Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird

Wer Krimis und Thriller nicht ver­schmäht, sollte darauf achten, dass die Mörder, die Plots und die Detek­tive den Buch­preis auch wert sind. Zwei Tipps, bei denen das der Fall ist: «Todes­frist» und «Todes­urteil» von Andreas Gruber.

Krimis, Thriller und anverwandte Genres werden nicht nur von Nerds, sondern quer durch die Bevölkerung gelesen.

Um hier trotzdem eine Rechtfertigung zu haben, in meiner Nerdliteratur-Rubrik zwei Bücher aus diesem Bereich ins Spiel zu bringen, stelle ich die (gewagte?) These auf, dass Nerds dem Nervenkitzen nicht abgeneigt sind, aber hohe Ansprüche an ihn stellen. Ein unausgegorener Plot, eine nicht stringente Erzählung und Nerds sind raus. Narrative Taschenspielertricks lassen wir bei den Fantasy-Storys gelten, aber nicht bei Werken, die von sich behaupten, in unserer Welt angesiedelt zu sein. Wenn ein Autor uns weismachen will, dass sich seine Geschichte so zugetragen haben könnte, wie er sie uns zum Besten gibt, dann muss sie realitätsnah erzählt und glaubwürdig konstruiert sein.

Das macht dieses Genre viel anspruchsvoller, als man auf den ersten Blick glauben könnte: „Wie zur Freude von uns Nerds gemordet wird“ weiterlesen

Apple, das spassbefreite Unternehmen

OldOS ist eine App, die detailgetreu iOS 4 simuliert, das bald zwölf­jährige iPhone-Betriebs­system. Die zum Laufen zu bringen, ist knifflig – genau­so wie andere Nos­tal­gie­pro­jek­te, z.B. zur Wieder­bele­bung des iPods.

Ich verstehe Apple nicht. Da gibt es diesen Typen, Zane bzw. @zzanehip auf Twitter, der etwas gemacht hat, das ich gleichzeitig toll und fragwürdig finde. Er hat nämlich iOS 4 als iPhone-App nachgebaut.

Die App OldOS simuliert das Betriebssystem, das im Juni 2010 herausgekommen ist und auf dem iPhone 3G lief, später dann auch auf dem 3GS. Doch natürlich ist diese App nicht im Store zu finden. Wenn man sie verwenden möchte, muss man entweder so viel Glück haben, via Testflight an eine Test-Installation heranzukommen – die Kontingente sind aber, so weit ich sehen kann, restlos aufgebraucht. Es lohnt sich aber, Zane auf Twitter zu folgen, weil er ab und zu neue Links postet, auch von Leuten, die OldOS über einen eigenen Testflight-Account zur Verfügung stellen.

Zweite Möglichkeit: „Apple, das spassbefreite Unternehmen“ weiterlesen

Sieben Stunden Günther Jauch – am Stück

Im Podcast «Alles gesagt?» kann der Gast so lange sprechen, bis ihm nichts mehr einfällt oder vor Müdig­keit die Augen zuklappen. Ist das ein geniales Format – oder eines, das belegt, dass man nur wenigen Leuten bis zum Ende zuhören will?

Macht kürzere Podcasts, habe ich vor zehn Jahren gefordert. Damals waren die Laber-Formate en vogue, die auch vier oder fünf Stunden dauern konnten. Die Prämisse war, alles bis zum bitteren Ende auszudiskutieren – oder bis zu dem Punkt, wo das Bier oder die Konzentration endgültig alle war.

Nun bin ich es mir gewohnt, dass man nicht auf mich hört. Auch «Die Zeit» hat weder meine Expertise eingeholt noch (was noch einfacher gewesen wäre), meinen Blogpost gelesen. «Die Zeit» hat nämlich ein Format im Angebot, bei dem das, was ich als Not sehe, zur formgebenden Tugend erklärt wird. Will sagen: In diesem Podcast dauert ein Gespräch so lange, bis der Gast es für beendet erklärt. Dafür wird am Anfang eine Art Safeword vereinbart. Sobald das geäussert wird, kommt ohne eine weitere Floskel oder eine Verabschiedung der Abspann, und die Sache ist zu Ende.

Bevor ich mir die allererste Folge angehört habe, war ich hin- und hergerissen: „Sieben Stunden Günther Jauch – am Stück“ weiterlesen

«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher

Im Buch von Brandon Q. Morris, der bürgerlich Matthias Matting heisst und Physiker ist, droht dem Sonnen­system ein abrup­tes Ende. Die Mensch­heit nimmt das un­fass­bar gelassen – was über Gebühr nerven­schonend ist.

Ich habe versucht herauszufinden, wie sich die Coronapandemie auf den Büchermarkt ausgewirkt hat. Im Beitrag The Pandemic Is Changing Book-Buying Patterns von «Publishers weekly» gibt es einige Informationen dazu: Natürlich habe die Leute Bücher zu Seuchen gekauft (schliesslich stand sogar auf Facebook, was man aus Die Liebe in den Zeiten der Cholera) alles lernen kann. Die Zahlen widerspiegeln, dass die Leute ihre Freizeit radikal umgestaltet haben (ein Plus von 42 Prozent in der Kategorie «Spiele und Aktivitäten») und der Anstieg von zehn Prozent bei der Belletristik deutet auf ein gesteigertes Bedürfnis nach Realitätsflucht hin.

Das ist interessant, aber nicht so tiefgründig, wie ich es gern hätte. Mich würde interessieren, welche Verschiebungen es bei den Genres gab. Haben die Leute mehr Wohlfühl-Bücher und utopische Werke gelesen, die sie von einer besseren Zukunft träumen lassen? Sind sie in Fantasy-Welten abgetaucht, die nichts mit dieser Realität hier zu tun haben? Oder kam «die gute alte Zeit» in Form von historischen Schinken zum Zug? „«The Hole» hat dramaturgisch ein paar Löcher“ weiterlesen

Der Polit-Podcast für alle, die deutsch können

Der Podcast «Servus. Grüezi. Hallo.» von «Die Zeit» ist eine unter­halt­same und lehrreiche Drei­fach-Refle­xion der politi­schen Aktuali­täten­lage in Deut­schland, Öster­reich und der Schweiz – und er müsste vom Schweizer Radio SRF schamlos ab­ge­kupfert werden.

Den Podcast Servus. Grüezi. Hallo. (RSS, iTunes, Spotify) steht schon seit längerer Zeit auf meiner Rezensionsliste. Der Abwechslung wegen habe ich ihn vor mir hergeschoben. Denn letztes Jahr habe ich vier Podcasts aus dem gleichen Haus vorgestellt; und auch wenn die alle differierende Themen und unterschiedliche Tonalitäten haben, so sollen hier im Blog auch Vielfalt bei den Anbietern herrschen.

Also, dieser Podcast stammt von drei Redakteuren der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und hat die Unterzeile «der transalpine Politikpodcast». Lenz Jacobsen aus Deutschland, Florian Gasser aus Österreich und Matthias Daum aus der Schweiz unterhalten sich über globale und nationale politische Ereignisse.

Was diese Konstellation spannend macht, sind zwei Dinge: „Der Polit-Podcast für alle, die deutsch können“ weiterlesen

Familie Lobo hat jetzt einen Podcast

In «Feel The News» besprechen Juliane und Sascha Lobo die Aktua­lität und den Umgang der sozialen und tra­ditio­nellen Medien mit der­sel­ben. Und ich überdenke – womöglich – meine Haltung, keine Podcasts von mit­einan­der verhei­rate­ten Pod­castern an­zu­hören.

Sascha Lobo ist der Mann, der mit Andreas Thiel eine Gemeinsamkeit hat – nämlich einen aufgereckten roter Kamm, den er an der Stelle trägt, wo sich beim durchschnittlich bünzligen Mann ein gepflegter Mittelscheitel befindet. Dass beide ein Bedürfnis haben, sich von der Masse abzuheben, ist äusserlich sichtbar.

Aber zum Glück tun die beiden das auf unterschiedliche Weise. Thiel vertritt libertäre Positionen, die meines Erachtens egoistisch und schädlich für die Gesellschaft sind. Lobo hingegen hat einen Sinn für die Gemeinschaft und hat oft kluge Gedanken zum Zusammenleben und auch zur fortschreitenden Digitalisierung: „Familie Lobo hat jetzt einen Podcast“ weiterlesen

Warum ich drauf und dran bin, mein Spotify-Abo zu künden

Ist Spotifys teurer Exklusiv-Podcast so schlimm, wie alle behaup­ten? Ich habe mir eine Folge von «The Joe Rogan Expe­rience» angehört. Eine so trauma­tisie­rende Erfah­rung, dass ich nicht sicher bin, ob ich noch länger Kunde bei diesem ignoranten Streaming­dienst sein mag.

Spotify hat mir in letzter Zeit mehrere Gelegenheit gegeben, mich herzhaft aufzuregen. An dieser Stelle geht es um das grosse Ärgernis: die Sache mit dem Podcast des Herrn Rogan, den sich der schwedische Streamingdienst für viel Geld einkauft, ohne sich vorher zu überlegen, welche Probleme das verursachen könnte. Ich habe mir eine Folge angehört, was um ein Haar mit der Kündigung meines Streaming-Abos geendet hätte. Ich habe es nicht getan – zumindest vorerst nicht.

Für Leute, die mit der Materie nicht vertraut sind: Joe Rogan wird als Comedian gehandelt, kennt sich gemäss Wikipedia mit Kampfsportarten aus und hat im US-Fernsehen Karriere gemacht. Im Mai 2020 hat er einen exklusiven Deal mit Spotify abgeschlossen und dafür einen hoch dotierten Vertrag erhalten. Damals war von hundert Millionen US-Dollar die Rede gewesen. Mitte Februar konnte man in der «New York Times» lesen, dass es wohl eher zweihundert Millionen gewesen sind.

Ist der Mann das Geld wert? „Warum ich drauf und dran bin, mein Spotify-Abo zu künden“ weiterlesen

Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie

Xavier Kieffer ist Koch und Wirt und der Held der Kulinarik-Krimireihe von Tom Hillenbrand. Und auch wenn er auf den ersten Blick nur einen geringen Nerdfaktor hat, kommt man auf den zweiten auch als Tech-Freak voll auf die Rechnung.

Tom Hillenbrand ist ein Autor, der zwei Interessengebiete hat, die man nicht unbedingt in einer Person vermuten würde. Einerseits findet er futuristische Erfindungen spannend, Drohnen und Big Data, Bitcoins und die Singularität mit der Digitalisierung des menschlichen Geistes.

Andererseits hat er eine Leidenschaft, was die Küche der Gegenwart betrifft – vorwiegend, aber nicht nur, die französische und luxemburgische. Denn nebst den Sciencefiction-Romanen gibt es von Tom Hillenbrand auch eine Reihe, in der der Luxemburger Koch und Wirt Xavier Kieffer unvermittelt zum Detektiv wird.

Das könnte man für exzentrisch halten – oder zumindest für ein Problem bei der Positionierung im Lesermarkt. Sollte nun ein Fan von Xavier Kieffer zufälligerweise «Hologrammatica» lesen, könnte das für Irritation sorgen – und umgekehrt natürlich genauso. Ich könnte mir vorstellen, dass es im Verlag deswegen gewisse Diskussionen gab. Oder vielleicht auch nicht: „Die Krimireihe mit Speichelsturz-Garantie“ weiterlesen

Fliegende Toaster und andere digitale Relikte aus der Vergangenheit

Wer sucht, der findet sie sogar bei Windows 11: die Bildschirmschoner. Dabei wäre es an der Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen und die endgültig zu beerdigen.

Mit Windows 11 verschwinden einige Funktionen, die teils vor nicht allzu langer Zeit als Neuerung eingeführt worden sind. Eine davon ist die Zeitleiste. Sie wird bei Windows 10 über den Knopf Aktive Anwendungen aufgerufen, der neben dem Suchfeld in der Taskleiste zu finden ist.

Das ist bedauerlich – aber ich könnte damit leben, wenn das die Folge einer umfassenden Entrümpelungsaktion wäre. Ich denke an Dinge wie die Werbung im Startmenü, die Widgets in Windows 11, den Windows Media Player, Windows Fax und Scan, XPS, die Windows-Aktivierung, Candy Crush Saga – und noch x andere Dinge, die ich vergessen oder verdrängt habe. Fühlt euch frei, sie in die Kommentare zu schreiben.

… echt, könnt ihr es fassen? „Fliegende Toaster und andere digitale Relikte aus der Vergangenheit“ weiterlesen

Der Tatort steckt im Cyberspace

«Drohnenland» von Tom Hillenbrand ist ein Kriminal­roman, in dem die Kommissare dank Tota­lüber­wachung ein leichtes Spiel haben. Was wie eine Dysto­pie klingt, liest sich span­nend und macht (mir) Lust auf eine Zukunft mit smarten Luft­fahr­zeugen und einer vir­tuel­len Parallel-Welt.

Tom Hillenbrand entwickelt sich langsam aber sicher zu einem meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren. «Hologrammatica» fand ich toll (Identität ist dort, wo man sich gerade hochgeladen hat), den Nachfolger Qube gut, aber dem ersten Teil nicht ganz ebenbürtig. Doch das ist häufig so – ich rechne in dieser Serie mit einem grossartigen Teil drei. Aber kein Druck, Tom. 😉

Obama hätte seine wahre Freude.

Neulich habe ich mit grossem Vergnügen ein Buch von Hillenbrand gelesen, das nicht im gleichen Erzählraum spielt, aber denselben futuristischen Hauch verströmt. Es heisst Drohnenland, stammt von 2014, ist damit älter als «Hologrammatica» (2018): Es spielt in einer zukünftigen Europäischen Union, in der die Briten noch nicht ausgetreten sind, aber gerade dabei sind, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Die Klimaerwärmung hat ihre Spuren hinterlassen, indem sie die Niederlande unter Wasser gesetzt und Portugal zu grossem Reichtum verholfen hat. Wie genau, wissen wir nicht. Aber es ist naheliegend, dass der Aufstieg etwas mit erneuerbaren Energien zu tun hat.

Die Menschheit hat die Chancen genutzt, die sich durch den technischen Fortschritt ergeben haben. Virtuelle Brillen, die sogenannten Specs, haben das Smartphone abgelöst. Drohnen sind zum Alltagsgegenstand geworden:  „Der Tatort steckt im Cyberspace“ weiterlesen