So trefft ihr künftig den richtigen Ton

Meine Tochter hat sich «Der Lindwurm und der Schmetterling oder Der seltsame Tausch» (Amazon-Affiliate) ausgeliehen. Das ist ein charmantes Kinderbuch mit Reimen von Michael Ende, in dem ein Drache und ein Kohlweissling mit ihren Namen unzufrieden sind.

Es gibt in dem Buch nebst der Geschichte in Gedichtform auch Bilder – und vor allem auch Musik. Die ist in Form von Noten abgebildet. Nun kann ich leider nicht vernünftig Noten lesen, sodass ich keine Ahnung habe, wie die Musik im Buch klingt. Als neugieriger Mensch stört mich das natürlich.

Also, was tun? Jeder vernünftige Mensch hätte per Google nachgesehen, ob es die Musik irgendwo im Netz zu hören gibt. Und er wäre vermutlich auch fündig geworden.

Meine Idee war allerdings herauszufinden, ob man die Noten vielleicht per Kamera digitalisieren und hörbar machen kann.

Noten lassen sich aus diversen Quellen importieren.

Ich habe mir daher die App Digital Score angelacht. Es gibt sie gratis fürs iPhone – mit Abo für die Pro-Features. (Ich glaube mich allerdings zu erinnern, dass ich sie für 4 Franken gekauft habe. Womöglich hat der Hersteller genau während meines Tests das Bezahlmodell umgestellt.)

Diese App verwaltet digitale Notenblätter, synchronisiert sie, führt Setlisten und trackt Übungseinheiten. Und sie bietet Zugriff auf Werke aus dem Public-Domain-Bereich. Man findet damit laut Hersteller mehr als 400’000 Werke, die man dann – die entsprechende Fähigkeit und das Talent vorausgesetzt – auf seiner Gitarre schrummeln, seiner Posaune tröten oder dem Triangel triangeln kann. Natürlich: Da die meisten der grossen Komponisten schon lange tot sind, gibt es einen riesigen Fundus an Werken mit abgelaufenem Urheberrecht, die man sich kostenlos besorgen kann.

Das funktioniert denn auch einwandfrei. Man tippt auf Partituren suchen, tippt einen Komponisten-Namen ein, der einem gerade einfällt und wählt aus einem reichhaltigen Angebot aus. Zu «Beethoven» gibt es fast fünfhundert Treffer, zu Chopin 212 und zu Wagner 165.

Die eingebaute Suche führt schnurstracks zu Tausenden von Nusikwerken.

Das ist schon mal beeindruckend. Die App verspricht, Noten per Kamera zu digitalisieren. Man betätigt das Plus-Symbol und hat diverse Befehle zur Auswahl: Nebst der Suche nach Partituren kann man auch via Browser suchen, aus der Cloud importieren oder leeres Notenpapier anzeigen lassen und selbst komponieren. Dafür muss man aber die Pro-Funktionen für 1 Franken pro Monat, 5 Franken im Jahr oder einmalig 15 Franken freischalten.

Und es gibt die Funktion Partituren digitalisieren: Mit der aktiviert man die Kamera und fotografiert seine Notenblätter ab. Das scheint gut zu funktionieren. Doch was man erhält, ist ein PDF und nicht etwa eine Notendatei in einem Standardformat. Ich bin nun musikalisch ein absoluter Laie, sodass ich keine Ahnung habe, welches Format man für diesen Zweck würde benutzen wollen. Vielleicht MusicXML?

Bevor ich mich an dieser Stelle mit meiner Unwissenheit so richtig blamiere, ein kurzes Fazit zu dieser App: Mir scheint sie interessant für Leute zu sein, die Noten tatsächlich lesen können und im Alltag so verwenden, wie sie gedacht sind: Nämlich als Hilfsmittel beim Musizieren. Meinen Zweck erfüllt die App hingegen nicht: Sie digitalisiert Noten zwar, aber sie macht sie nicht spielbar.

Das wäre allenfalls mit der App NotateMe möglich. Die App verspricht sogar die Erkennung von handschriftlichen Musiknoten. Die 39 Franken, die man für diese App zahlen müsste, waren mir für diesen Versuch jedoch zu teuer. Auch SmartScore Music-to-XML Music Notation Recognition für Windows würde womöglich weiterhelfen. Aber diese App für Windows kostet sogar über hundert Franken.

Übrigens: Wie es der Zufall will, habe ich in der c’t, Ausgabe 18-2019, auf den Seiten 122 bis 125 den Artikel «Intelligentes Notenlesen» entdeckt, wo Programme zum Digitalisieren gedruckter Musiknoten vorgestellt werden (hier gibt es ihn für Abonnenten auch in digital). Da werden Capella Scan 8, Photoscore Ultimate 2018, Scanscore 1.0.2, SharpEye Music Reader und Smartscore X2 vorgestellt. Laut Fazit sind alle Programme brauchbar, wenn qualitativ gute Vorlagen vorhanden sind.

Beitragsbild: Er scheint hier tatsächlich zu wissen, was er tut. Oder zumindest, wie man den Anschein erweckt (Rawpixel.com/Pexels, Pexels-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

2 Gedanken zu „So trefft ihr künftig den richtigen Ton“

Kommentar verfassen