Die Welt entdecken, ohne sie erobern zu wollen

Neulich habe ich von der NZZ erfahren, dass zwei meiner Facebook-Freunde (nämlich er und er) intensive Nutzer einer App namens Strut sind, die es kostenlos fürs iPhone gibt.

180705-strut-01.jpg
Bei Strut gibt es zwar keine Mayorships, aber ganz ohne kompetitives Element geht es auch nicht ab.

Bei dieser App ist die Welt in Kacheln eingeteilt. 0,3 Quadratkilometer ist jede Kachel gross und 13,676 Billionen Kacheln gibt es weltweit. Wenn man eine Kachel besucht, deckt man sie für sich auf. Das Ziel liegt natürlich auf der Hand: Man will möglichst viele Kacheln offenlegen. Es ist ein typischer Fall von Gamification: Indem wir bei unserem Ehrgeiz gepackt werden, machen wir Dinge, die wir sonst aus natürlicher Faulheit nicht tun würden. Wir bewegen uns, gehen an die frische Luft und entdecken neue Orte.

Denn Strut ist darauf angelegt, dass man nicht immer die gleichen ausgetrampelten Pfade benutzt, sondern neue Wege beschreitet. Wie die Karte in vielen Computerspielen liegt anfänglich alles im Dunkeln. Während man sich bewegt, werden die besuchten Kacheln (in Deutsch würde man auch von Sektoren sprechen, wenn es nicht so militärisch klingen würde) aufgedeckt. Natürlich erwacht sogleich der Wunsch, diese Fläche zu vergrössern – weil das sowohl dem Jäger- als auch dem Sammlertrieb in uns entspricht.

Urs Helfenstein aus dem NZZ-Artikel will offensichtlich sämtliche Kacheln der Stadt Zürich, besser noch des ganzen Kantons, aufdecken. Andere sind erst zufrieden, wenn sie auf jedem Kontinent der Erde ihre Spuren auf der Strut-Karte hinterlassen haben. Die App selbst will aber nicht die grossen Eroberungsbegierden wecken, sondern macht eine bescheidene und ganz harmlose Empfehlung: Nimm doch mal eine andere Route zur Arbeit, empfehlen einem die Macher aus New York City. Lerne deine Umgebung kennen!

Für mich klingt das ein bisschen wie der Dealer, der Neulinge mit kleinen Gratisportionen anlockt – wobei hier Leute mit dem Hang zu Zwangsstörungen gefährdet sind. Ich will Urs nichts unterstellen, aber was passiert, wenn er alle Kacheln des Stadtgebiets und des Kantons durch hat? Ist dann der Nachbarkanton, die Schweiz, der Kontinent dran?

Ich habe gezögert, die App herunterzuladen. Denn ich bin selbst gefährdet, wegen solcher Apps Ambitionen zu entwickeln, die sich schlecht mit den Anforderungen des Alltags vertragen. Ich nutze seit Jahren Swarm (kostenlos fürs iPhone und Android), die 2011 noch unter dem Namen Foursquare eine meiner Lieblings-Apps war, nachdem Gowalla das Zeitliche gesegnet hatte.

Bei diesem App-Typus, der 2009 sehr in Mode kam, sammelt man keine Strecken oder Kacheln, sondern Checkins. Das ist eine punktuelle Angelegenheit, was gleichzeitig ein Vor- und ein Nachteil ist. Es ist ein Vorteil, weil man nicht die Zeit braucht, um Strecken abzulaufen bzw. Gebiete abzudecken. Und es ist ein Nachteil, weil man nicht zur Bewegung animiert wird, sondern eher dazu, in Restaurants zu sitzen und möglichst viele Spelunken, Bars, Nachtclubs aufzusuchen – und andere exotische Etablissements, von denen man unbedingt Mayor sein möchte.

180705-strut-02.png
Ja, besonders weit herumgekommen bin ich noch nicht.

Bei Strut scheint es das Konzept des Mayors nicht zu geben: Man kann Zellen nicht erobern und «besitzen», wie das bei anderen, ähnlich gelagerten Spielen der Fall ist. Das ist angenehm, weil der Stress wegfällt, seine Eroberungen auch verteidigen zu müssen. Welche Züge das annehmen kann, wissen die Nutzer von Ingress (kostenlos für iPhone und Android): Die ziehen, wie ich von einem Kumpel weiss, in Gruppen durch die Gegend, um Portale zu verteidigen und zurückzuerobern. Da können ganze Wochenenden oder Ferien draufgehen. Da mir dieses kompetitive Element nicht zusagt und ich die Spielmechanik von Ingress bis heute nicht verstanden habe, ist dieser Kelch zum Glück an mir vorübergegangen.

Allerdings: Gbanga Famiglia habe ich seinerzeit gerne gespielt. Bei dem Spiel ging es ebenfalls darum, in einer in Zellen aufgeteilten Welt möglichst weit herumzukommen. Mit seiner Mafiafamilie konnte man Zellen erobern und sein Territorium ausweiten. Virtueller Mafiakrieg in der Schweiz hiess das damals im Tagi-Artikel. Der Nachfolger «Rise and Fall» lässt seit 2014 auf sich warten. Falls er irgendwann aufschlägt, würde ich mich auch dem nicht versagen können.

Ob man die Variante bevorzugt, bei der man erobern kann und verteidigen muss oder ob man die Welt für sich erkundet – und in der Rangliste mit den meisten aufgedeckten Kacheln nach oben kommen möchte oder auch nicht – ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich kann auf die Kämpfe gerne verzichten und wäre daher ein begeisterter Nutzer. Wenn ich denn Zeit dafür hätte.

Interessant finde ich übrigens die Angabe auf strutapp.com, dass 18’470 App-Nutzer bis jetzt 0,524 Prozent der Welt besucht haben. Klar, 71 Prozent der Erde sind von Wasser bedeckt – hier einen massgeblichen Teil aufzudecken, wäre logistisch anspruchsvoll. Aber auch bei den Landflächen scheinen sich die typischen Nutzer einer solchen App auf ähnlichen Pfaden zu bewegen. Ich nehme an, dass die Fifth Avenue oder die Bahnhofstrasse schon unzählige Male gestruttet wurde, während Terra Incognita schon bald anfängt, wenn man die Agglo verlässt. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob man Orte entdecken kann, wo noch keiner war – oder ob man hinterher erfährt, wenn man Neuland betreten hat. Denn was das angeht, sind wir alle ein bisschen Robert Edwin Peary oder Roald Amundsen…

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Ein Gedanke zu „Die Welt entdecken, ohne sie erobern zu wollen“

  1. Strut hilft schon ein wenig, die ausgetrampelten Pfade zu verlassen… Noch ein Hinweis: Strut saugt extrem am Akku, deshalb immer die App stoppen bzw. pausieren, wenn man nicht unterwegs ist.

Kommentar verfassen