Jaaaaaaa!

Also, ich komme anscheinend nicht darum herum, einmal einen Blogpost nur über freie Bürosoftware zu schreiben. Und hier ein für alle Mal öffentlich festzuhalten: Jaaaaaa, ich kenne Open Office! Jaaaaa, ich habe auch schon mit Libre Office gearbeitet. Und jaaaaaa, ich finde es toll, dass es diese Programme gibt.

Und wenn ihr bei dieser Einleitung einen passiv-aggressiven Unterton herausgehört habt: Jaaaaa, gut gemacht!

Nein, im Ernst und in aller Freundschaft: Ihr wisst, dass ich ein Fan freier und offener Software bin. Ich kenne auch die Bedeutung von Open Office: Es wäre in der Blütezeit verheerend gewesen, wenn Microsoft diese Konkurrenz nicht gehabt hätte. Wir wissen, wie dominant Microsoft Office über Jahre war. Da war es dringend nötig, dass ein Stachel im Fleisch des Branchenführers steckte. Er hat die zur Überheblichkeit neigenden Software-Götter in Redmond daran erinnert, dass sie es nicht übertreiben dürfen. Denn ihre Produkte sind nicht alternativlos. Die Nutzer können, wenn es ihnen zu bunt wird, wechseln und sich jegliche Lizenzzahlungen an Microsoft sparen. Und viele Leute konnten und können sich die vergleichsweise teuren Produkte nicht leisten. Es ist toll, dass sie eine Ausweichmöglichkeit haben.

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Open office: Eine Software wie ein Trip zwanzig Jahre in die Vergangenheit.

Was mich etwas nervt, ist die Penetranz Hartnäckigkeit der Fans aus dem Lager der freien Software. Das gilt für die Verfechter von Linux (siehe hier). Aber es gilt auch für die Fürsprecher der nicht-kommerziellen Bürosuiten. Ich habe in der letzten Zeit mehrfach über Office 2019 geschrieben, nämlich fürs Newsnetz, den Tamedia-Mantel und hier im Blog. Jedes Mal wurde ich entsprechend belehrt. Ich weiss nicht, ob meine Kollegen von der Kulinarik jedes Mal, wenn sie einen gehobenen Fresstempel gastrokritisieren, darauf hingewiesen werden, dass man sich auch im McDoof nebenan die Wampe füllen kann? Kriegt ein Sportreporter nach einer Fussballreportage den Hinweis, dass man sich auch Eishockey ansehen kann? Und muss sich ein Kriegsreporter anhören, dass die Reportage aus Syrien zwar eindrücklich sei, man aber eigentlich aus dem Jemen hätte berichten sollen?

Bei einer Produktvorstellung kann man Alternativen erwähnen, man muss aber nicht: Es hängt davon ab, wie viel Raum man für seine Berichterstattung hat und ob der Blick über den Tellerrand hinaus besondere Erkenntnisse bringt. Im Fall von Office 2019 war beides gegeben: Ich habe darum einen grossen Kasten zu zehn anderen Produkten zum Text gestellt, in dem auch Libre Office Erwähung fand. Damit sollten eigentlich alle zufrieden sein, dachte ich. Aber nein.

Im Landboten vom 3. Oktober 2018 haben Sie (…) einen Artikel (…) zu Microsoft Office publiziert und Alternativen vorgestellt. Bei den Alternativen fehlt Open Office. Dieses Tool kommt zwar ebenfalls «altbacken» daher, hätte eine Erwähnung aber sicher verdient. Dafür stehen hippe Tools auf der Liste, die für die meisten Anwender wohl keine wirkliche Option darstellen.

Zu den hippen Tools zählen übrigens Google Docs, Apple Pages, Numbers und Keynote, die Webanwendungen von Office und Tablet-Apps wie Editorial und Ulysses. Die sind alle eine Option – es kommt halt darauf an, was man tut. Einer hat neulich sogar ein Buch mit Ulysses geschrieben.

Verblüffend an dieser Rückmeldung war jedenfalls, dass ich trotz der Erwähnung von Libre Office dafür getadelt wurde, dass Open Office nicht aufgeführt ist. Geht der Fundamentalismus die Identifikation so weit, dass ein Open-Office-Nutzer die Erwähung von Libre Office nicht gelten lässt, und vice versa? Oder hatte der Mann vielleicht noch nie etwas von Libre Office gehört? Kann sein, aber dann sollte er nicht unbedingt andere Leute belehren wollen denn die Situation ist auch wirklich einigermassen verfahren: Denn wie Wikipedia erklärt, ist Libre Office eine Abspaltung von Open Office, die wegen der Einmischung von Oracle erfolgen musste. Oracle ist bekanntlich ein Softwareunternehmen, das etwa ähnlich unsympathisch ist wie Microsoft.

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Libre Office: Die Icons und das Interface wurden leicht aufgefrischt, aber eine Augenweide ist das auch nicht.

Dass beide Zweige nun weiterexistieren, ist nicht sinnvoll: Einerseits werden Kräfte verzettelt. Und andererseits ist es für Nutzer schwierig zu entscheiden, welche Variante sie benutzen sollten. Ich habe mich für meinen Artikel für Libre Office entschieden, weil ich dort mehr Rückhalt von der Community vermute. Aber es kommt letztlich nicht wirklich draufan, meint zum Beispiel auch howtogeek.com.

Was mich angeht, finde ich den Look beider Suiten inzwischen sehr antiquiiert. Und mich stört auch, dass sich viele Funktionen sehr stark an Microsoft Office orientieren. Klar, ich sehe das Dilemma: Wenn man eine Alternative bieten will, will man Umsteigern den Umstieg möglichst leicht machen. Aber wenn man ernstgenommen werden will, dann kommt man nicht darum herum, Eigenständigkeit zu beweisen. Und wenn die Eigenständigkeit darin besteht, mehr als zehn Jahre nach der Einführung des Menübands (Ribbon) in Microsoft Office am Look der 1990er-Jahre festzuhalten, dann muss sich auch niemand wundern, dass diese Bürosuiten nicht die ungeteilte Aufmwerksamkeit der Medien geniessen…

Autor: Matthias

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