Als ob man um sein Leben schriebe

Die App Danger Text (vormals Flowstate, 2 Franken) will uns Schreiberlinge mit der Methode der Nötigung dazu bringen, unseren Textausstoss zu erhöhen. Sie zwingt einen nämlich, während der anfänglich gesetzten Schreibfrist, zum Beispiel 20 Minuten, kontinuierlich Text abzusondern. Wenn man pausiert – zum Beispiel um Nachzudenken – wird der geschriebene Text erst rot. Und verschwindet dann nach 5 Sekunden komplett. Das erinnert sehr an Stephen Kings «The Long Walk», wo die armen jugendlichen Teilnehmer am Rennen nicht unter eine bestimmte Geschwindigkeit fallen dürfen. Nur dass einen diese App nicht erschiesst, wenn man stehen bleibt.

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So lange der Countdown läuft, darf man sich keine Schreibpause erlauben – sonst ist der ganze Text wieder weg.

Ich habe diese Besprechung hier in der App geschrieben – in sechs Etappen à 5 Minuten, wobei mir mehrfach Text verschwunden ist: Vor allem beim Korrigieren von Fehlern. Denn auch wenn man mit dem Cursor hantiert, wird der Text nach fünf Sekunden ungnädig eliminiert. Die Lektion ist, dass man Fehler stehen lassen und weiterschreiben soll. Das ist, so die Theorie, effizienter, als wenn man sich aus dem gedanklichen Fluss reissen lässt, um einen Tippfehler zu beseitigen oder einen Satz umzuschreiben. Natürlich ist die Idee nicht, dass man seinen Text halbgar und unredigiert veröffentlicht. Nein, das soll überarbeiten und verbessern. Aber erst hinterher, in einem zweiten und arbeitstechnisch strickt getrennten Durchlauf.

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Das hat man nun vom Trödeln.

Und das hat durchaus etwas für sich. Gerade beim Bloggen kommt man nicht in Versuchung, durch setzen von Links oder Formatierungssperenzchen (Listen, Zitate, Fussnoten) Zeit zu vertrödeln oder sich durch Recherchen ablenken zu lassen. Es geht knallhart darum, seine Gedanken vorwärts zu treiben und den Text voanzubringen. Man muss dafür die Fakten im Kopf haben. Das heisst, dass man vorgängig recherchiert und erst mit Schreiben beginnt, wenn man sein Material beieinander hat.

Mir ist es ein, zweimal passiert, dass ich beliebige Zeichen gesetzt und wieder gelöscht habe, nur um Zeit fürs Nachdenken zu gewinnen, ohne meinen Text zu verlieren. Denn zwingen lässt sich die Muse nicht. Wenn sie nicht Gewehr bei Fuss steht, muss man sich mit sinnloser Tastaturakrobatik zu helfen wissen. Was mir zum Glück nie passiert ist, dass eine unaufschiebbare Ablenkung wie ein Telefonanruf oder eine Person im Raum mich am Weiterschreiben gehindert hat. Denn ein Pausieren, selbst aus guten Gründen, ist nicht vorgesehen. Und wenn man die App in den Hintergrund schickt, wird der Text trotzdem gelöscht.

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Die erfolgreich verfassten Texte werden automatisch gespeichert.

Bringt diese Methode etwas für die Qualität des Textes? Schwer zu sagen und sicher auch sehr vom Schreibenden abhängig. Meiner Arbeitsweise entspricht es nicht, da ich oft die Details recherchiere, so wie ich sie für meinen Text brauche. Das geht mit dieser App und ihrem sklaventreiberischen Ansatz nicht. Ich muss in solchen Fällen Platzhalter wie xxx im Text hinterlassen und die fehlenden Fakten dann während dem Überarbeitungsdurchlauf einfügen. Das kann vor Ablenkung schützen. Es kann aber auch zu einem echten Stressfaktor werden, wenn man ohne Klärung eines Sachverhaltes eigentlich nicht weiterschreiben sollte.

Trotzdem: Ich werde die App ab und zu benutzen. Nur am iPad und nur mit der virtuellen Tastatur, nicht mit meinem Logi-Keyboard. Denn per Zehnfingersystem schreibe ich so viel schneller als ich denke, dass ständiger Textverlust vorprogrammiert ist. Mit der Tipperei auf dem Diplay bin ich langsam genug, dass ich mir die Sätze vorneweg zurecht legen kann.

Nach dem Ablauf der Schreibfrist können die fertigen Sätze automatisch publiziert oder privat gehalten werden. Sie werden unter Saved bereitgehalten und dürfen via Zwischenablage zur Nachbearbeitung in ein weniger nervenaufreibendes Textverarbeitungsprogramm übernommen werden.

Bleibt die Frage: Kann man bescheissen, indem man seinen Text markiert und in die Zwischenablage kopiert, um ihn bei einer Schreibblockade nicht zu verlieren? Ja, aber man muss echt schnell sein – denn alles markieren und zu kopieren, kann locker länger als fünf Sekunden dauern und dazu führen, dass man seinen Text erst recht ans Bein streichen muss.

Das grösste Problem ist übrigens, dass es einem passieren kann – wie mir jetzt – dass der Text eigentlich fertig wäre, aber noch 2:09 Minuten auf der Uhr stehen. Dann muss man trotzdem weiterschreiben, bis die Zeit abgelaufen ist und man seinen Text im Trockenen hat. Das ist der Qualität definitiv nicht zuträglich. Und wo ich doch Stephen King erwähnt habe: Vielleicht schreibt er seine Romane mit dieser App hier – die Länge könnte es jedenfalls erklären. Denke ich. Noch 8 Seku

Autor: Matthias

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