Muss das sein, SBB?

Die Schweizerischen Bundesbahnen sind ein Transportunternehmen. Würde man meinen. Und ganz falsch ist es nicht. Ein Teil des Unternehmens beschäftigt sich damit, Züge durch die Gegend fahren zu lassen. Aber die SBB sind auch Immobilienbesitzer und -vermieter, Bauunternehmer und Werbetreibender.

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Die sind auch noch stolz drauf!

Und deswegen habe ich ein Problem mit diesem Unternehmen, das mir grundsätzlich eigentlich sehr sympathisch ist. Die Werbung im öffentlichen Raum ist bekanntlich eines meiner Lieblings-Aufregerthemen. Aus Prinzip, denn Werbung ist eine Kommunikation, um die man nicht gebeten hat und die einem aufgenötigt wird. Es kann sein, dass sie einen interessiert. Aber in vielen Fällen muss man einen mentalen Verarbeitungs- und Verdrängungsaufwand für eine Botschaft betreiben, die völlig irrelevant ist. Wie viele Plakate für grottenhässliche SUV-Monstrositäten einer rückständigen Branche sehe ich täglich, die mit einem riesigen Aufwand ihre schon bald obsoleten Produkte in den Markt drücken wollen? Ich weiss es nicht, aber schon ein solches Plakat ist eines zuviel. Es braucht in jedem Fall einen kleinen Energieaufwand, um den Vandalismusimpuls zu unterdrücken. Denn ich würde sehr gerne etwas in der Art wie «Wer dieses Auto kauft, hat einen kleinen Penis» aufs Plakat schreiben wollen.

Werbung ist IMHO ein überholtes Ding und sollte mittelfristig abgelöst werden. Aber sie ist nicht überall gleich schlimm. Wenn sie Medien (wie dieses Blog hier) mitfinanziert, finde ich sie erträglich. Denn bei werbefinanzierten Medien habe ich persönlich einen unmittelbaren Nutzen: Ich erhalte ein Medienprodukt günstiger oder gratis. Ohne Werbung wäre es teurer oder würde nicht existieren. Und man kann die Werbung in den Medien überblättern, ausfiltern oder (dank des Replays, das uns hoffentlich erhalten bleiben wird) überspringen.

Die Werbung im öffentlichen Raum muss man sich ansehen und man hat nichts davon. Gut, die SBB würden das wmöglich abstreiten – denn während bei Plakatwänden irgendwo nur der Grundbesitzer profitiert, der den Platz dafür vermietet, könnte man argumentieren, dass die Werbeeinnahmen der SBB die Billettpreise vergünstigen. Falls die SBB dieses Argument ins Feld führen würde, dann wäre interessant zu wissen, um wieviel die Preise tatsächlich höher wären, wenn die Werbung wegfallen würde. Ich habe bei meinen Recherchen keine Zahl dazu gefunden. Wenn jemand sie kennt, dann möge er mich bitte aufklären. Da die Zahl nicht lauthals kommuniziert wird, kann man auch als Anzeichen nehmen, dass sie nicht sonderlich ins Gewicht fällt. Oder dazu da ist, den eklatant hohen Lohn des SBB-Chefs zu bezahlen.

Selbst wenn man mit der Werbung in den Bahnhöfen leben könnte, dann darf man sich wundern, wie exzessiv die inzwischen betrieben wird. Die Zeiten sind vorbei, wo nur Plakate ausgehängt wurden. Heute gibt es riesige Videowände direkt neben den Anzeigetafeln für die Abfahrtszeiten. Es gibt Videopanels auf Schritt und Tritt. Beamer, die an die Wände gegenüber den Perrons strahlen. Die neueste Furzidee ist ein Beamer, der eine Botschaft auf eine Lifttüre projiziert:

Sorry, SBB, aber da hat es euch ordentlich ins Gehirn geschissen das ist ausgemachter Blödsinn. Wenn einer gegen die Tür läuft, weil er nicht gut sieht und durch die Projektion abgelenkt ist, dann wars das wirklich nicht wert. Gut, wahrscheinlich wart ihr so schlau, dass der Beamer ausgeht, wenn man sich der Tür nähert oder aussteigen will, damit man nicht frontal angestrahlt wirt. Aber trotzdem: WTF?

Es geht mir um Prinzip. Aber es geht mir auch ums Mass. Es gibt auch Werbung auf Zügen und in den Zügen. In der App, wo ich eine Verbindung nachsehen und ein Ticket kaufen will. Und dass man im Bahnhof Winterthur selten durchs Stadttor gehen kann, ohne dass man auf dem Vorplatz von irgend einem angequasselt wird, der einem ein Vielflieger-Bonusprogramm aufschwanzen will, ist auch so ein Ding. Das ist, wie wenn ich meinen Gästen vor der Haustür noch eine Vollkasko-Versicherung würde andrehen wollen, bevor sie über die Schwelle treten, um den Apéro zu reichen. Zugfahren sollte eine entspannende, angenehme und (trotz der Hochgeschwindigkeitszüge) entschleunigende Angelegenheit sein. Da passt die totale Reizüberflutung in den Bahnhöfen in keinster Weise dazu.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

3 Gedanken zu „Muss das sein, SBB?“

  1. Der Versuch einer Annäherung:
    Kosten eines Plakats pro Woche: 500 Fr. (laut Preisliste APG, gute Flächen wesentlich teurer, animierte Werbung sowieso, aber es gibt auch Rabatte für Grosskunden)
    Anteil SBB an Werbepreis: 50% (geschätzt)
    Anzahl Plakatflächen pro Bahnhof: 25 (konservativ geschätzt, in grossen Bahnhöfen hat es wesentlich mehr Flächen)
    Anzahl Bahnhöfe der SBB: 600 (Wikipedia)

    => 500 Fr. * 0.5 * 25 * 600 * 52 = 195 Mio. Fr.

    Im Vergleich: Der Personenverkehrsertrag lag 2017 bei 3316 Mio. Fr.

    Fazit: Ohne Werbung wären Billette ca. 5% teurer. Macht knapp 200 Fr. auf ein GA 2. Klasse. Also nicht nichts. 🙂

  2. Werbung scheint ja wirklich ein Problem zu sein…
    Nur, wenn ich mir so diese Blogseite anschaue, was sehe ich da?

    Werbung! Und nicht zu knapp! Gefühlte 50% der Seite sind mit Werbung zugepflastert. Gut, keine SUV, immerhin…

    Also meine Frage: Was soll das gedönse von wegen Werbung die stört? Ist ja hier auch so quasi öffentlicher Raum, könnte mich ja auch stören.

    Aber ich weiss schon, die Kosten und so weiter und so fort…

    Trotzdem, sieht für mich ein bisschen wie die Geschichte mit dem Wasser predigen und Wein trinken aus…

    Nichts für ungut…

  3. Danke Manuel für die Berechnung! Ich glaube, ich würde fünf Prozent mehr für die Werbefreiheit zahlen.

    @Andreas: Dass es in diesem Blog Werbung gibt, habe ich im Beitrag thematisiert. Du kriegst dafür einen konkreten Gegenwert, nämlich meine Beiträge. Wenn du den nicht als ausreichend erachtest, dann brauchst du dieses Blog nicht aufzurufen. Oder du kannst es auch werbefrei nutzen, wenn du einen Werbeblocker installierst. Ich bespreche dazu auch immer wieder Möglichkeiten, und zwar hier im Blog.

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