Serienstar ist auch nur ein Scheissjob

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Als über Dreissigjähriger hat Walter Koenig den 23-jährigen Navigator gespielt. Die bereits lichten Haare am Hinterkopf wurden mit der Farbdose kaschiert… (Bild: NBC Television/Wikipedia.org)

Nach dem Tod von Leonard Nimoy hat mir Audible.com, wenig erstaunlich, I am Spock vorgeschlagen (Buchfassung). Ich habe vor längerer Zeit die deutsche Fassung Ich bin Spock als gedrucktes Buch gelesen, sodass ich mir natürlich genau überlegte, ob ich einen meiner Credits aufwerfen sollte. Einerseits hat das Hörbuch den Vorteil, vom Autor selbst gelesen zu werden – was deswegen besonders interessant ist, weil es im Buch immer wieder Dialoge zwischen Nimoy und seinem filmischen Alter Ego, Spock, gibt. Andererseits ist das Hörbuch stark gekürzt – und ich mag keine gekürzten Hörbücher. Auch wenn Audible hier ein Plädoyer für die Kurzfassungen hält, leiden meiner Erfahrung nach die Titel fast immer – manchmal wird der Plot beschnitten, manchmal geht «nur» Stimmung verloren. Während es früher, als Hörbücher noch auf CDs ausgeliefert wurden, Kürzungen aus logistischen Gründen nötig sein mochten, sollten heute nur noch «Uncut»-Varianten zur Produktion kommen.

Der Charme der Nebenrolle
Jedenfalls hatte ich nach Nimoys Lesung Lust auf mehr, und mir Warped Factors (gedrucktes Buch bei Amazon.de) von Walter Koenig gelesen. Er spielte mit Pavel Chekov bei Star Trek und ist dort nur eine Nebenrolle – was einen davon abhalten könnte, das Buch zu hören. Ich hatte den Verdacht, dass genau das den Reiz ausmachen könnte. Und ich hatte Recht damit.

Koenigs Buch verspricht schon im Untertitel «A Neurotic’s Guide to the Universe» eine ungeschönte Biografie – und auch wenn man bei ehrichen Biografien nie weiss, wie viel absichtlicher oder unabsichtlicher Betrug der Autor an sich selbst und den Lesern begeht, hatte ich bei der Lektüre immer das Gefühl, dass es Koenig nicht um sein Image ging, sondern um eine echte Auseinandersetzung mit seinem Leben ging. Sonst hätte er sich womöglich die Jugenderinnerung an seine frühzeitige Ejakulation beim ersten ernsthaften Date verkniffen. Ebenso das Ereignis im Ferienlager, bei dem er ungerechtfertigterweise als Schafschänder dastand. Obwohl Koenig in als Chekov in Starflotten-Uniform auf dem Titelbild posiert (was aus Marketinggründen einleuchtend ist), hat er kein Star-Trek-Buch abgeliefert. Er erzählt zwar eine Schwänke aus jener Zeit, verwendet aber viel Zeit auf die Schilderung, wie er als Sohn litauischer Juden, die nach Chicago ausgewandert waren, mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen hatte: Sein Vater war ein Kommunist mit einem Herzfehler, der einmal den Versuch unternahm, in die Sowjetunion zu reisen, um Stalin persönlich um ein Krebsmedikament für seine Schwester zu bitten. Die Angst vor der Polizei, vor dem FBI. Die Versagensängste, die bis zur Selbstsabotage führten. Die kleinen Tricksereien im Wohnheim während des Studiums und ein nur halbwegs geglückter Versicherungsbetrug – alle diese Episoden werden eindringlich und doch mit viel Humor geschildert. Und man bekommt ein Gefühl dafür, wie Koenig nach einem kleinen Unglück immer das Gefühl hatte, dass es noch dicker kommt. Ein Gefühl, dass mir jedenfalls nicht unbekannt ist.

Nimoys Biografie – leider etwas gar verkopft
Im Vergleich zu Koenig kommt Nimoys Buch, das muss man leider so konstatieren, etwas verkopft, etwas selbstverliebt und reichlich unnahbar daher. Trotzdem empfehle ich gerne, sich alle die Bücher einzuverleiben – auch William Shatners Biografie Up Till Now (amazon.de), Star Trek Memories (amazon.de) und Star Trek Movie Memories (amazon.de), die ich allesamt gehört habe, gerne mal wieder hören möchte und empfehlen kann – Wenn man mit Shatners Ego klarkommt und dem Phänomen Star Trek nicht komplett verständnislos gegenübersteht.

Live long and prosper!

Doch selst wenn jemand mit Star Trek nicht so richtig warm wird, ist es spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Beteiligten ist. Natürlich; es gibt eine Handvoll Eckdaten, die in allen Büchern auftauchen: Shatners Ego, Roddenberrys Kampf mit NBC, die Absetzung der Serie, die dank der Fans verhindert wurde, die uninspirierte dritte Staffel – und nach langen Querelen die Wiedergeburt als Kinofilm, für den sich alle geschämt haben. Abgesehen davon war das Ensemble von Star Trek nicht die eingeschworene Truppe, als die man sie aus dem Fernsehen kennt. Das habe ich als vernünftiger Mensch natürlich vermutet. Aber der Fanboy in mir wollte es trotzdem nicht wahrhaben.

Auf Händen getragen wurde keiner
Wenn man das Stadium der blinden Verehrung hinter sich gelassen hat, dann erlauben die Star-Trek-Biografien einen Blick hinter die Kulissen, der weit über verlogene Geschmeichel hinausgeht, das man in Making-Ofs zu hören bekommt. Walter Koenig beschreibt beispielsweise seinen Zwist mit Harve Bennett, der die Star-Trek-Filme mitproduziert hat, und der mit tiefen Verletzungen auf beiden Seiten endete. Aus heutiger Sicht ist es ein Glück, dass «Star Trek» anfänglich nur mässig erfolgreich war und seine Protagonisten erst mit Verzögerung zu biografieschreibenden Stars gemacht hat. So erfahren wir, dass das Dasein als Serienschauspieler so gar keinen Glamour mit sich bringt. Es sichert das finanzielle Überleben nur knapp, und selbst Shatner als Hauptdarsteller beschreibt, wie er nach dem Ende der Serie längere Zeit am Existenzminimum darbte.

Und wenn man eine Nebenrolle spielt, dann darf man schon gar nicht erwarten, von den Studiobossen auf Händen getragen zu werden. Walter Koenig berichtet, wie nach seinem Vorsprechen für die Rolle des Chekov sich weder Roddenberry noch sonst einer die Mühe gemacht hat, ihm mitzuteilen, dass er die Rolle hat. Erfahren hat er es von einem Mann mit Stecknadeln im Mund, der ihm seine Hand in den Schritt zwängte. «Wenn Sie mitspielen, dann brauchen Sie wohl auch eine Uniform», hat der gesagt. Es war der Kostümschneider, der Mass für die Uniform genommen hat.

Autor: Matthias

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