Computerspiele wurden in der Schweiz lange Zeit nicht ernst genommen. Die digitale Sphäre galt als Parallelwelt, die kaum einen Einfluss auf die Realität hat. Über diese These konnte ich letztes Jahr mit René Bauer diskutieren. Er ist Dozent für Gamedesign an der Zürcher Hochschule der Künste und kennt sich wie kaum ein anderer mit dem hiesigen Game-Schaffen aus. Auch die Amateur-Liga, zu der ich Ende der 1990er und anfangs 2000er Jahre zählte, ist ihm nicht fremd.
Also eine Steilvorlage für die Rubrik der Tech-Premieren. Wann haben die Schweizer Medien erstmals über das Phänomen berichtet, dass man mit diesen Rechenmaschinen nicht nur Forschung betreiben und die Wirtschaft ankurbeln, sondern auch Lichtpunkte jagen, Raumschiffe steuern und virtuelle Tischtennisbälle schmettern konnte? Denn bei den ersten Computerspielen, zu denen Tennis for Two von 1958, Spacewar! von 1962 und Pong von 1972 zählten, waren schnelle Reaktion und Fingerspitzengefühl gefragt.
1) Das «Computerspiel» als didaktisch-analytisches Instrument
Die NZZ scheint das Vorurteil zu widerlegen. Sie erwähnt das Stichwort am 6. Oktober 1964 in einem sehr ausführlichen Gastbeitrag. In den 1960er Jahren steckte die Entwicklung noch in den Kinderschuhen und war für die Berichterstattung kein Muss. Doch in diesem Text wird das Computerspiel nicht im heutigen Sinn verwendet, sondern bezeichnet ein didaktisch-analytisches Instrument. Es geht um Simulationen in Unternehmen, die für Entscheidungen herangezogen werden sollen und unter anderem per Computer durchgeführt werden.
Das ist eine Bestätigung unserer These: Damals existierten Computerspiele¹ im heutigen Sinn bereits. Doch das Wort hatte sich nicht als Bezeichnung für diese Softwaregattung etabliert, bei der in spielerischer Weise mit dem Computer interagiert wird. Es war in der breiten Öffentlichkeit nicht spezifisch besetzt und wurde von den Journalistinnen und Journalisten nach Belieben benutzt und gemäss ihren Bedürfnissen ausgelegt.
Dafür kann ich vier weitere Belege anführen.
2) Das «Computerspiel» als Simulation
Am 16. Mai 1970 verwendete die «Thurgauer Zeitung» den Begriff in einem Artikel, in dem es um die Beschaffung von Flugzeugen durch die Schweizer Luftwaffe ging – ein Thema, das manchen von uns bekannt vorkommen dürfte. Der Autor sprach sich für den Saab 105 XT aus:
Gleichwohl trieb man das Computerspiel weiter, während diese Kardinalfrage zu immer pointierteren Meinungsverschiedenheiten bis hinauf in die oberste Militärspitze führte.
Pointiert ist das falsche Wort. Dezidiert vielleicht?
Und Computerspiel ist auch das falsche Wort. Die Rede ist von einer rechnergestützten Berechnung oder Simulation. Vermutlich wurde bei der Evaluation ein Datenmodell eingesetzt.
3) Das «Computerspiel» als Fussball-Prognose
Nur zehn Tage später erschien das Wort wieder in der Zeitung. Am 26. Mai 1970 schrieb der «Walliser Bote»:
Im mexikanischen Computerspiel sind die Gruppenspiele der Fussballweltmeisterschaft abgeschlossen worden. Nach den Berechnungen des Computers erreichen die Sowjetunion (5 Punkte) …
Bei der Fussball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko versuchten Experten, auf Grossrechnern anhand von Statistiken und historischen Daten den Turnierverlauf vorauszuberechnen. «The Guardian» beschreibt die Details:
Der Sportkolumnist des «Observer», David Hunn, hatte tatsächlich die relevanten Daten aller 16 Mannschaften in den Computer Elliott 803 eingegeben, um mithilfe einiger «mathematischer Wunderkinder» am Dulwich College seinen computergenerierten Rennbericht zu erstellen. Sie hatten bereits Erfolge vorzuweisen – sie hatten den Sieger des Grand National von 1969 richtig getippt.
Begrifflich wurden computergenerierte Prognosen von Fussballspielen zum mexikanischen Computerspiel verdichtet. Ich glaube nicht, dass sich das der Leserschaft auch nur ansatzweise erschlossen hat.
4) Das «Computerspiel» als Messe-Attraktion
«Die Tat» berichtete am 15. Mai 1971 über die Schweizer Informations- und Verkaufsmesse für junge Leute, Hitfair:
Selbstverständlich hatte die Migros den Wunsch, diese Ausstellung um einige Attraktionen zu bereichern. «Das grosse Computerspiel» am Migros-Stand ist eine tolle Gelegenheit, über eine ständige Telefonleitung mit einer der modernsten und grössten Computeranlagen in der Schweiz, der Datenverarbeitungszentrale der Migros in Zürich, zu korrespondieren. Dieses Spiel kann vielleicht für clevere junge Leute der erste Schritt in eine begeisternde berufliche Zukunft sein.
Es kann sein, dass in der Ausstellung der Migros tatsächlich ein Game abgehalten wurde. Mein Eindruck ist demgegenüber, dass die Jugendlichen den Umgang mit klassischen Anwendungen auf spielerische Weise ausprobieren konnten.
5) Das «Computerspiel» als Beratungs- und Lernsystem
Fünf Jahre später, am 18. Januar 1976, begegnen wir einer weiteren solchen Ad-hoc-Definition. Der «Bund» berichtete am 18. Januar 1976 über eine Software, die wir heute als interaktives Beratungs- und Lernsystem bezeichnen würden:
In einer englischen Gesamtschule experimentiert man seit einiger Zeit mit einem vielversprechenden Computerspiel unter dem Namen ICG (Interactive Carreers Guidance) das Schülern zwischen 15 und 18 Jahren die Berufswahl erleichtern helfen soll. Der Computer hat dabei nicht nur eine beratende Funktion, sondern trainiert die Schüler gleichzeitig in der Benutzung und Auswertung computerisierter Informationen. Äusserlich besteht das Spielgerät aus Tastatur und Bildschirm. Ein eingebauter Computer enthält programmierte Details über rund 300 Berufe: Anforderungen, nötige Charaktereigenschaften und Talente, Pflichten, Lohnskala, Aufstiegsmöglichkeiten u. a. m.
6) Das «Computerspiel» als Computerspiel
Zum ersten Mal im heutigen Sinn erscheint das Computerspiel am 11. November 1978 im «Bieler Tagblatt» und im «Thuner Tagblatt». In einer Fernsehkritik verriss der Autor, Peter A. Kaufmann, das Samstagabendquiz Allein gegen alle und führte am Ende einige gelungene Beispiele an:
Und so ganz nebenbei wirds auch im «Karussell» richtig gemacht, wo jedesmal ein neues «Computerspiel» programmiert ist.
Wie dieses Computerspiel aussah, können wir uns dank des SRF-Archivs selbst ansehen:
Gratulation an Marc Zwahlen zum Sieg und SRF zur Vorreiterrolle in dieser Angelegenheit: Denn ohne die legendäre Vorabendsendung Karussell würden die Zeitungsjournalisten hierzulande dieses Wort wohl noch immer als Verlegenheitslösung betrachten, wenn ihnen im Bereich digitaler Anwendungen die treffenden Bezeichnungen fehlen oder sie sich nicht die Mühe machen wollen, den Leserinnen und Lesern die Hintergründe verständlich zu erklären.
Und ja, das ist peinlich.
Fussnoten
1) Übrigens: Zum Begriff «Videogame» gab es den ersten Artikel am 6. November 1982 in «La liberté» zu elektronischen Flipperkästen. ↩