Wie kam die Esoteerik in den Tee?

Ich weiss schon – Tee kommt aus Indien und dort in Indien wimmelt es nur von Gurus und von Leute mit transzendenten Einblicken, die uns Westlern hier völlig fremd sind. Wir alle sollten barfuss laufen lernen. Und wie George Harrison die Sitar spielen, ein halbes Jahrzehnt ins buddhistische Kloster gehen, um uns selbst zu finden, und wie Steve Jobs den eigenen Körpergeruch kultivieren…

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Die Beutel aus der Buddha-Box.

Hm. Der Einstieg in diesen Blogbeitrag ist nun deutlich polemischer ausgefallen als ich eigentlich wollte. Aber irgendwie reibt mich das Thema auf die falsche Weise1. Ich wollte mich darüber auslassen, dass man bei vielen Tees nicht nur ein Geschmackserlebnis kauft, sondern auch ein spirituelles Versprechen. Die Tees heissen nämlich nicht Tee mit Zimt, Hopfen und Orangenschalen, Zitrone-Ingwer oder Minze mit Apfel, sondern Glückstee, innere Kraft oder Augenblicke der Freude. Ohne dass sich die Hoffnung erfüllen würde, dass im Beutelchen auch einige bewusstseinserweiternde Kräuter enthalten wären.

Die (in diesem Haushalt enorm beliebte Buddha-Box treibt das auf die Spitze. Sie Box enthält elf Müsterchen, die einen für sämtliche Herausforderungen des Lebens wappnen: Man verpasst sich einen Geistesblitz (Ingwer und Zitronengras), erlangt die Ruhe selbst (Lindenblüten und Kamille), erschliesst sich sein inneres Wissen (Rotbusch und Thymian), verpasst sich neuen Schwung (Hibiskus und Minze), geniesst mit allen Sinnen (Jasmin-Grüntee), entfacht die Liebe (Kakaoschalen und Chili), vergisst nie mehr etwas (Grüntee mit Kräutern), gönnt sich ein gutes Bauchgefühl (Honigbusch und Rosmarin), fasst Mut (Hibiskus und Rosenblüten), stellt die Harmonie her (Schwarztee) und ist für eine kleine Anregung zu haben (Grüntee).

Klar, Marketing. Warum soll das ein Privileg der Tech-Konzerne sein und nur von Apple zelebriert werden, wie es der Meister mit den stinkenden Füssen2 sie gelehrt hat? Das können andere auch – von Fastfood-Ketten über Kaffeekapselhersteller zu Parteien und Hilfsorganisationen. Wieso sollten da die Teehersteller darauf verzichten? Etwa nur deswegen, weil man sie in Reformhäusern kauft und sie Naturverbundenheit ausdrücken und sich als Alternative zum üblichen Kommerzgehabe unserer Konsumgesellschaft geben?

… ja, jetzt wo ich es mir überlege: Das wäre ein guter Grund. Dass jedes Produkt, das irgendwie käuflich ist, mit einer ausgeklügelten Marketingbotschaft ausgestattet werden muss, das ärgert mich. Ich will nicht zu jedem Quatsch auch gleich noch ein Lebensgefühl reingedrückt bekommen. Manche Produkte dürfen sich selbst genug sein. Da würde ich zum Beispiel das WC-Papier dazuzählen3. Völlig okay, wenn es einfach seinen Zweck erfüllt. Und beim Tee gilt das auch. Ich weiss, warum ich ihn trinke. Ich kenne die Tees, die mich anregen, entspannen oder einfach nur erfrischen. Da könnte man locker einen auf Understatement machen – die Teetrinker wissen ja, was sie ihn haben. Ein ehrlicher Tee für einen authentischen Moment – so würde ich den Tee bewerben.

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Tees, die mehr sind als nur Tees.4

Aber es ist ja nicht nur das. Beim Tee aus der Buddha-Box – das Beutelchen «Für die Liebe» mit Schoko und Chili ist übrigens einfach nur grossartig – fragt man sich, ob das ein verkappter Versuch ist, einen zum Buddhismus zu konvertieren und ob man nun irgend ein Sutra lesen müsste4 (und wenn es nur das Kamasutra ist). Ganz allgemein hat man jedenfalls das Bedürfnis, die Trennung von Tee und Religion zu fordern. Die Yogi-Tees haben nebst Alant, Anis und Angelikawurzel auch einen esoterischen Beigeschmack. Nun würden mir da sicherlich manche widersprechen und sagen, man könne Ayurveda nicht mit Esoterik gleichsetzen. Mag sein. Aber als Skeptiker hätte man wiederum nichts dagegen, wenn der Tee in der Tasse einfach nur ein Tee wäre. Er braucht mich nicht gesamtheitlich zu therapieren oder zu einem besseren Menschen zu machen. Es reicht, wenn er schmeckt und mein Wohlbefinden hebt.

Footnotes

  1. … falls man den englischen Ausdruck That rubs me the wrong way wortwörtlich übersetzen darf. Will heissen – irgendwie pieckst mich das Thema. ^top
  2. Dazu lese man die Biografie von Walter Isaacson. ^top
  3. Zugegeben: Das Beispiel ist ein kontextmässiger Antiklimax. ^top
  4. Ja, ein bisschen habe ich die Fotos in Lightroom schon bearbeitet… ^top

Autor: Matthias

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