Es ist mir hochnotpeinlich, wie schnell sich meine Vibe-Coding-Skepsis in Euphorie verwandelte. Es brauchte bloss eine Handvoll Erfolgserlebnisse (hier oder hier), um mir ein neues Hobby zu bescheren. Aber der ursprüngliche Frust darüber, dass meine eigenen Programmierfähigkeiten von der KI brutal in den Schatten gestellt werden, wich der Erkenntnis, dass sich mit dieser neuen Methode bemerkenswerte Verbesserungen erzielen lassen. Meine Websites wurden deutlich besser und nutzerfreundlicher. Und heute beschreibe ich eine Methode, die die Kreation von Webinhalten massiv vereinfacht.
Zuerst aber eine kleine Einschränkung: Ich rate zur Zurückhaltung, wenn es darum geht, Softwareprodukte auf die Menschheit loszulassen, die mittels künstlicher Intelligenz entwickelt wurden. Die Sprachmodelle neigen dazu, wichtige Aspekte zu übersehen, Sicherheitslücken einzubauen oder beim Code zu halluzinieren. Es braucht in diesen Fällen sorgfältige Tests und geduldige Optimierungen. Es ist extrem schwierig abzuschätzen, wann eine solche Schöpfung für andere brauchbar ist – das fiel mir seinerzeit, als ich den Code noch selbst schrieb, deutlich leichter.
Sich die Pflichtarbeit erleichtern

Ganz anders sieht es bei der Software für den Eigengebrauch aus. Die müssen bloss die eigenen Ansprüche erfüllen – und da liegt, was mich angeht, die Latte niedrig. Das zeigt das heutige Beispiel. Das ist mein neuer Produktionshelfer fürs Blog.
Der Name ist Programm: Das WordPress-Plug-in hilft mir, einen fertig geschriebenen Text publikationsbereit zu machen. Wie jeder Blogger und jede Bloggerin weiss, ist es nicht damit getan, die Ideen in eine lesbare Form zu bringen. Es gibt allerhand Zusatzaufgaben zu erledigen. Ein Blogpost braucht einen Titel, einen Vorspann (auch Lead, Excerpt oder Anriss genannt), ferner einen Permalink, ein Beitragsbild und einen Teaser für die sozialen Medien.
Bei letzterem handelt es sich um den Text, mit dem der Blogpost via Social-Modul der Jetpack-Erweiterung automatisch bei Facebook, Linkedin, Bluesky, Mastodon und Threads veröffentlicht wird. Ein solcher Klickanreiz kann salopp und persönlich formuliert sein, während ich den Vorspann auf der Website möglichst sachlich und informativ halten will: Denn ich will Leute, die per Suchmaschine, RSS-Feed oder über einen direkten Klick bei mir gelandet sind, möglichst unverschnörkelt darüber ins Bild setzen, was sie bei einem Beitrag erwartet und was nicht.
Wie ich mir selbst die Hände nicht mit SEO schmutzig machen muss
Beim Permalink, also dem hinteren Teil der URL des Blogposts, achte ich darauf, dass er die wesentlichen Informationen enthält: Er sollte suchmaschinenfreundlich sein, aber ohne in SEO-Voodoo abzugleiten. (Ihr wisst, was ich davon halte.)
Bei diesen Elementen hilft mir mein Produktionshelfer: Er analysiert den fertigen Blogpost und schlägt automatisch Titel, Vorspann, Social-Media-Teaser und Permalink vor. Er trägt seine Entwürfe in die passenden Felder im WordPress-Editor ein, wo ich sie übernehmen oder anpassen kann. Last but not least liefert mein Assistent auch Bildideen. Es schlägt drei bis vier Motive vor, mit denen sich das Thema bebildern liesse, möglichst allgemein gehalten, damit ich auf den gängigen Bilderplattformen (siehe hier) fündig werde.
Die Anwendung ist maximal simpel: Ich klicke im WordPress-Editor auf den Knopf Beitrag produzieren, und das Plug-in startet die Arbeit: Es schnappt sich den Beitragstext, schickt ihn an ein Sprachmodell, nimmt die Rückmeldung entgegen und trägt die einzelnen Elemente in die passenden Felder ein, wo ich sie übernehme oder anpasse¹.
Zwei Stunden Arbeit – und es läuft
Claude entwickelte dieses Plug-in für mich: Meine ausführliche Beschreibung der Funktionalität führte fast auf Anhieb zu einem funktionierenden WordPress-Plug-in. Ich investierte über den Daumen gepeilt zwei Stunden Arbeit, was sich bereits nach ein paar wenigen Einsätzen amortisiert. Nicht zu verschweigen ist, dass Kosten anfallen: Ich verwende zur Erzeugung der Inhalte ChatGPT via API, und dafür wird nach Token abgerechnet. Der Verbrauch ist unter platform.openai.com/usage ersichtlich. Den ersten Erfahrungen nach ist für eine Ausführung unter einem Cent zu berappen. Das ist mir die Zeitersparnis allemal wert.

Das Plug-in verfügt über einen Einstellungsbereich. Dort habe ich die Möglichkeit, den Prompt anzupassen, der die Elemente erstellt. Ich wähle aus, welche KI bzw. welches Sprachmodell zum Einsatz kommt. Standardmässig ist es ChatGPT mit GPT-5.4-mini, weil das einen guten Kompromiss zwischen Tempo und Qualität liefert. Der Prompt selbst ist schätzungsweise 3000 Zeichen lang. Er erklärt ausführlich, welche Elemente zu generieren sind, was beachtet werden muss, welche Stilvorgaben gelten, und so weiter.
Eine Entscheidung während der Entwicklung betraf die Frage, ob ich für jedes Element einen separaten Prompt verwenden will oder sämtliche Elemente mit einem einzigen grossen Prompt erzeugen lasse. Ich entschied mich für die zweite Variante und ich denke, dass es die bessere Wahl ist. Die einzelnen Elemente müssen aufeinander abgestimmt sein; Vorspann und Social-Media-Teaser brauchen eine gewisse Harmonie. Bei der separaten Erzeugung ist diese Abstimmung schwieriger und tendenziell aufwendiger, als wenn alles in einem Rutsch entsteht.
Wäre das etwas für euch?
Letzter Punkt: Wie stelle ich sicher, dass das Resultat vom Plug-in auch weiterverwendet werden kann? Schliesslich müssen die einzelnen Elemente an die richtigen Stellen im Editor verfrachtet werden. Meine Methode dafür ist simpel: Der Prompt gibt vor, dass die Elemente mit Markdown-Überschriften benannt werden. Das reicht fürs Parsen bereits völlig aus.
Fazit: Ich habe den Produktionshelfer seit anderthalb Monaten im Einsatz und seitdem bloss einige kleine Verbesserungen am Prompt vorgenommen. Und es ist toll, dank dieser massgeschneiderten Lösung beim Bloggen nun weniger Zeit für die Pflichtarbeiten investieren zu müssen. Ob die Qualität der Produktion durch den KI-Einsatz gelitten hat oder sogar besser wurde, müsstet ihr entscheiden, liebe Leserinnen und Leser. Ich freue mich über Rückmeldungen!
… zu bemerken wäre, dass ich die Vorschläge nie 1:1 übernehme, sondern immer anpasse. Aber ich schätze die Inspiration und die Zeitersparnis.
Und ebenso interessant: Hättet ihr selbst Bedarf an einem solchen WordPress-Plug-in, ohne es selbst entwickeln zu wollen? Falls ja, überlege ich mir, wie eingangs erwähnt, die Zeit und Energie zu investieren, um aus diesem Prototypen eine brauchbare Version 1.0 zu entwickeln und über den WordPress-Store anzubieten. Falls jemand mich dabei unterstützen will, ist diese Hilfe äusserst willkommen.
Nachtrag: Endlich eine schöne Übersicht für die alten Beiträge
In einer knappen Stunde habe ich im März auch die Übersicht für die alten Beiträge verbessert. Seit der letzten Theme-Umstellung krankte dieses Blog an der schlechten Darstellung der Beiträge, die noch aus der Zeit vor meinem Umstieg auf Wordpress stammten: Sie haben kein Beitragsbild und erscheinen in der magazinartigen Darstellung chaotisch und wenig ansprechend.
Mit Claude konnte ich diesen Mangel in einer guten halben Stunde beheben. Ich änderte das Theme so ab, dass bei fehlenden Beitragsbildern das erste Bild aus dem Blogpost angezeigt wird. Falls überhaupt kein Bild vorhanden ist – ja, so schlampig arbeitete ich früher –, wird ein Standardbild angezeigt.
Der Effekt ist verblüffend:


Natürlich hätte man sich diesen Aufwand auch sparen können: Kaum jemand wird sich so weit nach hinten durchblättern, dass er auf die alten Beiträge stösst. Sie werden, wenn überhaupt, via Google gefunden und direkt angezeigt. Dennoch ist es schön, seinem Perfektionismus frönen zu können.
Das Standardbild stammt übrigens von Fabrício Severo (Unsplash-Lizenz).
Fussnoten
1) Der Social-Media-Teaser landet in einem separaten Textfeld. Eine direkte Übergabe ans Social-Media-Plug-in klappt nicht; ich bekomme ihn zum Kopieren dargeboten. Die Bildvorschläge erscheinen ebenfalls als anklickbare Suchbegriffe, sodass ich die Suche sofort ausführen kann – inklusive Vorschlägen für die Bildlegende. ↩
Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele WordPress-Anwender über ein solch bewusst einfach gehaltenes Plug-in freuen würden. Es gibt in diese Richtung schon viele Plug-ins, teilweise für komplette Workflows wie „grase RSS-Feeds ab, suche Trendthemen und schreibe Beiträge darüber“. Aber die haben wahrscheinlich alle mindestens einen Kontozwang.
Ein Tipp bezüglich API: Für solche Anwendungen schalte ich gerne OpenRouter (Du hast schon darüber berichtet) dazwischen. Er arbeitet als Proxy für diverse LLMs von verschiedenen Anbietern. Man kann so verschiedene Modelle ausprobieren und einfach zwischen ihnen wechseln, ohne bei mehreren Anbietern ein Konto haben zu müssen. Zudem kann man die API-Keys mit Kostenlimits versehen und hat ein ausführliches Log.
Bei den Bildern könntest Du Dir überlegen, ob Du diese nicht auch gleich erzeugen lassen möchtest. Ein Kollege hat für jedes Rezept in seiner Sammlung in Obsidian ein „Foto“ erstellen lassen. Bei den meisten Fotos sieht man kaum, dass sie generiert sind. Das scheint die Zukunft zu sein. In den vergangenen Jahren hat mein Stockphoto-Anbieter Magnific (ehemals Freepik) den Fokus schrittweise von „suche ein Foto“ nach „welches Foto soll ich Dir erstellen?“ verschoben. (Und wenn ich deren Newsletter glauben kann, sind mittlerweile sogar viele „Person packt begeistert Produkt aus“-Videos auf Social Media generiert.)
Danke für die ausführliche Rückmeldung! Gleich die Bilder zu generieren, wäre die allergrösste Arbeitserleichterung, weil das oft am meisten Arbeit macht. Das Angebot bei Pexels und Unsplash, wo ich mich hauptsächlich bediene, ist beschränkt – es gibt zu vielen Themen keine wirklich guten Motive, sodass ich Motive wähle, die nur halb passen und durch eine waghalsige Legende «eingegliedert» werden müssen.
Trotzdem gefällt mir das Blog mit echten Bildern besser. Ich habe vor zwei Jahren mit KI-Bildern operiert, und die wirken heute so wie die Linkedin-Posts, die ich allein wegen des KI-Bildes ignoriere. Vielleicht wäre es ein gangbarer Weg, zu Webanwendungen, Apps etc. per KI Fotos generieren zu lassen, die die passenden Screenshots auf einem Bildschirm in der realen Welt zeigen. Heute fotografiere ich das ab und zu selbst, aber es ist halt ein Aufwand. Dafür brauchts aber noch einige Experimente.
Bildgeneratoren sind in den vergangenen zwei Jahren massiv besser geworden. Die grösste Herausforderung scheinen immer noch Personen zu sein. Die wirken manchmal „falsch“, ohne, dass man sagen könnte, was falsch ist. Ein Kunde generiert „Ambientebilder“ seiner Produkte für seinen Shop. „Zeige diese Vase in einem modern eingerichteten Wohnzimmer.“ Solche Bilder sind auch in höherer Auflösung kaum von echten Fotos zu unterscheiden. Auch Schattenwurf etc. stimmen.
Ich kann Magnific empfehlen. Für 12 Euro im Monat hat man Zugriff auf Millionen von Fotos und (für mich noch wichtiger) Icons. Zudem hat man Bild- und Videogeneratoren, Upscaler etc. zur Verfügung. Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, die Werkzeuge auszuprobieren. Aber den Newslettern zufolge scheint „nimm dieses Foto von Laufschuhen und erstelle ein kurzes Video einer Person, die damit rennt“ gut genug zu funktionieren, um Geld dafür nehmen zu können.
Bilder mit Screenshots sind kein Problem. Ich habe ein Stockphoto mit iMac und iPad genommen, einen Screenshot einer Website hochgeladen und „AI Edit“ gesagt, er solle die Website in einem Browser anzeigen. Die Seitenverhältnisse hat er korrekt angepasst, also weniger Kacheln auf eine Zeile genommen und nicht einfach verkleinert. Nur hat Safari auf dem iPad eine andere Titelleiste als auf macOS.
Probiere ich aus!
@Matthias Darüber ich mir hier auch Gedanken gemacht: https://www.tobiasreithmeier.de/blog/vibe-coding-demokratisierung-der-software.html – Licht und Schatten als Helfer und – unbedarft benutzt – Chaosbringer. Ich finde deinen Einsatzzweck valide und interessant zu lesen, zu oft wird KI nur wahllos oder in meinen Augen falsch verwendet.
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