Ein Mann spricht mit einem alten Mobiltelefon und trägt einen Anzug. Im Hintergrund lächelt ein weiterer Mann. Die Umgebung scheint beige und modern zu sein.
Christian Kobelt von der PTT führt 1987 ein Gespräch mit dem Nokia Mobira Cityman 1320, das seinerzeit auch Michail Gorbatschow benutzte (ETH-Bildarchiv, CC BY-SA 4.0).

Die zähe Geburt des Natels in der Schweiz

Das Auto­tele­fon führte über Jahr­zehn­te ein Ni­schen­da­sein, das nur von Taxi­fah­rern und Aus­sen­dienst­mit­ar­beitern genutzt wurde. Es brauchte einen nerdigen Zür­cher Pri­vat­de­tektiv, damit die Öf­fent­lich­keit über­haupt Notiz vom kom­mu­ni­ka­ti­ven Fort­schritt nahm.

Wann erschien das Mobiltelefon erstmals in der Schweizer Zeitungslandschaft?

Wikipedia verrät, dass erste Vorläufer ins Jahr 1923 zurückführen – was bedeutet, dass ich als Journalist und Blogger vor drei Jahren ein tolles Jubiläum verpasste. Und wie bei früheren Recherchen bestätigt sich der Befund, dass sich die Terminologie bei vielen Erfindungen erst über die Zeit festigt. Der moderne Begriff kommt erst im Lauf der Entwicklung ins Spiel und führt nicht zu den ersten Anfängen zurück.

Das Mobiltelefon liefert am 16. August 1950 den frühesten Treffer in der Schweizer Mediendatenbank (SMD). Die Freude, auf einen visionären Artikel gestossen zu sein, verfliegt leider augenblicklich: Der Beitrag aus der NZZ ist falsch datiert und stammt eigentlich vom 1. Februar 1988. Andere waren schneller. «Der Bund» machte am 1. Mai 1982 mit einem Artikel unter dem Titel Das Autotelefon war keine Modeerscheinung auf. Wir wundern uns über das Präteritum, zumal die Botschaft lautet, dass diese neue Errungenschaft so schnell nicht wieder verschwinden wird – obwohl wir aus heutiger Sicht natürlich sagen dürfen, dass das Autotelefon so tot ist wie der syrische Halbesel und die Felsengebirgsschrecke: Moderne Telefone lassen sich zum Glück nicht nur innerhalb eines Personenkraftwagens verwenden.

Eine sprachliche Anomalie helvetischer Prägung in der Geschichte des kommunikativen Fortschritts

Bemerkenswert ist, dass der Begriff «Mobiltelefon» im Artikel selbst nicht vorkommt; er ist nur in der Beschreibung des Ringier-Dokumentationszentrums enthalten. Aber wir erfahren den Begriff, mit dem wir tiefer in die eidgenössische Mobilfunkhistorie vordringen werden. Das ist, natürlich!, einer der bezauberndsten und fragwürdigsten Tech-Helvetismen überhaupt: nämlich das Natel. Es ist eine Art syrischer Halbesel der Kommunikationshistorie, weil es als Abkürzung für «Nationales Autotelefon» steht. Gleichwohl verwenden es viele Eidgenossinnen und Eidgenossen bis zum heutigen Tag als Bezeichnung für ihr Smartphone.

Bevor wir die Frage klären, wann das Natel auf den Plan trat, eine Perle aus der Berichterstattung des Bundes, die das Potenzial hat, uns selbst mit einem teuren Handyabo zu versöhnen:

Monatlich 90 Franken beträgt die Abonnementsgebühr für ein Natel-Teilnetz, 180 Franken für zwei bis fünf Teilnetze (ganze Schweiz). (…) Als Gesprächstarife gelten diejenigen für die weiteste Distanz innerhalb des normalen Telefonnetzes, da ja nicht festgestellt werden kann, über welche Entfernung vom Auto aus telefoniert wird.

Kurz sei auch der zweitälteste Text aus dem SMD erwähnt. Er stammt von meinem langjährigen Kollegen Walter Jäggi. Er war 2007 im Tagi-Podcast «Digitalk» zu Besuch und gab Auskunft zur Ablösung von UKW durch DAB. Im Artikel «Drahtlose ‹heisse Drähte› für den Aussendienst» beschäftigt er sich mit der Möglichkeit, Personen unterwegs anzupingen:

Das Nationale Autotelefon (Natel) ist trotz seines stolzen Preises von rund 10’000 bis 13’000 Franken pro Stück und trotz der Tatsache, dass der Kunde die Anlage selber kaufen oder leasen muss, weiterhin ein Verkaufshit.

Nebst dem Mobiltelefon gab es auch mehrere Systeme, die man heute als Pager bezeichnen würde, die damals jedoch Ortsruf und Air-Call-System genannt wurden.

Die Inserenten waren viel schneller als die Journalistinnen

Zurück zur eigentlichen Mission: Wann tauchte das Natel bzw. das Autotelefon¹ erstmals auf?

Auffällig ist – wie in früheren Fällen –, dass nicht die Journalistinnen und Journalisten zu der Avantgarde zählten, sondern die Inserierenden. Auch das Autotelefon war ein Argument, mit dem man in Stellenanzeigen die besten Leute anlocken konnte. Zum Beispiel in der NZZ vom 9. Januar 1970, für den Posten eines «Allroundmans» mit «Amerikanerwagen mit Autotelefon» geworben wurde.

Inserat für ein Privatdetektivinstitut in Zürich. Es listet die angebotenen Dienstleistungen wie Überwachungen, Nachforschungen und Informationen auf. Kontaktinformationen sind angegeben.
Matula kann einpacken – Fred Egg besitzt eine Motorfahrzeugflotte mit Autotelefon.

Noch deutlich früher war ein Mann, bei dem ich mich augenblicklich fragte, warum er nicht schon früher entdeckt worden war – und nicht bloss von einem ambitionierten Hobbyhistoriker wie mir. Fred Egg warb am 30. August 1967 in der NZZ für sein «modernst ausgerüstetes Privatdetektivinstitut».

Das übernahm «alle Fälle von Überwachung und Nachforschungen» und verfügte über «einen grossen Motorfahrzeugpark mit Autotelefon». Nicht bloss ein Privatdetektiv, sondern ein Unternehmer im Bereich der diskreten Ermittlungen – und das im biederen Zürich der 1960er-Jahre? Wenn das keine Steilvorlage für eine Schweizer Netflix-Produktion mit Retro-Charme ist, dann heisse ich ab sofort Josef Matula: «Der Hightech-Schnüffler von der Furttalstrasse» würde sich niemand entgehen lassen!

Und wie Hightech der war! Laut Wikipedia wurde das erste Autobahntelefonnetz (Natel A) überhaupt erst 1978 aufgeschaltet. Wie konnte Fred Egg schon elf Jahre früher drahtlos telefonieren?

Die Anfänge reichen bis in die 1950er-Jahre zurück

War Egg in einem Ausmass genial, dass die Mobilfunkgeschichte neu geschrieben werden muss und Netflix einen Kassenschlager von internationalem Format auf sicher hätte? Nachforschungen ergeben, dass der Vorläufer des Natels – Autotelefondienst o. Ä. genannt – normale Funkgeräte waren, die zu einer nahegelegenen Vermittlungsstelle Verbindung aufnahmen. Dort stellte das Fräulein vom Amt die Verbindung zu einem Festnetzanschluss her, sodass tatsächlich mobile Gespräche möglich waren. Diese Methode existierte seit den 1950er-Jahren, war indes so teuer und wenig skalierbar, dass sie für die breite Bevölkerung und infolgedessen für die Medienberichterstattung nicht relevant war.

Die erste journalistische Behandlung erfolgte am 24. Juni 1971 im «Bund». Dort war das Autotelefon nur eine Randbemerkung wert. Zur Hauptsache ging es um die Entstörung von Autoradios:

Ein guter Radioempfang im Auto ist wesentlich von der Güte der verwendeten Entstörmittel abhängig. Es gibt unzählige Störquellen, die die Qualität des Empfangs beeinflussen. (…) Die elektrischen Anlagen eines Motorfahrzeuges senden während ihres Betriebes hochfrequente elektromagnetische Störwellen aus, die sowohl den Emfpang (sic!) des eigenen Radiogeräts als auch den anderen Fahrzeugen oder bei sonstigen weiter entfernten Funkgeräten beeinträchtigen oder ganz unmöglich machen.

Wir erfahren, dass «für Fahrzeuge, die ausser mit Radio zunehmend auch mit Autotelefon oder eigenem Funkgerät ausgerüstet werden (z. B. Taxis, Dienstwagen), die übliche UKW-Entstörung nicht ausreichend» ist. Kann das jemand Roger Schawinski ausrichten?

In mehreren Schritten zu öffentlicher Aufmerksamkeit

Wir lernen, dass das mobile Telefonieren über mehrere Jahrzehnte eine so nebensächliche Angelegenheit war, dass die Zeitungen sich nicht bemüssigt sahen, ihr Publikum darüber in Kenntnis zu setzen. Das änderte sich Anfang der 1970er-Jahre erst langsam. Ein kleiner Schritt zu mehr Bedeutung war die Funkausstellung 1971 in Berlin. Der «Thurgauer Zeitung» vom 27. August war er immerhin vier Zeilen wert:

Die dritte – gewiss für einen kleinen Kreis interessante – Weltpremiere liefert die Deutsche Bundespost: das Autotelefon mit Selbstwahl.

Der nächste und wichtige Schritt erfolgte am 8. Februar 1973: Damals kündete die PTT zwei Neuerungen an. Nebst dem Autoruf, bei dem eine einseitige Kommunikation zum Beispiel von der Zentrale zum Taxi möglich war, trat unser syrischer Halbesel zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit:

Eine bedeutende Weiterentwicklung stellt das projektierte gesamtschweizerische Autotelefonnetz Natel dar, das einen vollautomatischen Anschluss mobiler Funkstationen (Autotelefon) an das öffentliche Telefonnetz erlaubt. Hierbei lassen sich mit zwölf Funkkanälen und einem getrennten Rufkanal bis zu 10’000 im Lande verteilte Teilnehmer (Automobilisten) anschliessen, ohne dass lange Wartezeiten befürchtet werden müssen. Der «mobile» Telefonabonnent wird praktisch über die gleichen Möglichkeiten verfügen wie beim herkömmlichen Telefon. Es wird jedoch noch mehrere Jahre dauern, bis das gesamtschweizerische Autotelefonnetz voll ausgebaut sein wird.

Wir haben vor drei Jahren den 50. Geburtstag dieser wichtigen Erfindung verpasst. Verflixt!

Fussnoten

1) Das Wort Natel entpuppt sich als schwieriger Kandidat, da die OCR-Systeme es oft mit «Pater», «Vater» oder auch «Hotel» verwechseln. Beim Autotelefon ist diese Gefahr geringer – und da man als anständiger Journalist und gewissenhafte Journalistin Natel in einer Berichterstattung zu einer bislang nicht etablierten Technologie das Kürzel erklären würde, habe ich es mir erspart, Hunderte falsche Treffer zum Natel durchzusehen.

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