Stoppt diesen Plakat-Irrsinn!

Ich laufe auf dem Weg von meiner Wohnung zum Bahnhof ein paar Meter der Winterthurer St.-Georgen-Strasse entlang. Dort gibt es eine kleine Wiese, die zwar nicht allein dafür verantwortlich ist, dass Winterthur auch die Gartenstadt genannt wird. Sie trägt aber mit dazu bei, dass es hier grüner und damit lebenswerter ist als anderswo.

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Das wäre doch mal ein Plakat! (von adbusters.org)

Nun kann man diese kleine Wiese offensichtlich nicht einfach so lassen, wie sie ist. Nein, da musste die Allgemeine Plakatgesellschaft AG hergehen, und am Strassenrand zwei Werbetafelnn aufstellen. Dort kleben jetzt Plakate für Dinge, die offenbar unbedingt beworben sein müssen. Die Plakate richten sich an die Autofahrer, die vor dem Rotlicht zur Kreuzung Theaterstrasse stehen, doch sie belästigen auch mich jedesmal mit ihrer Anwesenheit, wenn ich die St.-Georgen-Strasse entlanggehe.

Klar, ich habe den Kapitalismus begriffen. Er enthält als unverzichtbares Konzept den ewigen Geldfluss, zu dem wir Konsumenten gefälligst unseren Teil beitragen sollen. Entsprechend geht es offenbar nicht anders, als dass wir ständig dazu genötigt werden, irgendwelchen Quatsch zu kaufen.

Der Zufall wollte es nun, dass ich justament die St.-Georgen-Strasse herunterging, als im NSFW-Podcast Numero 83 mit dem denkwürdigen Titel «Darmspiegel online» über die Werbung gesprochen wurde. Das Duo im Podcast hat herausgestrichen, dass Werbung im Grund eine Botschaft ist, um die man als Empfänger nicht gefragt hat (Push-Pull). In manchen Fällen kann man sich dagegen wehren, beispielsweise bei Zeitungen oder Magazinen, wo man die Anzeigen einfach überblättert. Auch bei diesem Blog hier muss niemand Werbung sehen, weil es Werbeblocker gibt. Doch im öffentlichen Stadtbild gibt es kein Entkommen.

Die beiden erwähnten im Podcast auch eine Initiative des Bürgermeisters von São Paulo, die mir bis dato nicht bekannt war. Der verbot nämlich in der Innenstadt die Werbeplakate. Foto-Beispiele gibt es auf adbusters.org und Youtube hält ein Vorher-Nachher-Video bereit:

Seither verfolgt mich die Vision von werbefreien oder zumindest werbereduzierten Städten und Landschaften. Das Lebensgefühl wäre ganz ohne Zweifel sogleich ein viel ruhigeres, wenn das Marktgeschrei wegfallen würde – und gekauft würde weiterhin genausoviel. Es könnte allerdings sein, dass nicht mehr unbedingt die Produkte gekauft würden, die sich am aufdringlichsten in Szene setzen.

Eine Idee, über die sich nachzudenken lohnt. Und über die sich insbesondere auch die Schweizerischen Bundesbahnen mal Gedanken machen sollten. Ich weiss nicht, wie viel die mit ihrer Werbung in den Bahnhöfen verdienen, und es ist mir auch herzlich egal. Ich weiss nur, dass es mir zunehmend auf den Wecker geht, dass die SBB wirklich jede Fläche in ihren Bahnhöfen, die man irgendwie mit einer Werbung zukleistern kann, auch mit Werbung zukleistern – ganz zu schweigen von den interaktiven Screens und Projektionen. Um den Anschein zu wahren, zeigen die alle Jubeljahre zwischen all der Werbung auch noch eine verquetschte News-Schlagzeile, aber davon sollte man sich nicht blenden lassen. Diese Rail Beamer, die die SBB hier als heissen Scheiss bejubeln, sind nur für die Werbetreibenden da – und eine Belästigung der Passagiere.

Autor: Matthias

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