Auf der Müllhalde der digitalen Geschichte

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Sowohl Microsoft als auch Apple haben mehrfach probiert, den Desktop sinnvoll anzureichern. Der Screenshot oben zeigt das Dashboard, das Apple mit Mac OS X 10.4 eingeführt hat. Im Beitrag «Kleinkram für den Tiger-Desktop» habe ich am 20. Juni 2005 geschrieben:

Das Dashboard ist nichts für Puristen und Ordnungsfreaks: Die augenfällige Neuerung aus Apples neuem Betriebssystem Tiger lädt geradezu ein, den Desktop mit vielen bunten Miniprogrämmchen zu übersäen und das gleiche Durcheinander anzurichten, das bei vielen Zeitgenossen auch auf dem realen Schreibtisch herrscht.

Abgesehen von der Verluderungsgefahr ist das Dashboard eine gute Sache: In so genannten Widgets präsentiert dieses «Armaturenbrett» wichtige Informationen und kleine Spielereien. Die Bezeichnung Widget ist ein Zusammenzug aus Window und Gadget und bedeutet so viel wie Trickfenster.

Bei Microsoft hiess der erste Versuch Active Desktop. Er war Teil des Internet Explorer 4 und wurde mit Windows NT und Windows 95 eingeführt und erlebte seinen «Höhepunkt» mit Windows 98. Er war auch mitverantwortlich für die Zuverlässigkeits- und Sicherheitsprobleme von Windows ab diesem Zeitpunkt: Der instabile Browser beeinträchtigte direkt das Betriebssystem.

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Zu allem Übel hat der Active Desktop oft auch nicht richtig funktioniert. (Bild: valentin.d/Flickr.com)

Mit dem Active Desktop konnte man auf dem Desktop Webseiten anzeigen lassen, die dort ohne die Bedienelemente des Browsers erschienen. Kein User hat diese Möglichkeit je benutzt. Erstens waren die Bildschirme damals zu klein, als dass man so wirklich sinnvolle Informationen hätte unterbringen können. Und zweitens hatte man noch keine Internet-Flatrate, was Echtzeitinformationen – und damit die einzig sinnvolle Anwendungsmöglichkeit des Active Desktop – verunmöglichte.

Den zweiten Anlauf nahm Microsoft mit der Seitenleiste von Windows Vista und den «Minianwendungen». Auch das ein kapitaler Flop. Schon mit Windows 7 war die Seitenleiste wieder weg. Man konnte einzelne Minianwendungen frei auf dem Desktop platzieren, aber das hat niemand gemacht. Microsoft verlor jedes Interesse an ihnen. Sie waren das optische Erkennungssymbol des Versager-Betriebssystems Vista. Bei Windows 8 waren dann auch die Minianwendungen weg.

Zurück zum eingangs erwähnten Dashboard von «Tiger». Auch das ist auf dem Weg nach draussen. Es existiert bei OS X 10.11 alias El Capitan zwar noch, ist aber standardmässig deaktiviert. Man kann es in den Systemeinstellungen bei Mission Control einschalten, indem man bei Dashboard die Option auf Als Space setzt. Sinnvoller dürfte aber sein, sich schon mal seelisch von diesem Ding zu verabschieden. Es wird beim nächsten oder übernächsten OS-X-Update garantiert ganz rausfliegen.

Bleibt die Frage: Warum sind alle diese Unterfangen gescheitert?

Meines Erachtens an der schlechten Kosten-Nutzen-Rechnung: Die kleinen Anwendungen haben das Arbeiten nie wesentlich verbessert. Sie haben nie die Informationen geliefert, die man gerade benötigt hat. Dafür braucht es eine Berücksichtigung des Kontexts, so wie das Google Now versucht. Umgekehrt sorgten die Gadgets bzw. Minianwendungen für Unruhe auf dem Desktop, waren eine Ablenkung und hatten einen nicht unerheblichen Ressourcenverbrauch. Darum sollte es einen nicht wundern, dass sie auf der Müllhalde der digitalen Geschichte gelandet sind.

Autor: Matthias

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