Die Farbkugeln sind reif fürs iPad

Die Macher von «Tumble HD» erweiterten ein Spielkonzept aus den achtziger Jahren um die Dimension der Schwerkraft und erschufen damit ein faszinierendes Tablet-Game.

In einem Feld gibt es, rasterförmig angeordnet, farbige Kugeln. Wenn gleichfarbige Kugeln aneinander anschliessen, können sie als Gruppe eliminiert werden. Ist das Spielfeld leer, hat der Spieler gewonnen.
Das ist die Spielidee hinter «Chain Shot!» von Kuniaki Moribe, einem Game, das 1985 auf dem PC und auf dem Mac gespielt wurde. Es tauchte in den Jahren danach unter verschiedenen Namen auf. «Same Game» oder «ColorFall» waren zwei Varianten. Ab 1997 durfte der Autor dieses Beitrags mit «Clickomania!» einen Achtungserfolg feiern – das Freeware-Spiel für Windows verzeichnete mehrere Millionen Downloads und ist bis heute weltweit im Einsatz.

120918-tumbleshd.jpg
Links: Wie im Bällebad bei Ikea – Kugeltrubel in «Tumbles HD».
Rechts: Bevor man aufgeben muss, kann man auch die Kugeln auch einfach ordentlich durchschütteln.

Kugeltrubel – wie gemacht fürs Tablet
Als Programmierer von «Clickomania» interessiert es mich natürlich, wie sich die Spielidee auf iOS schlägt. Ein russischer Entwickler hat eine iPad- und iPhone-Version entwickelt, die allerdings nicht durch Originalität besticht. Das Spiel ist ideal für iOS geeignet: Die Kugeln sind perfekt, um durch Antippen beseitigt zu werden. Doch meines Erachtens müsste eine gute Adaption für Apples Plattform etwas mehr bieten als eine 1:1-Umsetzung der PC-Version – die Möglichkeit, die Kugeln durch Bewegen des Geräts neu zu arrangieren, liegt natürlich auf der Hand.

Und tatsächlich: Ein Entwickler namens Drahtwerk hat genau diese Idee realisiert: Bei «Tumbles» sind die Kugeln keine Murmeln, sondern Gummibälle, die nicht in ein fixes Raster gebunden sind. Auch die Mechanik ist weniger starr, denn es gibt eine Physik-Engine, die Schwerkraft und Kräfte zwischen den Bällen simuliert. Beim Original-Gameplay werden Lücken immer von oben nach unten und von rechts nach links gefüllt. Bei «Tumbles» hüpfen die Gummibälle fröhlich durcheinander. Sie prallen voneinander ab, rutschen in Lücken und verhalten sich ähnlich ungestüm wie die Kugeln im Bällebad bei der Ikea. Der Spieler kann sie durch Schütteln und Schwenken des iOS-Geräts in Bewegung versetzen. Die Schwerkraft hängt auch von Neigung des Geräts ab. Liegt es flach auf dem Tisch, bleiben die Kugeln an Ort und Stelle. Neigt man es in eine Richtung, rutschen die Kugeln dorthin, wo unten ist.

Das iPad durschütteln, wenn man in eine Sackgasse geraten ist
Diese (simulierte) physische Verankerung verändert die Spielweise natürlich enorm: Beim klassischen Gameplay muss man strategisch vorausschauend planen. Wenn man Kugeln eliminiert, ist darauf zu achten, dass die Kugeln so nachrutschen, damit wiederum gleiche Farben nebeneinander zu liegen kommen und bis zum Ende des Spiels Grüppchen vorhanden sind, die man entsprechend beseitigen kann. Bei «Tumbles» ist das nicht nötig: Man kann die Bälle jederzeit durchschütteln und durch Drehen und Rütteln des Geräts neu arrangieren, sodass sich jedes Spiel lösen lässt (es sei denn, man spielt so, dass in einer Farbe bloss ein Ball übrig bleibt). Aus dem nüchtern-analytischen Denkspiel wird ein hitziges Ballgefecht, bei dem es vor allem auf die schnelle Spielweise ankommt – und darauf, durch Eliminieren möglichst grosser Bällegruppen viele Punkte einzuheimsen.

«Tumbles» bietet nebst dem «Classic»-Spielmodus auch den Modus «Blitz», bei dem man in 60 Sekunden möglichst viele Partien spielen muss. Im Modus «Challenge» fallen von oben ständig neue Bälle herab. Im «Versus»-Modus (nur am iPad) können zwei Leute am gleichen iPad spielen, indem sie sich gegenübersitzen und auf dem zweigeteilten Bildschirm ihre Hälfte freiräumen. Im «Multiplayer»-Modus tritt man gegen andere Spieler an – wobei man dem Gegner auch unzerstörbare Bälle unterjubeln kann, wenn man mehr als fünf Bälle aufs Mal beseitigt.

Es gibt nebst den unzerstörbaren «bad balls» auch Bälle, die beim Antippen ihre Farbe ändern, «Ostereier», welche die Umgebung uni einfärben und die (limitiert vorhandenen) «Block zapper», mit denen sich die einzelne Kugeln beseitigen lassen.

Eine spannende Weiterentwicklung
Es ist letztlich eine Frage des Geschmacks, ob man die physikgetriebene Variante des Spiels mag oder die intellektuelle, logikgesteuerte Spielweise bevorzugt. Die Umsetzung ist jedenfalls gut geraten – die Physiksimulation fühlt sich sehr natürlich an. Über die Optik kann man geteilter Meinung sein. Mir ist sie etwas zu kindlich und die Musik geht auf die Dauer auf die Nerven. Trotzdem: Hätte ich die Zeit und Ressourcen gehabt, «Clickomania!» weiterzuentwickeln, dann hätte ich den «Tumbles»-Weg eingeschlagen.

«Tumbles» für iPhone und iPod Touch (2 Franken)
«Tumbles HD» fürs iPad (2 Franken)

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

Kommentar verfassen