Den Querdenkern den Spiegel vorhalten

Auf der Website «Pro­phezei­ungen der Querdenker» werden die Vor­aus­sagen aus dem Lager der Wut­bürger aufgelistet und auf ihre Adäquat­heit über­prüft: Ist das bloss Scha­den­freude oder hat es Ein­sicht zur Folge?

Wie stinkt man gegen Querdenker und Verschwörungstheoretiker an? Wir kamen dieses Jahr nicht darum herum, uns mit jenen Leuten zu beschäftigen, die die Pandemie für erfunden oder nebensächlich halten oder einfach nicht bereit sind, einen Beitrag zu deren Bekämpfung oder Abmilderung zu leisten und anzuerkennen, dass eine besondere Lage eine gewisse Anpassungsfähigkeit erfordert.

Das war deswegen anstrengend, weil diese Leute nicht nur einen Hang haben, gewisse Tatsachen zu ignorieren, zu leugnen oder kleinzureden, sondern auch gleichzeitig laut und meinungsstark auftreten. Das scheint mir dem Glauben zu entspringen, der manche dazu bringt zu denken, derjenige habe recht, der alle anderen übertönt. Eine Fehlannahme, die vielleicht damit zusammenhängt, dass sie selbst in der Stille gewisse Zweifel an ihren Überzeugungen hegen und nicht zuletzt sich selbst bei der Stange halten müssen.

So weit, so unerquicklich. Was meine Nerven aber wirklich überstrapaziert hat, ist Folgendes: nämlich die Tatsache, dass man sich von diesen Quer- oder Nichtdenkern auch noch beleidigen und dumm hinstellen lassen musste – als obrigkeitsgläubig, Schlafschaf, Irregeleiteter oder Helfershelfer jener Leute, die die Pandemie angeblich zur Verwirklichung der Diktatur missbrauchen.

Recht behalten, andere bekehren

Das war (und ist) schon  derb. Und es ist auch reichlich verräterisch. Denn es zeigt, dass es den Leuten nicht nur um die Sache geht, sondern vor allem darum, recht zu behalten und andere zu bekehren. Oder – und das ist noch wahrscheinlicher – zur Selbsterhöhung zu benutzen. Da die kleine Gruppe der Eingeweihten; dort die dummen Massen, die nichts kapieren.

Klar, es gibt auch auf der Seite der Vernünftigen die Besserwisser und Rechthaber. Aber es macht einen Unterschied, wenn man sich intensiv – und vor allem ergebnisoffen – mit einem Thema beschäftigt hat. Der Prozess, wie eine Meinung entstanden ist, der ist entscheidend: Will man recht haben, weil sich die Welt den eigenen Vorstellungen unterordnen sollte? Oder möchte man recht haben, weil man überzeugt ist, dass es so ist, wie es ist – und dass wir nur die richtigen Verhaltensweisen an den Tag legen, wenn wir von den tatsächlichen Voraussetzungen ausgehen?

Gut natürlich, auch das setzt die Fähigkeit zur Einsicht voraus. Wenn einer sich aus all die Absurditäten glaubt, die er bei Youtube gesehen und auf Telegram lesen konnte, ein in sich geschlossenes Weltbild gezimmert hat, dann ist er genauso überzeugt, im Besitz der Wahrheit zu sein wie einer, der versucht, sich an der Wissenschaft zu orientieren und der verstanden hat, dass man gewillt sein muss, seine Ansichten zu revidieren und dazuzulernen.

Können neue Fakten etwas bewirken oder nicht?

Daher ist Beharrungsvermögen per se nicht schlecht – der Unterschied besteht lediglich darin, ob neue Fakten etwas an einer Position verändern können oder ob die immer nur selektiv danach ausgewählt werden, ob sie die einmal eingenommene Anschauung untermauern oder nicht.

Die führenden Köpfe des Schwurblertums.

Hilft es bei dieser Ausgangslage, den Querdenkern den Spiegel vorzuhalten? Das ist das, was die Website prophezeiungenderquerdenker.com tut: Sie sammelt die Voraussagen, die aus diesen Kreisen in Umlauf gesetzt worden sind. Denn solche Prophezeiungen der Querdenker haben den Vorteil, dass sie überprüfbar sind – vor allem, wenn sie mit einer Zeitangabe ausgestattet sind. Man kann nach Ablauf des angegebenen Termins klären, ob es so gekommen ist oder nicht.

Das Virus wegmeditieren

In der Liste gibt es Aussagen von dem gern zitierten Mediziner Sucharit Bhakdi darüber, wie viele Leute angeblich maximal sterben würden. Es gibt x Aussagen zu beliebigen Zeitpunkten, dass die Pandemie nun überstanden sei. Man erfährt klare Termine, wann die Demokratie abgeschafft und die Diktatur errichtet werden würde. Und es gibt Perlen wie diese hier:

Aufgrund einer weltweit stattfindenden Massenmeditation wird das Corona-Virus am 5. April 2020 um 4:45 Uhr endgültig ausgelöscht.

Am 21. Dezember, an dem ich diesen Text hier schreibe, gab es 480 Prognosen, von denen 1,5 eingetreten sind.

Die Website ist eine amüsante Lektüre und Balsam für die Seele, wenn man nach der Lektüre von Facebook oder der neuen Tweets in meiner Haareraufen-Liste auf Twitter an der Welt verzweifeln möchte.

Es bleibt eine Frage: Dient die Website bloss dem Amüsement der Anti-Querdenker oder verhilft sie vielleicht zur Einsicht, zumindest bei einigen nicht ganz vernagelten Massnahmengegnern?

Unwillen zur Einsicht

Ich mache mir keine Illusionen. Wie ich versucht habe darzulegen, ist der Unwillen zur Einsicht ein entscheidendes Merkmal. Daran wird auch eine solche Website nichts ändern, zumal sich solche alternativen Theorien dadurch auszeichnen, sich einer Überprüfung zu entziehen.

Im Zweifelsfall werden solche Irrtümer mit geradezu atemberaubenden Pirouetten gerechtfertigt: «Die Diktatur ist noch nicht ausgerufen worden, weil alles noch viel schlimmer ist als gedacht – die bösen Verschwörer haben nämlich ihre Freude daran, uns noch etwas länger im Ungewissen zu lassen und unsere Qual auszuweiten.»

Man kann sich darüber streiten, ob bei den «Prophezeiungen der Querdenker» der aufklärerische Aspekt oder die Schadenfreude überwiegt. Und natürlich kann man auch finden, es sei nicht zweckdienlich, sich lustig über Querdenker zu machen. Das gesellschaftliche Klima fördert es nicht und es ist nicht unbedingt geeignet, eine Versöhnung herbeizuführen.

Aber wie erwähnt: Die Website ist Balsam für die Seele und es gibt auch genügend Spott von aus dem Lager der Querdenker. Darum ist es meines Erachtens legitim, sich diese kleine, egoistische Handlung zu gönnen und sich einen Spass auf Kosten der Wutbürger zu erlauben. Vor allem, wenn man im Alltag versucht, nicht egoistisch zu sein, sondern das Wohl aller in den Vordergrund zu stellen.

Beitragsbild: Zugegeben, dieses Spielchen hier ist etwas klein, als dass ein Blick hinein völlige Selbsterkenntnis bringen könnte (Vince Fleming, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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