Googles Arroganz

Vor ein paar Tagen habe ich ein Mail von Google bekommen. Darin stand, man habe einen neuen Google-Maps-Timeline-Rückblick für mich erstellt. Darin ein Link zu google.com/maps/timeline. Und dort wiederum eine ausführliche Historie, wo ich mich im Juli herumgetrieben hatte: 28 Fleckchen in drei Ländern, natürlich schön beschriftet, mit genauer Ortsangabe. Google sagt mir, ich sei in zehn Städten gewesen und 51 Stunden in einem Fahrzeug gehockt.

Das ist einerseits faszinierend, andererseits auch gruselig. Vor allem deswegen, weil ich mich nicht erinnere, den Google-Standortverlauf eingeschaltet zu haben. Ich hatte ihn vor Urzeiten einmal benutzt, um auszuprobieren, was das bringt. Meine Erkenntnis damals war, dass das Google mehr bringt als mir – und darum habe ich den Standortverlauf wieder deaktiviert. Denn es gibt andere Methoden, seine Aufenthaltsorte zu tracken – und zwar weniger verräterische.

Zum Beispiel Geofency. Diese App habe ich seinerzeit im Beitrag Die App fürs perfekte Alibi vorgestellt. Sie speichert die Daten lokal auf dem Gerät. Man kann sie exportieren und selbst auswerten. Klar; die Angabe, wie viele Stunden man in einem Fahrzeug verbracht hat, kriegt man nicht aus dieser App heraus. Aber ich vermute, dass ich auch ohne diese Information ein erfülltes und lebenswertes Leben führen kann.

Also, es stellen sich zwei Fragen: Wie kommt es, dass Google meinen Standort trackt, obwohl ich der Meinung war, diese Option abgeschaltet zu haben? Und mit welchen Mitteln kommt Google an diese Daten heran?

Wenn ich auf der Zeitachse nachsehe, dann fällt auf, dass 2019 bis zum April keine Aufzeichnung erfolgte. Dann, ab April 2019, war mir Google irgendwie wieder auf den Fersen. Daten gibt es auch von Dezember 2017 bis April 2018 – das könnte dann gewesen sein, als ich das Tracking zu Testzwecken aktiv hatte.

Mein Google-Standortverlauf: Nicht so leer, wie er sein müsste.

Im Verdacht habe ich die Google Maps-App: Die ist natürlich vor allem in unbekanntem Gelände in Betrieb. Und es war tatsächlich so, dass ich in den letzten Monaten ferien- und familienbedingt mehr unterwegs war als vorher. Da hatte ich auch Google Maps eingeschaltet. Vorher nicht.

In der Google-Maps-App gibt es in den Einstellungen die Option Standortfreigabe, die an den Standortverlauf gekoppelt ist. Die ist bei mir eingeschaltet. Man findet dort auch den Eintrag Google Maps Verlauf, der das Google-Konto und die Aktivitäten zum Vorschein bringt. Das ist eine interessante Seite, bei der akribisch jeden Klick protokolliert, den man in Interaktion mit den Datensammlern aus Mountainview tut.

Es lohnt sich auch ein Blick in die Rubrik Andere Google Aktivitäten. Dort sind nacheinander Web- und App-Aktivitäten, Geräteinformationen, Sprach- und Audioaktivitäten, Youtube-Wiedergabeverlauf, Youtube-Suchverlauf und noch viele weitere Dinge aufgeführt

Beispielsweise die Youtube-Kaufaktivitäten, Google Wortmeister, Einstellungen für Werbung, Antworten zu Orten, Google Play-Mediathek, News-Einstellungen, die bei GBoard gelernten Wörter, die Podcast-Abos in der Google-App, die zu Forschungszwecken geteilten Daten, Der Chrome Verlauf, das Produktpreis-Tracking, Google Assistant-Abläufe, Voice-Match-Anmeldungen, Katastrophenhilfe-Nutzermeldungen und Google Play-Bücher-Feedbacks aufgeführt. Und das ist nur eine Auswahl. Bei manchen Dingen habe ich eine vage Ahnung, worum es gehen könnte. Andere sind mir ein Rätsel.

Mit etwas mehr Geklicke lande ich bei den Aktivitätseinstellungen zum Standortverlauf, wo ich die Option abdrehe. Google zeigt mir daraufhin sofort eine lange Warnung. Die ist aus zweierlei Gründen interessant.

Erstens suggeriert sie, dass man einen wirklich grossen Fehler begeht, wenn man diese Option abdreht:

Durch Pausieren des Standortverlaufs wird die Personalisierung von Google-Diensten unter Umständen eingeschränkt oder unmöglich gemacht. Zum Beispiel kann es passieren, dass Sie weder Empfehlungen auf der Grundlage der von Ihnen besuchten Orte noch nützliche Tipps zu Ihrer Pendelstrecke erhalten.

Zweitens ist bemerkenswert, dass man den Standortverlauf offensichtlich nicht abschaltet, sondern nur pausiert. Das legt nahe, dass die Pausierung auch wieder beendet werden kann. Vielleicht sogar automatisch, bzw. von seiten von Google.

Dass dem so ist, dafür gibt es deutliche Anzeichen. Erstens zum Beispiel Medienbeiträge wie dieser hier: Google keeps a history of your locations even when Location History is off.

Zweitens schreibt Google selbst folgendes:

Ihr Standort wird unter Umständen trotzdem in Ihrem Google-Konto gespeichert, etwa bei der Nutzung anderer Google-Websites, -Apps und -Dienste. Einige Standortdaten können im Rahmen Ihrer Aktivitäten in der Google-Suche und Maps weiter gespeichert werden, wenn Web- & App-Aktivitäten aktiviert ist. Abhängig von den Einstellungen der Kamera-App werden diese Daten dann eventuell Ihren Fotos hinzugefügt.

Abgeschaltet ist nicht wirklich abgeschaltet.

Es ist an dieser Stelle offensichtlich, dass man als Nutzer nicht die Möglichkeit hat, seinen Standort konsequent vor Google zu verbergen. Der Hinweis auf «die Nutzung anderer Google-Websites, -Apps und -Dienste» ist so weit gefasst, dass grundsätzlich alles, was man mit Google tut, darunterfällt. Das klingt für mich danach, dass die Abschaltung rein kosmetischer Natur ist und keine Auswirkungen darauf hat, ob Google nun versucht, mich zu lokalisieren oder nicht.

Als Nutzer hat man zwei Möglichkeiten. Man kann sich in sein Schicksal schicken und akzeptieren, dass Google weiss, wo man sich herumtreibt. Das scheint mir das, was viele Leute tun – zumal es schwierig ist, bei den Einstellungen zum Standortverlauf überhaupt durchzublicken.

Die zweite Möglichkeit wäre, sich von seinem Google-Konto abzumelden und Google konsequent zu meiden oder mittels Anonymisierungsdiensten zu nutzen. Das ist allerdings radikal und macht das digitale Leben mühsamer. Es ist nun einmal so, dass Google omnipräsent ist. Selbst wenn man statt googelt bingt, statt Google Maps Apple Maps benutzt, einen Bogen um Gmail macht, den Google Calendar links liegen lässt, sein Android-Telefon in den Shredder wirft und auf Youtube verzichtet, wird man Google nicht komplett entrinnen. Ich erinnere nur mal an Google Analytics. Und vielleicht wird, wie bei mir, Google-Dienste vom Arbeitgeber bereitgestellt. Dann wäre die konsequente Google-Vermeidung mit einem Jobwechsel verbunden.

Es ist nun keine brandneue oder besonders originelle Erkenntnis, dass Google ein ungesundes Interesse an unseren Daten hat. Im Gegenteil: Das ist ähnlich überraschend, wie wenn die SVP sich wieder einmal ein abartiges Wahlkampfsujet hat einfallen lassen.

Und trotzdem lohnt es sich, Gelegenheiten wie dieses Mail von Google wahrzunehmen und sich zu überlegen, ob man wirklich alle diese Daten preisgeben will. Ich als Computerjournalist habe nicht die Wahl, Google den Rücken zu kehren – denn dann könnte ich meinen Job nicht mehr machen und kritisch über Google berichten. (Was, nebenbei bemerkt, eine entsprechende Entschädigung als Lohnbestandteil rechtfertigen würde, finde ich.)

Aber auch wenn man sich nicht komplett querstellen kann oder will, kann man graduell Verbesserungen erzielen. Eben, ich werde künftig (noch häufiger) Apple Maps statt Google Maps benutzen. Ich bin dran, mir eine Alternative zum Google Calendar zu überlegen. Und auch sonst bleibe ich wachsam. Wie ihr auch künftig hier im Blog werdet lesen können.

Und hier noch ein direktes Wort an Google: Es ist eine Frechheit, was du hier treibst. Gib dir mal Mühe, und nimm deine Nutzer ernst. Wenn sie den verfluchten Standortverlauf abschalten möchtet, dann hast du das zu respektieren: Schalte den verfluchten Standortverlauf ab, und zwar richtig. Kein Pausieren, kein «Vielleicht ist er doch nicht ganz abgeschaltet», keine Ausflüchte. Benimm dich endlich anständig, nicht wie ein verdammtes arrogantes Arschloch.

Beitragsbild: Würden Sie bitte Ihre Zigarette … äh, den Standortverlauf ausmachen? (Vitabello/Pixabay, Pixabay-Lizenz)

Autor: Matthias

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