Homografischer Schabernack

Ich habe neulich ein Video über die Möglichkeiten von Unicode und Opentype gemacht. Bei den Recherchen bin ich auf die App Symbol Keyboard gestossen. Die war nicht spektakulär genug fürs Video. Aber hier für den Blog müsste sie ausreichen. 😲

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Symbol Keyboard stellt eine Zeichentabellen-Tastatur zur Verfügung, die die Unicode-Blöcke und die dazu gehörenden Zeichen erschliesst.

Die App erschliesst den Unicode-Zeichenfundus. Das sind gemäss Wikipedia inzwischen 136’000 Zeichen in über den Daumen gepeilt 220 Kategorien, den so genannten Blocks. Ob die App alle davon anbietet, habe ich nicht nachgeszählt – aber es sind auch so eine Menge.

Die App lässt sich auf zwei Arten und für verschiedene Zwecke verwenden. Der erste Zweck ist natürlich, eine Zeichentabelle auf dem Smartphone oder Tablet zu haben, über die man an die Zeichen gelangt, die per Tastatur nicht abrufbar sind. Man ist sich das bei bei Windows und Mac seit Urzeiten gewohnt. Übrigens, natürlich kann man auch im Web nachschlagen, zum Beispiel bei unicode-table.com oder bei unicodelookup.com. Ein Klassiker ist auch decodeunicode.org, aber die Website hat nicht funktioniert, als ich diesen Beitrag hier verfasst habe.

Für diesen ersten Zweck kann man Symbol Keyboard als Stand-Alone-App benutzen oder als separate Tastatur einrichten – letzteres tut man in den Einstellungen des iPhones bei Allgemein > Tastatur > Tastaturen > Tastatur hinzufügen.

Die App zeigt die Unicode-Blöcke an. Wenn man die App stand-alone benutzt, kann man Zeichen antippen, um sie über das Textfeld am oberen Rand in die Zwischenablage zu kopieren. Es gibt auch eine Rubrik Frequently Used, wo man die zuletzt verwendeten Zeichen vorfindet. Eine separate Rubrik zeigt die Emojis in etwas kompakterer Form, als das in Apples Emoji-Tastatur der Fall ist. Ferner gibt es eine Rubrik Sticker und eine Rubrik GIF, in der aber nichts zu sehen ist. Ich nehme an, dass hier etwas nicht funktioniert. Aber das ist auch egal, wenn es um die Unicode-Zeichen geht.

Der zweite Zweck ist, ein bisschen Spass mit Unicode zu haben. Denn der riesige Zeichenfundus hat Potenzial. Ein paar Beispiele werde ich demnächst im Beitrag Emojis sind für Noobs beschreiben: Man kann sich zensurieren, Schach spielen oder Texte in Fraktur verwandeln. Die App verwendet nun die Akzeptzeichen, um Textelemente typografisch zu massakrieren. So kann man beispielsweise Dinge u̺̺n̺̺t̺̺e̺̺r̺̺s̺̺t̺̺r̺̺e̺̺i̺̺c̺̺h̺̺e̺̺n̺̺, selbst wenn man keinerlei Formatierungsfunktionen zur Verfügung hat. So fällt man in einem Chat oder Messenger garantiert auf: «Läck, wie häsch das grad gmacht?»

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Texte so verschönern, dass sie für menschliche Leser verständlich bleiben, Algorithmen aber durcheinaner bringen.

Und man kann auch Textelemente so «verschlüsseln», dass sie für einen menschlichen Leser nach wie vor zu dechiffrieren sind, doch von einem automatischen Zensurfilter womöglich übersehen werden. Ein Beispiel: Ich möchte hier unbedingt von D͖͖r͖͖o͖͖g͖͖e͖͖n͖͖ schreiben, aber nicht unbedingt so, dass der Googlebot und andere Webcrawler das mitbekommen. Darum schreibe ich D᷂᷂᷇r᷂᷂᷇o᷂᷂᷇g᷂᷂᷇e᷂᷂᷇n᷂᷂᷇ in allen möglichen und unmöglichen Schreibweisen, aber nie mit den ganz normalen Buchstaben. Mit der App kann ich Akzentzeichen sowohl auf die Buchstaben drauf als auch darunterpacken.

Das ist eine simple Spoofing-Methode, wie sie in abgewandelter Form bei Domainnamen zum Einsatz kommt. Sie ist natürlich nicht absolut wasserdicht, weil ein Algorithmus die Buchstaben auf ihre Basisvariante ohne Akzente zurückführen kann. Aber in diesem Textbeitrag kann man mit der Suchfunktion nach D͓͓ͧr͓͓ͧo͓͓ͧg͓͓ͧe͓͓ͧn͓͓ͧ suchen, ohne fündig zu werden. Und man kann noch weitere Methoden anwenden, die im «Unicode Security Guide» bei Visual Spoofing beschrieben sind.

Fazit: Wie gesagt, nicht die weltspektakulärste App. Aber eine, die den Nerd-Credibility-Faktor um hundert Punkte nach oben bringt.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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