Wie viel True Crime verträgt der Mensch? Seit Serial zogen zwölf Jahre ins Land. Trotzdem sind die wahren Verbrechen weiterhin das bevorzugte Genre der Podcast-Hörerinnen und -Hörer. Sie haben einen Anteil von 19 Prozent in Deutschland (2025) und sogar 24 Prozent global bei Spotify und Apple (2024).
Was mich angeht, verspüre ich Ermüdungserscheinungen. Dennoch konnte ich neulich nicht widerstehen, als ich die Produktion mit dem bezaubernden Namen Kaff Crimes entdeckte. Sie verspricht «absurde Verbrechen aus der Provinz» und ist offiziell ausschliesslich über die ARD-Mediathek zu hören. Es gibt passende Apps (iPhone/Android), dennoch würden Puristen (wie ich) herausstreichen, dass man es nicht Podcast nennen sollte, wenn es keinen RSS-Feed hat. Allerdings ist das hier ein Grenzfall, weil es inoffiziell dennoch die Möglichkeit gibt¹, an einen RSS-Feed heranzukommen. Und das ist der Feed.

Zurück zum Inhalt: Die Folge Ein Dorf hält dicht klingt vielversprechend. In einem Dorf in der Eifel bringt einer im Januar 2012 seinen Kumpel um. Der Täter ist nicht das, was man einen Meister der Vertuschung nennen würde. Im Gegenteil: Aus nichtigen Gründen weiht Jörg diverse Leute mit unterschiedlichen Tarngeschichten ein.
«Der gute alte Jörg hat etwas zu entsorgen»
Und ja, natürlich, das ist eine Steilvorlage für Spott. Diese Perspektive ist bereits im Titel angelegt. Denn im Kaff sind die Dorftrottel nicht weit – und Jörg passt zur Beschreibung. Das klingt beispielsweise so:
An der Strippe ist sein alter Bekannter, der gute alte Jörg. Und er hat was zu entsorgen und kann sich das gerade nicht so leisten.
Jörg ruft gerade Florian an: Letzterer arbeitet auf der Mülldeponie und sollte etwas für ihn entsorgen. Es ist das Bein einer Leiche, die notdürftig in Planen und Decken eingeschlagen ist. Jörg beschliesst, die Polizei anzurufen – als einziger von mehreren Bewohnern, die von der Tat Wind bekommen haben. Eine der Moderatorinnen fragt:
Jörgs Vater ruft auch nicht die Polizei. Oder versucht, seinen Sohn dazu zu überreden, die Polizei zu rufen. – Warum macht das niemand? Geht sie nicht dran? Oder hat sie eine komplizierte andere Nummer als der Rest der Bundesrepublik? Warum kommt da niemand drauf?
Auch sonst ist die Wortwahl salopp bis schnodderig. Die Beziehung zwischen Täter Jörg und Opfer Marc wird als «Bromance» bezeichnet, die in einem Streit über Geld damit endet, dass ersterer letzteren mit zwei Schüssen aus einem Jagdgewehr hinrichtet.
Es gibt Versuche der Differenzierung. Zwei Beispiele, erstens hier zur Dorfgemeinschaft:
Aber ich habe während der Recherche und dieser Story viel über Dorfdynamiken nachgedacht. In einem 1000-Seelen-Dorf kennt man sich, kennt jeder jeden. Bisher sind nur Leute Mitwisser, die Jörg schon fast ihr ganzes Leben, also 45 Jahre lang, kennen. – Der Druck ist wahrscheinlich höher. Zusammenzuhalten und nichts zu sagen.
Dieser Ansatz bleibt beim «Othering» stecken: Die Leute auf dem Land lassen sich durch sozialen Druck davon abhalten, das Richtige zu tun. Heisst das umgekehrt, dass die Vereinsamung in den Städten die Zivilisation befördert? Doch wohl nicht.
Ein echter Konflikt, auf absurde Weise gelöst
Ein zweiter Ansatz betrifft Jörg. Die Moderatorinnen halten fest, er sei von den Nachbarn als «hilfsbereiter, lieber Kerl» beschrieben worden, und sie stellen das nicht infrage. Die Tat schreiben sie nicht dörflicher Rückständigkeit zu:
Die Tat ist dann und bleibt natürlich komplett absurd. Es hätte natürlich andere Wege gegeben, um diesem Konflikt, dieser Abhängigkeit und den Geldsorgen zu entkommen. Jörg hätte sich Hilfe suchen können bei seiner Familie, bei Freunden, bei Therapeuten, bei der Polizei. – Einen der drei Millionen Briefe abschicken vielleicht?
Jörg hat mehrere Briefe geschrieben, an seine Schwester und die Staatsanwaltschaft, die aber nicht abgeschickt.
Fazit: Dieser Podcast hätte enorm profitiert, wenn eine Journalistin oder ein Journalist mit dem gleichen Willen zur Aufklärung recherchiert hätte, wie man ihn bei «Die Zeit – Verbrechen» hört. So ist er unter dem Strich vor allem ein warnendes Beispiel für die Risiken des Genres. Es gibt erzählerisch – oder neudeutsch ausgedrückt, bei den «Storytelling-Möglichkeiten» – eine riesige Bandbreite. Denn die menschlichen Abgründe haben von sich aus einen hohen Unterhaltungswert. Um die auszureizen, bedient man voyeuristische Instinkte, schlägt einen boulevardesken Ton an oder veranstaltet ein «Böser Mensch wird vom Schicksal eingeholt»-Spektakel.
Die beiden Podcasterinnen Katjana Gerz und Anna Dushime inszenieren ihre Berichte als lockere Freundinnenrunde. Das gibt ihnen einen Charakter, der sich am besten mit dem Anglizismus gossippy bezeichnen lässt: eine Plauderei, bei der man sich über die menschlichen Abgründe gruselt, aber nebenher locker Chips oder Schokopocorn nascht.
Die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet
Ich bin mir übrigens bewusst, dass ich mich weit ausserhalb der anvisierten Zielgruppe bewege. Aber vielleicht fände auch die Zielgruppe Gefallen daran, wenn die Nonchalance der Erzählerinnen durch Ernsthaftigkeit und tiefes Interesse für die Human Condition kontrastiert würde. Meinetwegen, in dem Expertinnen zu Wort kommen.
Oder, indem sie sich mehr ums Opfer gekümmert hätten: Marc. Er ist jenisch, und der stärkste Moment im Podcast ist der, in dem dieser Aspekt zur Sprache kommt:
Mich macht vor allem der Part mit der Polizei gegenüber Marcs Familie … das ist so blanker Hohn. Und ich glaube, als selbst von Rassismus betroffene Person, wenn wir davon ausgehen, dass Rassismus eine Rolle gespielt hat, ist es halt immer die Vermutung, die man hat, dass man eh anders behandelt wird. Und das dann zu hören und zu sehen, gerade bei so einem schwerwiegenden Fall. Es geht um Mord, es geht um eine vermisste Person. Und dass man dann der Familie einen Platzverweis erteilt, aufgrund von jahrzehnte-, jahrhundertealten Ressentiments und nicht seiner Arbeit nachgeht, macht mich fertig.
Trotz des Engagements von Anna Dushime kommt Marcs ethnischer Hintergrund nur zur Sprache, um das Versagen der Polizei bei den Ermittlungen zu erklären. Ansonsten erfahren wir nichts über diesen Mann. Und so bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet. Nämlich, ob diese Leute auf dem Land vielen Städtern in Sachen Toleranz noch etwas beibringen könnten. Denn Marcs ethnische Herkunft als Jenischer stand der Bromance mit Jörg in keiner Weise im Weg …
Fussnoten
1) Auf thmsnhl.de findet sich ein Feedgenerator, der RSS-Code generiert, der sich in der App abonnieren lässt. Details zu diesem kleinen, unabhängigen und nützlichen Projekt lest ihr hier. ↩