Ein schmaler, mit Laub bedeckter Pfad führt durch einen nebligen Wald, umgeben von hohen Bäumen. Die Atmosphäre ist ruhig und mystisch, mit sanften Lichtstrahlen, die durch den Nebel dringen.
Hier in diesem nebligen Wald kann jederzeit ein Mord stattfinden. Da ist es ironisch, dass just in diesem irischen Krimi ungewöhnlich oft die Sonne scheint (Germán TR, Pexels-Lizenz).

Nicht nur der Whisky vernebelt die Erinnerung

Tana Frenchs «In the Woods» ver­bin­det einen Mord­fall im iri­schen Klein­stadt­mi­lieu mit einem psycho­lo­gisch auf­ge­ladenen Er­mitt­ler­trio und einer ver­stö­renden Kind­heits­erin­nerung. Der Roman setzt auf Atmo­sphäre und starke Dialoge. Beim Plot müssen wir Ab­striche in Kauf nehmen.

Neulich war es wieder so weit: Mein Vorrat an Hörbüchern war aufgebraucht und ich musste für Nachschub sorgen. Da das just in der Woche passierte, als ich für eine Woche Ferien in Irland weilte, tat ich das Naheliegende: Ich suchte nach einem Titel, der nicht nur für Unterhaltung während der Fahrt von Dublin nach Galway sorgen würde, sondern auch mit Land und Leuten harmoniert.

Buchcover von Tana French mit dem Titel «In the Woods». Der Hintergrund zeigt einen nebligen Wald mit spärlichen Bäumen. Auszüge von positiven Kritiken sind in kleiner Schrift abgedruckt.
Rein ist kein Problem. Aber nicht alle kommen auch wieder raus.

Fündig wurde ich bei Tana French und ihrem Buch von 2007, In the woods, zu Deutsch: Grabesgrün. Das sei ein atmosphärischer Krimi mit psychologischem Tiefgang, versprach man mir. Es gebe Lokalkolorit und nicht allzu viel Action, dafür ein Dickicht im wörtlichen und übertragenen Sinn, in dem man zwischendurch die Orientierung verlieren, aber dabei tief die irische Luft einatmen könne.

Einer solch eindrücklichen Empfehlung musste ich natürlich folgen. Tana French gelang es sogar, meine Irland-Ferien weit über ihr reguläres Ende hinaus auszudehnen. Das Buch ist ein Wälzer von 700 Seiten, als (von Steve Crossley überzeugend gelesenes) Hörbuch dauert die Geschichte mehr als zwanzig Stunden, sodass ich nach meiner Rückkehr ins Schweizer Mittelland und in den Berufsalltag mental in der Umgebung des fiktiven Städtchens Knocknaree verweilte, wo es einen verfallenen Turm, eine geplante Neubaustrasse und vor allem eine archäologische Ausgrabungsstätte gibt. Hier spielt, in mehreren Zeitebenen, ein grosser Teil der Erzählung.

Ein Ritualmord – oder eine irre Inszenierung?

Denn hier findet die zwölfjährige Katy Devlin ihren Tod. Just bevor sie ihre Ballettkarriere richtig in Angriff nehmen kann, wird sie ermordet. Ihr toter Körper liegt auf einem zeremoniellen Stein, der eben von Altertumsforschern ausgegraben wurde. Der Tatort wirkt wie eine rituelle, vielleicht satanische Opfergabe, und es gibt Spuren eines sexuellen Übergriffs. Doch die Ermittlerin Cassie Maddox wird nicht warm mit dieser Theorie. Für sie wirkt das alles inszeniert – als ob der Täter den Mord gar nicht hätte begehen wollen.

Erzählt wird aus der Perspektive von Maddox’ Partner. Rob Ryan ist ebenfalls bei der Polizei, und er warnt uns Leserinnen und Leser schon zu Beginn, dass er nicht immer die Wahrheit erzählen wird. Das riecht nach einem erzählerischen Kniff der Autorin. Wenn die Erzählung nicht verlässlich ist, dann müssen wir damit rechnen, dass am Ende alles anders war, als man es uns im Verlauf der Geschichte weisgemacht hat. Die Überraschung, die so entsteht, kann billig und enttäuschend wirken (ein Beispiel dafür gibt es hier). Eleganter und erzählerisch anspruchsvoller ist es, wenn wir Leserinnen und Leser richtige und relevante Informationen erhalten, aber erst am Ende erfahren, wie diese Puzzleteile zusammenzusetzen sind. Kein: «Es war gar nicht so, wie ich es erzählt habe», sondern: «Es war genauso – aber die Bedeutung von allem geht uns erst jetzt richtig auf.» Das halte ich für ein Qualitätsmerkmal eines guten Krimis.

Auch der Ermittler zahlt einen Preis

Gleichwohl ist das Lesevergnügen absolut vorhanden. «In the Woods» ist eine emotionale Berg- und Talfahrt. Rob Ryan gerät auf eine abschüssige Bahn, und auch wenn die Aufklärung nicht völlig überzeugt, so fügen sich Handlung, Figuren, Dialoge und Beschreibungen zu einem soliden Krimi, der auch Verortung gerecht wird: Die geplante Autobahn sorgt für politische Konflikte in Knocknaree und zeigt das (nicht exklusiv irische) Spannungsfeld zwischen Landschaftserhalt und wirtschaftlichem Fortschritt. Und die Rückblenden in den untypisch sonnigen Sommer in den 1980er Jahren evozieren eine heile Welt von Kindern, die mit ihren BMX-Rädern durch die Wälder fahren, rote Limonade trinken und scheinbar endlose, unschuldige Abenteuer erleben. Kurz: Eine Empfehlung.

Der Fall zehrt an allen

Und wie immer eine detaillierte Kritik, die – Achtung! – auch Spoiler enthält:

Ein Merkmal dieser preisgekrönten Kriminalgeschichte ist der hohe Preis, den alle Beteiligten zahlen – nicht nur das Opfer. Auch für den Ich-Erzähler Rob Ryan  geht es kontinuierlich abwärts. Die Ermittlungen kosten ihn nicht seinen Job, aber seine Karriere und die Freundschaft zu seiner Partnerin. Er hat selbst eine Vorgeschichte, die er vor seinem Umfeld verbirgt. Als Kind – damals noch mit seinem Geburtsnamen Adam – war er in denselben Wäldern in ein rätselhaftes Verbrechen verwickelt: Zwei seiner Freunde, Jamie (Germaine Elinor Rowan) und Peter (Peter Joseph Savage) verschwanden spurlos. Er selbst wurde verstört und ohne Erinnerung gefunden.

Diese Vorgeschichte hängt von Anfang an über dem Fall. French erweckt den Eindruck, als müssten Ryans bzw. Adams persönliches Trauma und das Schicksal Katy Devlins verknüpft sein. Doch am Ende wird der aktuelle Mordfall aufgeklärt, während wir nicht erfahren, was mit Jamie und Peter geschehen ist.

Wie im richtigen Leben? Ein Puzzleteilchen bleibt übrig

Kein Wunder – wir haben es mit einer Serie von insgesamt sechs Büchern zu tun, die unter dem Titel Dublin Murder Squad (Mordkommission Dublin) läuft. Solche bücherübergreifenden Spannungsbögen könnten Lust machen, dranzubleiben. Oder auch für Enttäuschung sorgen – denn wenn die Fälle tatsächlich auf raffinierte und überzeugende (nicht konstruiert wirkende) Weise verknüpft gewesen wären, dann wäre meine Freude über das Buch deutlich grösser. So fühlt sich die Geschichte zu sehr wie das echte Leben an, bei dem nicht immer jedes Element ins andere greift und alle Puzzleteilchen am vorgesehenen Ort landen.

Untadelig und hervorragend gelungen sind die Verhörszenen. Es gibt lange Dialoge, lange Einvernahmen, psychologische Manöver, Andeutungen und Ausweichbewegungen. Wie die Autorin Cassie Maddox und Rob Ryan als eingeschworenes, perfekt harmonierendes Team schildert, ist toll. (Der dritte Ermittler im Bund, Sam O’Neill, ist erst etwas blass und wird erst am Ende fassbar.) Wie sich beispielsweise Damien Donnelly windet und Schritt für Schritt ans Geständnis herangeführt wird und im Vergleich dazu Rosalind Devlin ihre verletzliche Maske fallen und die Psychopathin zum Vorschein kommen lässt, las ich sehr gern. Ich ziehe solche Szenen allemal Explosionen und rasanten Verfolgungsjagden vor. Auch beim Showdown fliesst bloss ein bisschen Blut, die Spannung entsteht, wenn die Ermittlerin gewissermassen blind tastend nach der Lücke im Lügen- und Abwehrgebilde der Mörderin sucht.

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