macgyver schafft es Carr, die Kontrolle über die Raumstation zurückzugewinnen.

«Ausgebrannt» ist, wie angedeutet, etwas komplexer. Markus Westermann geht in die USA, um dort mit der Methode OPI-OPM reich und einflussreich zu werden: OPI steht für Other people’s ideas, OPM für Other people’s money. Er heuert dafür bei einem Unternehmen an, wo er Softwaresysteme für Deutsch lokalisiert. Trotz Schleimscheisserei par excellence funktioniert seine Karriere nicht wie geplant. Als er fast schon draussen ist, trifft er Karl Walter Block: Ein Österreicher, der in seinem Garten in Steyr Öl gefunden hat und «die Methode» besitzt: Eine Methode, Öl zu finden, wo andere versagen.

Er tut sich mit Block zusammen, denn Mark Westerman hat genug Wissen darüber gesammelt, um an das Geld von Investoren heranzukommen. Das Unternehmen wächst schnell und der Realisierung des amerikanischen Traums in Form eines milliardenschweren Bankkontos scheint nichts im Weg zu stehen. Seit er Amy-Lee Wang kennengelernt hat, stimmen sogar Sex und Drogen. Doch es wird knifflig, als sich die Saudis einschalten: Sie wollen Blocks Methode, um neue Erdölfelder zu finden. Auf Intervention des US-Präsidenten nehmen die beiden den Auftrag an, obwohl ihnen nicht wohl ist. Ob Blocks Methode in der Wüste funktioniert, steht in den Sternen. Sie halten es für einen Diskretitierungsversuch der Erdölförderernation Nummer eins. Doch es entpuppt sich als das Gegenteil: Die Saudis sind verzweifelt, denn das Erdölfeld Ghawar wird übernutzt und droht zu versiegen.


Dieses Interview dreht sich um ein komplett anderes Buch. Aber das kann ich jetzt auch nicht ändern.

Das passiert und stürzt die Welt in eine Ölkrise, die umso schlimmer ist, weil die Saudis das Ausmass des Problems durch einen gezinkten Anschlag auf den Hafen Ras Tanura zu vertuschen suchen. Block verschwindet, um dann in einer psychatrischen Klinik zu landen. Seine Idee, dass Bakterien das Erdöl in unbegrenzter Menge herstellen, war immer schon ein Trugschluss gewesen (wohl nicht zufällig klingt Block wie Gold, denn der in Österreich geborene Thomas Gold war ein Vertreter dieser Idee).

Westerman seinerseits kommt in Bedrängnis. Er kennt Blocks Methode nicht bzw. nur halb. Er versucht, an Blocks Unterlagen heranzukommen, doch hinter denen sind auch andere her. Der CIA in Gestalt Charles Taggards offenbar. Trotzdem versucht Westerman den Schein auftrecht zu erhalten und überlegt sich sogar, die Methode auch an seinen Schwiegervater in Spe, Amy-Lees superreichen Vater zu verkaufen. Nach einem Autounfall – ironischerweise ausgelöst durch einen leeren Benzintank – muss Markus untertauchen. Er versucht, Charles Taggard aufzuspüren und schafft das auch: In einer abgelegenen Ortschaft namens Bare Hands Creek, die inzwischen von sektiererischen Isolationisten beherrscht wird, die sich die Erdölkrise nur zu Gern zu Nutze machen, um ihre Vision einer geschlossenen Gesellschaft Realität werden zu lassen: amish people on steroids, könnte man sagen.

Nach dem Tod Taggards und seinem Geständnis, dass der CIA schon Westermanns Vater im Visier hatte, gelingt Markus die Flucht. Ausgerechnet auf der Farm Amy-Lees (ein wahrlich fantastischer Zufall!) findet er die Unterlagen seines Vaters. Er schafft es, das Verfahren zu reproduzieren und damit die Folgen der Erdölkrise zumindest zu dämpfen. Der Weg ist nun offen für ein Happy-End, dass keine Vergleiche zu scheuen braucht. Denn sein Bruder Frieder erobert mit seiner Solaranlage gleichzeitig die islamische Welt. In ihr stösst Markus’ Energiegewinnungssystem wegen der Verwendung von Alkohol auf Ablehnung…

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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