Ein Lied vom Kindle und dicken Büchern

An der Lektürenfront hat ich, wie letzte Woche erzählt, eine grössere Schlacht aufgetan. Ich konnte mich «A Song of Ice and Fire» als nerdkulturellem Ereignis nicht entziehen und habe inzwischen «A Game of Thrones» erfolgreich hinter mich gebracht. Gleichzeitig haben wir ein Auge in die erste Staffel der HBO-Serie geworfen und können Billigung vermelden. Televisionär wird die Geschichte zwar gerafft, aber originalgetreu erzählt und stimmig inszeniert. Die Fernsehbilder passen gut zu den Vorstellungen, die beim Lesen in meinem Kopf entstanden sind. Die Angst, die schlechte Visualisierung einer Film- oder Fernsehproduktion könnte meine eigene Vorstellung auslöschen, steckt mir seit den Michael-Ende-Verfilmungen von «Momo» oder «Die unendliche Geschichte» in den Knochen.

Doch zum Glück haben hier Kulissenbauer und Besetzer gute Arbeit geleistet. Ein Lob geht auch an die Produzenten und Regisseure, weil bezüglich sexueller Inhalte keine Inszensierung daraus geworden (übrigens mein Vorschlag für den Duden: Eine Inszenierung, die gleichzeitig zensuriert). Wenn Tyrion sich im Bordell vergnügt, darf auf gar keinen Fall falsche Scheu herrschen, finde ich. Nur die Maskenbildnerinnen würde ich kritisieren wollen: Die sollten den Schauspielern befehlen, sich richtig im Dreck zu wälzen, statt sie bloss mit brauner Farbe anzumalen. Jedenfalls: Dicke Bücher nicht als Kinofilm, sondern als Fernsehserie zu erzählen, hat auf jeden Fall Zukunft. Das wäre schon bei Harry Potter der bessere Ansatz gewesen, als die ausschweifenden Geschichten in Kinofilmen auf zwei Stunden und bis zur Unkenntlichkeit zu komprimieren.

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Schleimbeutel und Blutschänder.

Dicke Bücher eignen sich auch sehr für den Kindle: Ich habe die ersten vier Bücher als Kindle-Bundle erstanden und war erschüttert, als ich neulich in der Buchhandlung gewahr wurde, wie viel Papier ich hätte mit mir herumtragen müssen, wenn ich mir dieses Epos in gedruckter Form hätte zu Gemüte führen wollen. Ein Nachteil hat der Kindle allerdings: Das Blättern zum Who-is-who und zu den Landkarten ist mühsam. Das Navigieren zu den Anhängen hinten oder zum Kartenmaterial vorn ist quasi unmöglich und auch mit Lesezeichen findet man hinterher kaum mehr zu seiner vorherigen Lesestelle zurück. Das taugt so nicht und die lineare Anordnung ist für ein elektronisches Buch nicht das richtige. Wieso kann man die Informationen zu den Figuren nicht auf gleiche Weise integrieren wie das Wörterbuch? Fahre ich mit dem Cursor auf einen Namen – etwa «Jaime Lannister» – dann würde eine Fusszeile am Bildschirmrand oder ein Popup («Schleimbeutel und Blutschänder») schon weiterhelfen. Auch ein Popup mit einer Lageangabe von Orten wäre hilfreich. Ein Feature, das nicht so schwer zu implementieren sein kann. Wenn sich bei Amazon heute einer dransetzt, könnten wir es schon morgen haben.

Im Moment behelfe ich mir mit dem Faltblatt, das der Bluray beilag, und das bei Fragen zur Geografie und zum Personal weiterhilft. Es ist mir jetzt zwar etwas unangenehm, das hier zu sagen, aber: So analog dieses Hilfsmittel auch sein mag, es kommt schampar gelegen. Und wenn alle Stricke reissen, kann man neben dem Kindle am iPhone oder iPad ja noch «A Wiki of Ice and Fire» offen halten.

So geht das in der modernen Welt.

Autor: Matthias

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