Wie der Zauberwürfelmann zum Whistleblower wurde

Um dieses Buch kommt jemand wie ich nicht herum. Darum ist es auch überhaupt keine Frage, dass es hier im Blog besprochen wird. Wobei ich nun gar nicht allzu viel über den Inhalt verlieren will: Es ist eine Autobiografie und eine Erzählung der Ereignisse, die rund um den 6. Juni 2013 stattgefunden haben. Es erklärt schlüssig, wie es dazu kommen konnte, dass der grösste Datenschutzskandal aller Zeiten stattgefunden hat. Und wie ein Patriot zum «Landesverräter» wurde.

Der Whistleblower war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Es geht um Permanent Record, das Buch von Edward Snowden (Amazon deutsch; Amazon Englisch), das Mitte September auf den Markt gekommen ist. Und auch wenn ich es als Pflichtlektüre apostrophiert habe, empfehle ich es unbedingt auch all den Leuten, die ihre Bücher auf rein freiwilliger Basis auswählen dürfen. Denn «Permanent Record» hat mich ab Seite eins überrascht und in den Bann geschlagen.

Ich war schon bei den ersten Kapiteln verblüfft, wie flüssig und leichtfüssig das Buch geschrieben ist. Ich gebe zu, dass das mit meiner vorgefassten Meinung zu tun hatte. Die wiederum fusst auf einer klischierten Vorstellung der Spezies des Nerds, die ich offenbar habe: Ich dachte, dass so einer wie der Snowden eine trockene Schreibe pflegen muss. Er würde sich in den technischen Details von XKeyscore, PRISM und Boundless Informant verlieren, so habe ich befürchtet.

Aber da lag ich doch ziemlich daneben. Snowden wird dem technischen Anspruch gerecht. Aber «Permanent Record» lässt sich auch ausgezeichnet lesen, wenn man kein Informatikstudium abgeschlossen hat und an Computerbelangen nur mässig interessiert ist. Die Details, die fürs Verständnis wichtig sind, werden anschaulich erklärt. Er macht das so gut, dass ich den Mann jederzeit für Gastartikel auf unserer «Digital»-Seite verpflichten würde.

Und eben: Es geht in der Hauptsache nicht um jene Informationen rund um die Massenüberwachung, die die NSA im eigenen Land und auf der ganzen Welt betreibt. Die waren durch die Veröffentlichungen von Journalist Glenn Greenwald und Dokumentarfilmerin Laura Poitras hinlänglich bekannt. (Auch wenn man durchaus ab und an wieder daran erinnern darf).

Es geht in der Hauptsache darum, wie Ed Snowden zum Whistleblower wurde. Denn das wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil – er erklärt, dass der Job seiner Mutter bei der NSA nichts Aussergewöhnliches war:

I can’t stress this enough, for outsiders: this type of employment was normal. Neighbors to our left worked for the Defense Department; neighbors to the right worked in the Department of Energy and the Department of Commerce. For a while, nearly every girl at school on whom I had a crush had a father in the FBI. Fort Meade was just the place where my mother worked, along with about 125,000 other employees.

Der Anschlag von 9/11 hatte Snowdens Staatstreue noch gefördert. Er trat in die Armee ein und war gewillt, seinem Land zu dienen. Wie konnte es da dazu kommen, dass er ein gutes Jahrzehnt später zum Schluss kam, dem Land dienen zu müssen, indem er einige der bestgehüteten Geheimnisse verriet?

Kurzer Einschub: Was das bestgehütete Geheimnis angeht, erzählt Snowden die Episode von Ira «Gus» Hunt: Der Technikchef beim CIA erzählte immer mehr, als er eigentlich hätte erzählen sollen. An einer Konferenz von GigaOM im März 2013 hat er vor Publikum und live gestreamt im Netz die Pläne der Geheimdienste unmissverständlich zum Besten gegeben:

“At the CIA”, he said, “we fundameintally try to collect everything and hang on to it forever.” As if this wasn’t clear enough, he went on: “It is nearly within our grasp to compute on all human generated information.”

Man kann das sogar auf Youtube ansehen:

Wie wurde aus dem Patriot Snowden der Whistleblower? Das wird im Buch nachvollziehbar aufgezeigt. Es hat mehrere Ursachen, aber eine davon ist in der Begeisterung des kleinen Edward für Computer und das Internet zu suchen. Snowden erzählt, wie es war, als er zum ersten Mal mit dem C64 in Berührung kam und wie er das Internet der 199er-Jahre erlebt hat – als er den Familien-PC monopolisierte, sich stunden- und tagelang in Foren herumtrieb und die Betreiber des Kernforschungsinstituts in Los Alamos auf eine eklatante Sicherheitslücke in ihrer Website hingewiesen hatte:

How can I explain it, to someone who wasn’t there? My younger readers, with their younger standards, might think of the nascent Internet as way too slow, the nascent Web as too ugly and un-entertaining. But that would be wrong. (…)

It was precisely this that was so inspiring: the freedom to imagine something entirely new, the freedom to start over. Whatever Web 1.0 might’ve lacked in user-friendliness and design sensibility, it more than made up for by its fostering of experimentation and originality of expression, and by its emphasis on the creative primacy of the individual.

Diese Begeisterung für das freie Ur-Netz ist authentisch und nachvollziehbar. Und man beginnt zu ahnen, was für ein Dilemma das gewesen sein muss: Da, auf der einen Seite der Kampf gegen die Terroristen und die Feinde des Lands of the free. Und dort, andererseits, dieser gigantische Missbrauch der Verfassung. Snowden stellt mit einem gewissen Erstaunen fest, dass es in der Intelligence Community höchst aussergewöhnlich ist, wenn jemand die Verfassung liest:

On Constitution Day 2012, I picked up the document in earnest. I hadn’t really read the whole thing in quite a few years, though I was glad to note that I still knew the preamble by heart. Now, however, I read through it in its entirety, from the Articles to the Amendments. I was surprised to be reminded that fully 50 percent of the Bill of Rights, the document’s first ten amendments, were intended to make the job of law enforcement harder. The Fourth, Fifth, Sixth, Seventh, and Eighth Amendments were all deliberately, carefully designed to create inefficiencies and hamper the government’s ability to exercise its power and conduct surveillance.

In seinem Alltag erlebt er das Gegenteil: Die Überwacher sind ein Staat im Staat, die die Verfassung gehackt haben.

The constitutional system only functions as a whole if and when each of its three branches works as intended. When all three don’t just fail, but fail deliberately and with coordination, the result is a culture of impunity. (…)

It was time to face the fact that the IC believed themselves above the law, and given how broken the process was, they were right. The IC had come to understand the rules of our system better than the people who had created it, and they used that knowledge to their advantage.

They’d hacked the Constitution.

Die American Intelligence Community (IC) hat ihre Tätigkeit so definiert, dass Massenüberwachung keine Massenüberwachung ist. Mit zwei Tricks, indem nicht die Daten selbst, sondern «nur» die Metadaten gesammelt werden. Und indem niemand das Recht hat, diese Massenüberwachung einzuklagen, so lange die Massenüberwachung nicht bewiesen ist – was aber ohne Klage letztlich nicht möglich ist. Auf diese Weise hat die IC die Verfassung gehackt.

Dieser Rechenschaftsbericht des Edward Snowden leuchtet ein. Er hinterlässt einen ehrlichen und authentischen Eindruck. Und auch wenn man sich als Leser im Klaren ist, dass Snowden viele Details auslässt – auslassen muss, um seine Familie und Angehörige zu schützen und selbstverständlich auch, damit er selbst uns erhalten bleibt – so ist die Erzählung schlüssig und an manchen Stellen berührend.

Der emotionale Höhepunkt des Buchs ist Kapitel 25: Snowden hat seine Daten gesammelt, sich mit Greenwald und Poitras verabredet und macht sich nach Hongkong auf, um dort die Bombe platzen zu lassen. Und Lindsay, die Liebe seines Lebens, weiss nichts davon – und ahnt nicht, dass er sich bald aus dem Staub machen würde. Er erwacht zum letzten Mal neben Lindsay, die mit Freunden einen Camping-Ausflug zur Insel Kauaʻi unternehmen will.

We lay in bed and I held her too tightly, and when she asked with sleepy bewilderment why I was suddenly being so affectionate, I apologized. I told her how sorry I was for how busy I’d been, and that I was going to miss her. (…)

She smiled, pecked me on the cheek, and then got up to pack.

Beitragsbild: Die Sache mit dem Rubik cube wird im Buch natürlich auch erklärt (Congerdesign/Pixabay, Pixabay-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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