John Cleese mit schwarzer Unterhose

Gestern haben wir uns den Film Very Bad Things zu Gemüte geführt, den wir als Bluray geschenkt gekriegt hatten. Das ist ein locker-flockiger Streifen darüber, wie eine Jungesellenrunde mit Mord und Totschlag endet, nachdem eine Prostituierte durch unglückliche Umstände zu Tode gekommen ist. Der Film bietet fröhliche Unterhaltung für die ganze Familie, wenngleich man sich wünscht, ein Engländer hätte ihn düsterer, schwärzer und irgendwie britischer inszeniert.

Das aber nur nebenbei. Meine Neugierde wurde geweckt, weil auf der Bluray folgender Satz steht:

Länger als die alte FSK-18-Fassung! Diese ungeschnittene Originalversion wurde neu geprüft und aufgrund veränderter Zeitumstände, im Gegensatz zur kürzeren FSK-18-Version, ab 16 Jahren freigegeben.

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Geschnitten wird auch oben und unten.

Wie kann länger weniger «schlimm» sein? Eigentlich ist nur umgekehrt denkbar, wenn eine besonders drastische Szene rausgeschnitten wurde. Oder kann es sein, dass ein Film durch eine zusätzliche Szene weniger brutal wirkt? Vielleicht, weil am Schluss noch ein Einhorn durchs Bild tanzt und wieder alles gut macht? Und was zum Geier heisst «veränderte Zeitumstände»? Bezieht sich das darauf, dass wir in der heutigen Zeit so abgehärtet sind, dass ein an einer Motorsäge hängendes Stück Menschenfleisch mit 16 nicht mehr schockt, während man das bei der Premiere des Films vor 15 Jahren nur 18-Jährigen zumuten konnte? Oder sind die Zeitumstände im Film gemeint, die ihn irgendwie weniger gruselig erscheinen lassen?

Ich habe zu Google gegriffen und bin auf die Website schnittberichte.com gestossen, wo sich Irre enthusiastische Filmfans die Mühe machen, Filme in verschiedenen Varianten parallel abzuspielen und die Unterschiede zu notieren. Im Bericht erfährt man, dass die Uncut-Version ganze 17 Sekunden länger ist als die ursprüngliche. (Was einen nur normal begeisterungsfähigen Filmkonsumenten dazu verleiten könnte, den grossen «Uncut»-Stempel auf dem Cover für etwas überzogen zu halten.)

Jedenfalls machte mich die Website schnittberichte.com mit dem mir bis dato nicht bekannten Phänomen der Open Matte-Abtastung vertraut. Die neue Bluray liegt im 16:9-Format vor, während die ursprüngliche Variante auf DVD offenbar das unmaskierte 4:3-Bild zeigte. Bei dem sieht man mehr vom nackten Hintern der toten Prostituierten. Und da 16-Jährige bei einem solchen Anblick allenfalls <ironie>irreparablen Schaden davontragen könnten</ironie>, kam es womöglich zu der Einstufung als FSK-18. So legt es jedenfalls der Schnittbericht von schnittberichte.com nahe; genau wissen die es natürlich auch nicht.

Aber immerhin: Wir haben eine gute Arbeitshypothese und ich habe mit dieser Matte-Geschichte etwas übers Filmbusiness gelernt. Nämlich auch, dass man manche Leute in der Filmbranche prügeln müsste (wobei – ist diese Erkenntnis wirklich neu?). Diese Gewaltandrohung liegt nun nicht daran, dass mich der Film «Very Bad Things» mit seinen brutalen Szenen verdorben hätte, sondern daran, weil die besagten Leute einfach einen liederlichen, lieblosen Umgang mit ihrem Produkt betreiben. Da sieht man in den Full-Frame-Versionen dann Mikrofone ins Bild hängen, weil der Kameramann den vertikal viel schmaleren Bildausschnitt fürs Kino genommen hat. Besonders absurd ist das Full-Frame-Format bei «A Fish Called Wanda», wie widescreen.org vor Augen führt: Da sieht man, dass John Cleese bei den Dreharbeiten der einen Szene eben nicht nackt war, sondern eine schwarze Unterhose trug. Und damit ist die Szene, die im Kino zum Schreien ist, am Fernsehen kein bisschen mehr lustig.

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We’re not amused: Cleese in Unterhose.

Darum, bitte: Können die Fernsehleute ihre Paranoia vor schwarzen Balken bitte überwinden? Und wenn sie schon dabei sind, über ihren Schatten zu springen: Auch die Panik vor Originalfassungen müsste mal abgelegt werden…

Autor: Matthias

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