Wie Everpix die Flut an Digitalfotos bändigen will

Everpix.com ist ein neuer Webdienst, der verspricht, bei der Bildverwaltung die «schwere Arbeit» zu erledigen. Fotos aus verschiedenen Quellen werden zusammengeworfen und automatisch organisiert.

Pierre-Olivier Latour hat schon bei Apple gearbeitet und in Genf gelebt und die populären Apps Cooliris und ComicFlow mit entwickelt. Jetzt startet der Franzose ein neues Projekt, das Fotoverwaltungsprogramme wie iPhoto oder Adobe Lightroom überflüssig machen soll – und obendrein den Anspruch hat, die Verwaltung von Fotos zu revolutionieren.

Everpix heisst der Dienst, der im Internet alle Fotos an einer Stelle zusammenführt und Schluss macht mit den verzettelten Bildablagen. So lautet zumindest das Versprechen – die lokal auf dem Computer in iPhoto oder Lightroom verwalteten Bildern werden mit denen kombiniert, die man bei Facebook, Picasa oder Flickr hochgeladen hat. Dubletten werden automatisch erkannt und eliminiert.

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Bilder aus Picasa, Facebook und Twitter werden automatisch importiert und nach «Moments» sortiert.

Inhaltliches Bildverständnis
Ihre Analysemethode habe, so erklärte Latour in einem Podcast neulich selbstbewusst, die Fähigkeit, Bilder auf inhaltlicher Ebene zu verstehen. Das heisst, sie kann das Bild eines Sonnenuntergangs von einem Mensch und von Katzenbabys unterscheiden – was die Suche deutlich einfacher macht. Wenn man bis anhin entsprechende Unterscheidungsmöglichkeiten haben wollte, musste man mit Schlagworten und mit Bildbeschreibungen arbeiten, die in mühsamer Arbeit manuell zu erfassen waren. Bei Everpix klickt man für eine solche Suche auf den Pfeil in der rechten unteren Ecke, der zu ähnlichen Bildern führt.

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Die Suche findet automatisch ähnliche Bilder – hier wurden Portraits und Gruppenfotos herausgesucht.

Die Bilder werden als so genannte Moments gegliedert. Man kennt diese Organisationsform von iPhoto her, wo sie Ereignisse genannt werden. Die Fotos, die in einem bestimmten Zeitabschnitt entstanden sind, werden automatisch gruppiert. Everpix geht noch einen Schritt weiter und blendet redundante Fotos automatisch aus. Wenn man von einem Objekt mehr als ein Bild gemacht hat, dann wird stellvertretend nur eines angezeigt – das nennt sich dann Highlight. Die anderen sind ausgeblendet, aber bei Bedarf vorhanden – und man kann auch ein anderes Foto zum Stellvertreter machen, wenn man möchte. Die Idee dahinter ist, auch grosse Fotomengen überschaubar zu gestalten und es dem Betrachter zu ersparen, diverse Aufnahmen von ein und derselben Szene ansehen zu müssen. Die nicht gezeigten Bilder werden jedoch nicht gelöscht, sondern sind weiterhin vorhanden und können jederzeit wieder eingeblendet werden.

Ausmerzung von doppelten Bildern und Redundanz-Reduktion
Wie erwähnt unterstützt Everpix eine Reihe von Fotodiensten – Facebook, Flickr, Instagram, Picasa –, aber auch lokale Anwendungen wie iPhoto, Lightroom und Aperture. Wenn ein Bild an mehreren Orten vorhanden ist, taucht es in Everpix dennoch nur einmal auf. Eine bereits vorhandene Struktur, die man sich in iPhoto, Aperture oder Lightroom angelegt hat, wird mit dem Dienst synchronisiert. Von der lokalen Festplatte gelangen die Bilder über den Uploader in die Website. Der Uploader für Mac OS X ist bereits verfügbar, derjenige für Windows soll demnächst erscheinen.

Die Fotosammlung betrachtet man über die Website oder über die iPhone- oder iPad-App. Es ist möglich, Bilder per Mail, in den sozialen Medien oder auf Photo Pages freizugeben – grundsätzlich ist die Website aber ausschliesslich zum eigenen Gebrauch gedacht und keine Foto-Community.

Noch nicht voll ausgereift
Fazit: Pierre-Olivier Latour ist ein spannendes Projekt gelungen. Selbst so eine datenintensive Angelegenheit wie die Foto-Verwaltung hat das Potenzial, ins Internet abzuwandern. Die Ansätze mit der automatischen Organisation sind viel versprechend, doch die Algorithmen dürften im Moment noch nicht alle Benutzer überzeugen – die Site ist aber nach wie vor im Testbetrieb, und wir haben während unserer Arbeit auch den einen oder anderen Aussetzer erlebt. Ein K.O.-Kriterium für Profi-Anwender dürfte sein, dass sich bis anhin nur JPG-Dateien, aber keine Fotos im Rohdatenformat verwenden lassen. Everpix hat noch einen weiten Weg zu gehen, bis der Dienst als Ersatz für ausgeklügelte Programme wie Lightroom herhalten kann. Doch mit einem hat Latour natürlich recht: In Zeiten, wo man während ein paar Ferientagen locker mehrere Tausend Bilder schiesst, muss die Organisation dieser Fotos noch viel, viel einfacher werden.

Der Dienst lässt sich kostenlos für 30 Tage nutzen, danach ist ein Abo für 4,99 US-Dollar im Monat oder 40 US-Dollar im Jahr nötig – für eine unbeschränkte Zahl an Fotos.
everpix.com

Update 6. März 2013
Everpix hat eine kostenlose Version vorgestellt. Bei dieser werden alle Fotos der letzten zwölf Monate aufbewahrt.

Update 8. November 2013
Everpix hat angekündigt, den Betrieb per 15. Dezember 2013 einzustellen. Die Kosten, 400 Millionen Bilder zu hosten, war wohl zu hoch, wie Gizmodo schreibt. Schade!

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

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