Das Versprechen, dass es weitergeht

Neulich habe ich in einem Podcast gehört, dass wir nun im Anthropozän leben. Der Mensch erschien, laut Max Frisch, im Holozän, und hat sich sogleich den darauffolgenden Abschnitt der Erdgeschichte unter den Nagel gerissen.

Jetzt begann sogleich die Diskussion, wann das Anthropozän denn genau beginnt. Der ORF führt sie, ebenso der Standard, und zur Debatte stehen der Beginn der Industrialisierung, oder aber, die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich vote für den Anfang der 1970er-Jahre. Denn dann wäre das Anthropozän ungefähr gleich alt wie ich, was es einfacher machen würde, sich die Zahl zu merken.

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Das Antlitz der Erde verändert.

Der Mensch habe «das Antlitz der Erde verändert», schreibt der Standard mit einer guten Portion Pathos. Und darum ist das jetzt unser Zeitalter. Es kann natürlich auch sein, dass im Begriff vor allem die typisch menschliche Selbstüberschätzung zum Ausdruck kommt. Das Holozän als Teil des Quartärs oder vierten Zeitalters hat laut Wikipedia knapp 12’000 Jahre gedauert, und war damit reichlich kurz. Der vorherige Abschnitt im Quartär, das Pleistozän, hat gut 2,5 Millionen Jahre angehalten. Darum müsste man sich auf den Standpunkt stellen, dass wenigstens einmal zehntausend Jahre verstreichen müssten, bevor jemand abschätzen kann, wie nachhaltig dieser menschliche Gestaltungsdrang denn überhaupt ist.

Vielleicht steckt hinter der Idee des Anthropozäns aber auch eine raffinierte Verschwörung. Denn Nerds wie ich und die aus dem eingangs erwähnten Podcast geraten allein beim Gedanken ins Schwärmen. Unser eigenes Erdzeitalter, dass gerade vor einem Wimpernschlag begonnen hat – das impliziert, dass noch so viel mehr kommen muss. Wir stehen ganz am Anfang von dem, was Technik und Fortschritt uns noch bescheren werden. Und wir sind von Beginn weg mit dabei. Das macht uns etwas traurig, weil es bedeutet, dass wir den Aufstieg und die Blütezeit verpassen werden, weil wir dann schon längst unter der Erde liegen… Aber das erhöht nur den Reiz und die Kraft der Evokation. Das Anthropozän, eine Verschwörung? Die Verschwörer sind natürlich die, die an den Fortschritt glauben und der Überzeugung sind, dass die Menschen mit Fug und Recht ihre Welt gestalten.

Ich bin da zwiegespalten. Zum einen bin ich seit Jahr und Tag Mitglied bei WWF und Greenpeace, die einen sorgsamen Umgang mit der Umwelt predigen. Es ist eine einleuchtende Idee, rücksichtsvoll mit Ressourcen umzugehen, im Einklang mit der Natur zu leben und ein Ende des Wachstums anzustreben. Der Nerd in mir pfeift darauf. Er will mit Vollgas in die Zukunft düsen. Ihm ist kein von Natur und Umwelt zu leistendes Opfer und kein Elektroschrottberg zu hoch. Nur schnell muss es gehen.

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Am Ende des Fortschritts.

Es ist ein schizophrenes Streben nach einer Zukunft, in der man aber um Gotteswillen niemals ankommen will. Mir kommt da unweigerlich «SimCity 2000» in den Sinn, das ich in den 1990-ern intensiv gespielt habe. Man baut seine Städte, immer grösser, futuristischer und perfekter. Bis irgendwann das ganze Stadtgebiet mit Arkologien bebaut war. Arkologien sind Gebäudekomplexe, die eine ganze Stadt enthalten, sich selbst erhalten und (wenn man die Katastrophen deaktiviert hatte) in perfekter Balance bis in alle Ewigkeit weiter existierten. Am Ziel ankommen ist langweilig – nicht nur bei Computerspielen, sondern auch beim Fortschritt. Ich nehme an, dass bei Adobe tägliche Krisenmeetings abgehalten werden, weil ihnen schon bald keine einzige Funktion mehr einfallen wird, die sie bei Photoshop noch einbauen könnten. Microsoft hat aus Panik, am Ende der Windows-Fahnenstange angekommen zu sein, sich die Kachelsache ausgedacht. Und wir Nerdkonsumenten sind noch so glücklich über ein Ding wie das iPad Mini. Nicht über das Gerät an sich – sondern über das Versprechen, dass es weitergeht.

Und es geht weiter. Sogar bei «SimCity». Die für 2013 angekündigte Version, sie ist schlicht atemberaubend. Wenn ich Electronic Arts wäre, ich würde das Ding «SimCity Anthropocene» nennen…

Autor: Matthias

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