Seelsorge auf Pfahlbauer-Niveau

Motivations-Apps wappnen uns für die Wid­rig­kei­ten des Lebens, indem sie uns mit der rich­ti­gen men­talen Grund­hal­tung aus­stat­ten. Oder sind sie doch nur Geld­ma­cherei? Ich habe über­prüft, welche Wir­kung die An­feue­rungs­sprü­che bei mir er­zie­len.

Eigentlich hätte das hier ein brutaler Verriss mit einem hämischen Unterton werden sollen. Stossrichtung: Was muss man für ein Verlierer sein, wenn man es nötig hat, sich seelisch und moralisch von einer App aufpäppeln zu lassen.

Aber wisst ihr was? Das wäre schlechter Stil gewesen. Es würde zwar sehr gut zu der Art und Weise passen, wie wir im Moment in den sozialen Medien miteinander umgehen: Wir machen lächerlich, was uns nicht entspricht. Wir putzen Leute mit anderen Ansichten herunter. Wir verabsolutieren unsere eigenen Wertvorstellungen und tun so, als sei alles Scheisse, was ihnen nicht entspricht.

Davon habe ich derzeit ziemlich die Nase voll. Sosehr ich Spott mag und Hohn als legitimes Stilmittel betrachte, ist mir eines klar geworden: Eine konstant ironische Grundhaltung nervt. Sie birgt das Risiko, zum Zyniker zu werden. Und wenn alle sich auf Facebook und auf Twitter nur noch als Spottdrossel gebärden und jegliche Ideen und Vorstellungen doof finden, die sie nicht selbst in die Welt gesetzt oder mit ihrem Gütesiegel versehen haben, dann wird das Klima auf diesen Plattformen schon bald komplett unerträglich.

Ich habe darum neulich dafür plädiert, diese Stilmittel nur noch sehr zurückhaltend einzusetzen. Und beim Nerdfunk haben wir darüber diskutiert, wie wir die sozialen Medien abrüsten können.

Lebe dein Lebem (sic), lechle dein Gelachen (sic), umd denke dein Gedaknen (sic)

Um mit gutem Beispiel voranzugehen, gibt es hier keine herablassende Rezension, sondern eine nüchterne Besprechung, die mit dem Hinweis anfängt, dass ich selbst mit dieser App nichts anfangen kann. Mir gefällt die Parodie darauf besser, die zufällig auf Facebook zu finden ist. Sie heisst Nachdenkliche Sprüche mit Bilder und ist keine sonderlich neue Errungenschaft mehr. Es gibt sie seit längerem und war ungefähr vor sechs Jahren einmal so angesagt, dass Anna Bühler beim «Bayerischen Rundfunk» erklärte, weswegen sie damit nichts anfangen könne.

Also gut, meinetwegen.

Es geht um die App Motivation, die kostenlos fürs iPhone und iPad und Android erhältlich ist. Sie ist alles andere einzigartig; man findet auch diverse weitere Apps der gleichen Machart, zum Beispiel Quotes for Motivation: Inspire, Daily Motivation oder Motivation Zitate auf Alltags (sic!).

Diese Apps geben Merk- und Sinnsprüche zum Besten, genauso wie «Nachdenkliche Sprüche mit Bilder», nur unironisch und mit (etwas) weniger Schreibfehlern. Zum Beispiel:

  • «Man sagt, ein Mensch braucht (sic!) nur drei Dinge, um in dieser Welt wirklich glücklich zu sein: jemanden, den man liebt, etwas zu tun und etwas, auf das man hoffen kann. (Tom Bodett)»
  • «Sei nie in Eile. Mache alles ruhig und mit einem ruhigen Geist. Verliere für nichts deinen inneren Frieden, auch wenn deine ganze Welt aufgewühlt scheint. (Franz von Sales)»
  • «Eines Tages wirst du stolz sein, dass du es geschafft hast.»
  • «Regel Nummer 1 des Lebens: Mache das, was dich glücklich macht.»

Man kann die Sprüche in der App ansehen, teilen oder als Favorit markieren. Es gibt Rubriken wie Allgemeines, Positive Lebenseinstellung, Leben, Sich verlieben, Fleiss, Selbstliebe, Panik, Kummer, Depression und Ermutigende Botschaften.

Wischen oder per Benachrichtigung bekommen

Die App hält zehn aufmunternde Worte für die richtige Menge.

Man blättert die Sprüche per Wischgeste in der App durch, kann sie sich aber auch in wählbaren Intervallen als Benachrichtigung aufs Display bringen lassen oder als Widget auf dem Homescreen einbetten. Letztere Variante ist am charmantesten, finde ich – das gibt dem Smartphone einen heimeligen Touch, genauso wie der gestickte Sinnspruch, der bei Grossmutter über dem Sofa hing…

Halt, jetzt wäre ich doch fast aufs hohe Ross gestiegen. Denn ja, ich halte diese Sprüche für platt und so abgedroschen, dass es mich ein bisschen schmerzt. Und ich erinnere mich auch daran, dass mein Ex-Arbeitskollege Christian Fichter neulich im «Tagesanzeiger» geschrieben hat, die meisten Lebensweisheiten seien falsch. Er hält unzeremoniell und mit brutaler Nüchternheit fest, dass Leidenschaft allein nicht zum Erfolg reicht:

Wenn Selbsthilfe-Bullshit viral geht, entstehen unsterbliche Memes, die das Internet wie die Pest überziehen. Zum Beispiel die von Malcolm Gladwell in die Welt gesetzte Idee, dass man es durch 10’000 Stunden Übung an die Weltspitze schafft. Ich spiele mein Instrument seit vierzig Jahren, Weltspitze bin ich trotzdem nicht.

Da kann ich ihm nicht widersprechen. Simplifizierte Lebenshilfe ist ein Geschäft, die der Kundschaft keinen Nutzen bringt. Und natürlich sollte man bei einer Depression sich nicht mit einer App therapieren, sondern einen Arzt aufsuchen.

Einfache Dinge wie die Liebe…

Vielleicht hilft die App bei einfacheren Angelegenheiten. Zum Beispiel der Liebe…

… habe ich jetzt gerade geschrieben, die Liebe sei einfach? Das nehme ich natürlich zurück. Ich meine es so, dass hier ein motivierender Spruch – «Du bist schön und verdienst Liebe», um es einmal auf den allereinfachsten Nenner zu bringen – vielleicht tatsächlich bewirkt, dass man beschwingter an die Sache mit der Partnerwahl herangeht und dadurch seine Chancen erhöht.

Die besten Sinnsprüche gibt es nur gegen Abogebühr.

Ob dem so ist, kann ich nicht sagen, weil mich die App diese Kategorien nicht kostenlos erkunden lässt. Es bräuchte dafür ein Abo, das 1.62 Franken pro Monat oder 19.50 Franken im Jahr kostet. Und damit bin ich leider an dem Punkt angelangt, wo ich dieser App nichts Gutes mehr abgewinnen kann. Wie die von Christian Fichter kritisierten billigen Lebenshilfe-Mantras ist auch das vor allem Geldmacherei. Eine solche App dürfte meinetwegen gerne für zwei oder fünf Franken verkauft werden. Aber ein Abo ist dafür nicht nötig. Selbst wenn täglich neue Sprüche nachgeliefert werden, hält sich der Aufwand dafür in Grenzen.

Und damit frage ich mich am Ende, ob ich nicht vielleicht doch etwas spotten sollte? Nicht über die Nutzer, wohl aber über die Macher solcher Trivial-Seelsorge: Sie sollten sich nach ihren eigenen Lebensanweisungen richten und sich auch bei ihrer Geschäftstätigkeit von der Liebe zu den Mitmenschen leiten lassen – und sich nach den höher hängenden Früchten recken.

Beitragsbild: Bei der Tasse ist wenigstens Kaffee drin (Olena Sergienko, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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