Die App für gute und schlechte Erinnerungen

Die Timehop-App gräbt alte Social-Media-Sünden aus, zeigt Fotos aus glücklicheren Tagen (oder von Hochzeiten, die man schon verdrängt hat) und ist der beste Freund von allen Netznutzern mit einer nostalgischen Ader.

Fotos aus der Foto-App – und der Corona-freien Vergangenheit.

Unlängst ging es im Beitrag Zwischen Twitter-Nostalgie und Offline-Realität darum, wie man am einfachsten in die sozialmediale Vergangenheit eintaucht. Denn auch wenn die meisten von uns Twitter, Facebook und Instagram mit einem aktuellen Bezug verwenden, so taugen die Plattformen auch für den nostalgischen Blick zurück.

Ich mag das: Man lässt sich vor Augen führen, womit man sich vor einem, fünf oder zehn Jahren beschäftigt hat. Und es ist immer eine Überraschung, wie man das Vergangenheits-Ich erlebt: Als originell und erfrischend. Oder doch eher als das Gegenteil. Letzteres kann dem Ego zwar einen Dämpfer versetzen. Aber man kann sich trösten, dass man sich weiterentwickelt hat und über dieses Vergangenheits-Ich hinausgewachsen ist.

Bei Facebook funktioniert diese Zeitreise mit der Erinnerungs-Seite ganz simpel. Bei Twitter gibt es hingegen keine eingebaute Funktion dafür. Doch als Reaktion auf meinen Beitrag habe ich zwei Tipps bekommen, die ich hier für andere Social-Media-Nostalgiker gerne vorstelle:

Erstens onthisday.me. Diese Website verspricht, einem alte Tweets anzuzeigen. Man muss sie dafür mit Twitter verbinden. In meinem Fall funktioniert das  nicht. Ich habe es einige Tage hintereinander probiert, und jedes Mal hält die onthisday.me keine Erinnerungen, sondern nur die Aufforderung, ich solle morgen wieder vorbeischauen, für mich bereit. Viel passiert ist erst nicht – doch irgendwann hat der Dienst einen beliebigen alten Tweet retweetet.

Für mich war nicht ersichtlich, aus welchem Grund genau diesem Tweet – der für mich selbst nicht mehr erschliessbar war –, die Ehre einer Wiederveröffentlichung zuteil geworden ist. Ausserdem möchte ich nicht unbedingt alte Tweets für die ganze Welt retweeten, sondern lediglich für mich noch einmal zur Verfügung haben. Darum habe ich «On this day» wieder aus dem Verkehr gezogen.

Die verbundenen Apps – ich hätte hier auch gerne noch Onedrive.

Zweitens die App Timehop, die es fürs iPhone und für Android gibt. Bloggingtom hat sie mir vorgeschlagen, und sie ist perfekt: Sie macht genau das, was ich mir gewünscht habe. Sie zeigt einem, was man am gleichen Tag des Jahres in früheren Jahren getan, gepostet und fotografiert hat.

Zu diesem Zweck verbindet man seine Social-Media-Accounts, die man im Rückblick berücksichtigt haben möchte. Zur Auswahl stehen Facebook, Twitter (mit der Möglichkeit, mehrere Accounts zu verbinden) und Instagram (ebenfalls mit mehreren Accounts). Damit man sieht, wo man sich aufgehalten hat, lässt sich auch Swarm (vormals Foursquare) einbinden. Für die fotografischen Rückblicke kann Timehop auf Dropbox, Google Fotos und die Foto-App des Geräts zugreifen.

Hier hat Timehop nicht gerade eine Sternstunde meines Twitter-Schaffens ausgegraben.

Nachdem das mühsame Geschäft des Autorisierens aller Informationsquellen erledigt ist, darf man seine Rückblicke auch schon geniessen: Durch horizontales Wischen bewegt man sich zur nächsten Erinnerung, wobei man sich erst von Dienst zu Dienst und dann tiefer in die Vergangenheit zurückbewegt.

Bei den Fotos gibt es die lustige Funktion namens Then & now: Mit der stellt man dem Motiv auf einem alten Foto sein aktuelles Pendant gegenüber. Das ausgewählte Foto erscheint links. Rechts sieht man das Live-Kamerabild, sodass es leicht fällt, die Aufnahme nachzustellen.

Man kann sie direkt aus der App speichern oder an einen Social-Media-Dienst verfüttern – das ist die perfekte Rückkoppelungsschleife.

  • Fazit: Eine App, die Spass macht und die ich gerne weiterhin nutzen werde. Vier zu kritisierende Punkte bleiben:

Erstens werden Beiträge manchmal aus dem Kontext gerissen, zum Beispiel Antworten auf Twitter. Die versteht man nach einem Jahr wohl nicht mehr. Um eine Diskussion im ganzen Kontext zu sehen, muss man zur Originalquelle zurück. Das geht theoretisch, indem man oben beim Datum auf das Menüsymbol klickt und Open in Twitter/Facebook/ auswählt. Praktisch passiert bei mir leider gar nichts – was frustrierend ist.

Zweitens erscheint anfänglich nur wenig, mit der Zeit aber recht viel Werbung, die als « Messages from Timehop» daherkommt. Plus zu viele Servicemeldungen, man solle doch Instagram verbinden, seine Telefonnummer angeben, etc. Lästig!

Drittens beschleichen mich gewisse Datenschutzbedenken, wenn ich in einer einzigen App alle meine Konten verbinde. Ohne Timehop etwas unterstellen zu wollen – wenn man umfassende Social-Media-Profile über Leute anlegen würde anlegen wollen, die seit Jahren und Jahrzehnten dort Datenspuren hinterlassen, würde man es genauso tun.

Ich habe darum die Datenschutzbestimmungen – die in der App einfach vorzufinden sind – zumindest überflogen. Und auch wenn sie einige Schlupflöcher enthalten, so ist zumindest nicht davon die Rede, dass jegliche persönliche Informationen an den erstbesten Interessenten verkauft werden. Und vertrauensbildend finde ich auch, dass es in der App selbst, nämlich in den Einstellungen, die Möglichkeit gibt, das eigene Konto mit allen Daten zu löschen.

Viertens ist zumindest der Twitter-Rückblick lückenhaft. Für den Tag, an dem ich das schreibe, zeigt mir Timehop nur Tweets vom letzten Jahr an. Eine manuelle Suche (gemäss diesem Tipp hier) zeigt, dass ich am 3. Dezember auch in anderen Jahren nicht untätig war. Zum Beispiel gab es 2015 diesen, wie ich finde, durchaus originellen Tweet von mir.


Falls es die App die Zahl der Erinnerungen irgendwie beschränkt oder es technische Gründe gibt, dass die Rückblicke nicht vollständig sind, wäre es natürlich sinnvoll, wenn darauf hingewiesen würde. Bei Facebook habe ich folgenden Hinweis gefunden:

Wenn Sie häufig twittern, haben Sie vielleicht bemerkt, dass Ihrem Timehop ältere Tweets fehlen (das sind Limiten von Twitter, nicht unsere). Nutzen Sie unseren brandneuen Importer für das Twitter-Archiv, um alle Ihre Tweets über Timehop zu erhalten!

Der Link zum Importer führt aber leider ins Leere. Die Lösung scheint es nicht mehr zu geben. Im Beitrag I know I should have [x] content today but I don’t see it in Timehop wird man wie folgt aufgeklärt:

Oje, das tut uns so leid! Wir zeigen alle Inhalte, zu denen wir Zugang haben. Leider haben wir das, weigen einer Reihe von Faktoren, nicht immer. Manchmal hängt das mit den Berechtigungen für den jeweiligen Inhalt zusammen. Wir versuchen, solche Probleme auszuräumen.

Tja, etwas schade, aber wahrscheinlich tatsächlich unvermeidlich.

Wenn man umgekehrt Erinnerungen zu Gesicht bekommt, die man lieber nicht mehr sehen möchte, kann man die manuell ausblenden (durch Tippen auf das Icon des Ursprungsdienstes und den Befehl Hide from Timehop). Originellerweise zeigt die Anleitung als Beispiel ein Hochzeitsfoto – man kann davon ausgehen, dass diese Funktion mitten aus dem Leben gegriffen ist.

Beitragsbild: Früher waren die Erinnerungen schlechter sortiert (Leah Kelley, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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