«Menschenjagd» von «Der Spiegel» ist ein wirklich schlimmer Podcast. Dieses Urteil bezieht sich auf das Thema, nicht auf den Podcast selbst. Allerdings habe ich formale Kritik an der Produktion, die der Grund für diesen Blogpost hier ist. Doch bevor ich darauf komme, will ich eines festhalten: Wir haben es mit einer hervorragenden Recherche zu tun, die eine Sache aufarbeitet, die uns alle angeht – und die Eltern unter uns besonders.

In der ersten Folge des Podcasts – der im Feed der bereits vorgestellten «Firewall»-Reihe erscheint – führt uns Spiegel-Reporter Max Hoppenstedt Heinrichs an seine Recherche heran:
Ich recherchiere seit Jahren zu Hackern, zu Cybercrime und zu sexualisierter Gewalt im Netz, also zu den dunklen Seiten des Internets. Und die wohl düsterste, die ich dabei entdeckt habe, ist die Online-Szene 764. 764, das ist ein Codename. Er wird in Chatgruppen verwendet. Das Ziel in diesen Gruppen ist es, Menschen zu erniedrigen, zu quälen, zu brechen. Die Taten passieren vor laufender Kamera. Es geht um Manipulation und Mobbing. Die Täter treiben das so weit, bis die Opfer anfangen, sich selbst zu verletzen. Und manche mobben so lange, bis die Opfer sich umbringen.
Der Mensch als Raubtier
Wikipedia nennt diese Online-Szene ein Sextortion-Netzwerk mit satanistischen, nationalsozialistischen und rechtsextremen Bezügen. Hoppenstedt Heinrichs geht zusammen mit Podcast-Moderatorin Sandra Sperber dem deutschen Ableger von 764 nach, bei dem ein Jugendlicher namens Scharia J. mutmasslich die treibende Kraft ist. Er tritt als «White Tiger»¹ auf und er ist in der Tat ein grausames Raubtier: Er sucht online in Selbsthilfeforen und ähnlichen virtuellen Treffpunkten nach verletzlichen Jugendlichen, manipuliert sie, erpresst sie mit intimen Bildern und bringt sie vor laufender Kamera dazu, sich selbst zu verletzen. Es gibt Trophäen, die «Fansigns» oder «Cutsigns» heissen. Und der höchste Erfolg in dieser bizarren Parallelwelt ist ein Suizid vor laufender Kamera.
In der ersten Folge werden wir an diese Szene herangeführt. Eine ehemalige Mitschülerin erzählt von «White Tiger»:
Sie beschreibt Shahriar als jemand, den man im Online-Slang vielleicht Edge Lord nennen würde. Also jemand, der grenzwertige Dinge tut und schreibt, einfach nur um andere zu schockieren. Shahriar erzählt ihr zum Beispiel auch, dass er Gewaltvideos guckt. Oder er sagt, dass er einmal eine Schlange gehäutet habe. Am 13. März 2021 veröffentlicht Shahriar in seiner Insta-Story ein Foto. Wir können es im Chatverlauf nicht mehr abrufen, aber Lenya sagt, dass es ein Nacktbild war von einem Mädchen. Scharia schreibt im Chat, das hat sie für mich gemacht.
Im Zentrum der zweiten Episode steht FMLK («Fuck Martin Luther King»). Hinter dem zutiefst rassistischen Kürzel steckt eine Frau aus Osteuropa, die mit 15 in diesen Zirkel geriet:
An ihr zeigt der Podcast, wie in dieser Welt Opfer- und Täterrollen verschwimmen können und wie aus Einsamkeit, Geltungsdrang und digitaler Abstumpfung eine erschreckende Grausamkeit entsteht.
Die dritte Folge dreht sich um Jay Taylor. Er ist ein 13-jähriger Junge aus den USA, der Häkeln liebte – insbesondere einen Oktopus in Regenbogenfarben, den er dann an ein Geschwister verschenkte – und den dieses «Netzwerk» in den Selbstmord treibt.
Die Abgründe auf Discord
Mich hat dieser Podcast mitgenommen, vor allem diese dritte Folge. Sie könnte einen dazu bringen, an der Menschheit zu zweifeln – denn wirklich, was sind wir für eine erbärmliche Spezies, die sich untereinander solche Dinge antut? Aber natürlich ist es mit einem maximal unspezifischen Stossseufzer nicht getan. Fragen wir uns stattdessen, wer solche Abscheulichkeiten ermöglicht oder zumindest nicht verhindert. FMLK entdeckte auf Discord Gewaltvideos und ‑bilder. Über die entsprechenden Tags gelangte sie zur 764‑Gruppe. Ich nutze Discord sporadisch und finde die Plattform nützlich – hatte allerdings keine Veranlassung, mich in die Abgründe zu begeben.
In Folge drei erfahren wir dazu schreckliche Details:
Diese Selbstverletzungs-Chats dort funktionieren nach eigenen Regeln, mit eigenen Codes und einer eigenen Sprache. Sie [die Teilnehmer] sprechen dann zum Beispiel von Sessions, wenn sie sich verabreden, um sich selbst zu verletzen. Oder sie schreiben, wie sie Kontrollen ihrer Eltern vermeiden. […]
Das sind Safe Spaces für Menschen, die in der Selbstverletzung einen Bewältigungsmechanismus gefunden haben für andere psychische Probleme. […]
Nur diese angeblichen Safe Spaces, also diese Schutzräume, Rückzugsorte, da gehen nicht nur Teenager wie Jay hin, sondern auch 764-Mitglieder. Das ist sogar einigen in den Selbstverletzungsgruppen klar. Sie haben Listen angelegt mit den Namen von gefährlichen Usern. So blockieren sie diese Mitglieder, sperren sie bewusst aus ihren Räumen aus. Sie wollen sich vor dem Grooming schützen.
Die Forderung, Discord zu verbieten oder besser zu regulieren, liegt auf der Hand. Aber wie der schreckliche Satz «Das sind Safe Spaces für Menschen, die in der Selbstverletzung einen Bewältigungsmechanismus» zeigt, greift das zu kurz. Die einfachen Antworten dürften wohl immer Scheinlösungen sein. Auch das war mit ein Grund, weswegen mir dieser Podcast eingefahren ist – vielleicht könnte eine ausgeklügelte Moderations-KI die Personen, die solche Safe Spaces unterwandern, schneller erkennen und blockieren. Aber am Ende hilft wohl nur, wenn wir alle es schaffen, dass anteilmässig weniger Menschen zu derartigen Raubtieren mutieren wie Shahriar und FMLK, und wir es schaffen, den verletzlichen Mitmenschen in den realen Räumen Hilfe anzubieten, sodass sie sich die nicht in der virtuellen Welt holen müssen.
Wobei, auch da: Im Podcast kommt Jays Vater zu Wort, der erzählt, dass sich seine Familie der Gefahren im Netz bewusst war und viel daran gesetzt hat, sie zu entschärfen.
Harter Bruch und harte Medienkritik
Damit sind wir an dem Punkt der Medienkritik. Es tut mir leid, dass ein harter Bruch unvermeidlich ist. Aber mir ging es beim Anhören genauso. Wir erfahren, wie Jay das Haus verlässt, während er anscheinend per Smartphone einen Videoanruf führt:
Knapp 18 Stunden später postet jemand im Telegram-Kanal 764-Announcements etwas. Das ist eine Art News-Channel der Szene. Der User schreibt, es habe einen Suizid gegeben. Daneben ein spöttisches Emoji. Und er setzt eine Art Unterschrift darunter. Er schreibt: White Tiger.
Probeabo für einen Euro, damit könnt ihr die fünf Folgen direkt hören. Für alle ohne Abo kommt die nächste Folge am Donnerstag in euren Podcatcher.
Lieber Spiegel, liebe Sandra Sperber, erlaubt mir, euch direkt anzusprechen. Denn ich habe eine dringende Frage: Wie wärs mit etwas mehr Pietät und Feingefühl?
Natürlich bin ich nicht so naiv, dass mir nicht klar wäre, dass der Podcast auch ein Marketinginstrument ist. Ich habe auch mitbekommen, dass es zum Journalismus gehört, Berichte über den Tod und das Leid der Menschen zu verkaufen.
Das kann eine zynische, kaltherzige Dimension annehmen, aber das muss nicht. Entscheidend ist, dass die Medien es als ihre Aufgabe ansehen, ihre journalistische Leistung zu verkaufen – und nicht das Leid selbst monetarisieren zu wollen. Diese Trennung ist euch mit diesem harten Cliffhanger gründlich misslungen. Ihr lasst eure Hörerinnen und Hörer mit der Anteilnahme über Jays Tod zurück.
Linderung für einen Euro?
Ihr deutet zwar keinesfalls an, dass die nächste Folge Linderung bringt, die man sich für einen Euro sofort verschaffen könnte. Aber das müsst ihr nicht, weil diese Podcastreihe in den Gefilden des True Crime unterwegs ist und dort, wie beim fiktiven Krimi, Geschichten häufig so erzählt werden, dass am Ende irgendeine Form der Gerechtigkeit erfolgt – oder dem Publikum hilft, das Gehörte sinnvoll einzuordnen.
Also: Dramaturgie in Ehren, aber wenn die Moral darin besteht, dass die Leute einen Euro einwerfen sollen, weil sie den Schmerz oder die Ungeduld schwer aushalten, überspannt das für meinen Geschmack den boulevardesken Bogen.
Ich schlage etwas anderes vor: Vertraut auf eure journalistische Leistung. Die ist stark genug, dass es keinen expliziten Call to action braucht. Platziert eure Verkaufsbotschaft an einer anderen Stelle, formuliert sie anders. Oder – radikale Idee! – traut eurem Publikum mehr Mündigkeit zu. Denn wenn es eure Arbeit schätzt, wird es von allein auf die Idee kommen, ein Abo abzuschliessen. Es ist klug genug, damit ihr es nicht mit der Nasenspitze draufstossen müsst.
Danke, viele Grüsse, Matthias.
Fussnoten
1) Mir ist während dieses Podcasts eine unerwartete Parallele zum Blogpost Eine Jugendbuchheldin, die Tochter und Papa beeindruckt aufgefallen. In dem stelle ich die Jugendbuchreihe «Stadt der bösen Tiere» von Gina Mayer vor. In der heisst der Bösewicht Sir Raj. Er ist ein Schneetiger, der gewisse Merkmale von Donald Trump hat. Aber im Licht dieser Recherche ist die Parallele zu «White Tiger» alias Shahriar J. auffällig. Zumal Raj in der Geschichte seine Anhänger mit dem Buchstaben «J» tätowiert, was als «Fansign» gedeutet werden kann. ↩