Schale mit fermentierten Sojabohnen, die mit Stäbchen gehalten werden. Bohnen ziehen Fäden. Rustikaler Holztisch im Hintergrund.
Nicht so schlimm, wie vieles, was uns hier sonst noch zugemutet wird – aber wirklich appetitlich sieht das auch nicht aus (K. K., Unsplash-Lizenz).

Je grässlicher die Kocherei, je lustiger das React-Video

Ist es eine Suppe, ein Auf­lauf oder ein Ein­topf? Und muss das Label vom Deckel der Ver­packung tat­säch­lich mit­ge­kocht werden? Ein Aus­flug in die so­zial­me­dia­len Ku­li­na­rik-Ab­gründe.

Dieser Blogpost gehört in die Kategorie «Boomer versteht die moderne Welt nicht mehr». Und das, obwohl ich kein Boomer bin, sondern zur Generation X gehöre. Die wohlwollende Erklärung wäre, dass der Moment gekommen ist, an dem meine Alterskohorte in die Überforderung rutscht.

Die weniger wohlwollende Interpretation besagt, dass ich so begriffsstutzig wie ein Holzklotz bin, sobald es um mediale Trends jeglicher Art geht. Bei näherer Betrachtung bleibt leider nur diese Deutung übrig: Wikipedia legt dar, dass es das fragliche Phänomen seit den 1970er-Jahren gibt. Es wurde nicht von den Jungen von heute erfunden, sondern von meiner Generation. Allerdings in Japan, wodurch ich doch wieder fein raus bin.

Leuten beim Zusehen zusehen

Also, React-Videos: Wir sehen jemandem zu, der seinerseits ein Video sieht oder meinetwegen einen Song zum ersten Mal hört oder sonst auf irgendetwas reagiert. Theoretisch verstehe ich die Faszination: Wir erleben einen Moment gewissermassen durch fremde Augen. Das ist im Kern eine sympathische Sache: Es lehrt uns Empathie und ist ein gemeinsamer Moment, wenngleich medial vermittelt.

Theoretisch einleuchtend, praktisch indessen langweilig – wie ich bisher fand. Dann begegnete ich @chefreactions. Den gibt es nicht nur auf Threads, sondern auch auf Youtube, Instagram und Tiktok. Es handelt sich um einen missgelaunten Miesepeter (okay, Pleonasmus), der sich Kochkünste anderer Leute anschaut und seine Abscheu in trocken-despektierliche Kommentarfetzen kleidet: «Das sieht aus wie Durchfall». Oder: «Mach das einfach nie wieder.»

Ist das überhaupt okay?

Damit sind wir bei einem moralischen Dilemma: Ist es okay, dass es Leute gibt, die eine Karriere darauf aufbauen, andere Leute herunterzuputzen? Die naheliegende Antwort lautet: Ja, das ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Existenzberechtigung des Feuilletons, in dem Leute die Bücher, musikalischen Werke sowie Bilder und andere Kunstwerke verreissen – typischerweise auf eine trocken-despektierliche, wenngleich nicht wortkarge Weise.

Die Boomer unter uns werden es verstehen, wenn der Blogpost an dieser Stelle durch einen Gedenkmoment an Marcel Reich-Ranicki unterbrochen wird. Stille, bitte!

Vielen Dank! Zurück zum Blogpost: Manche Leute verdienen es nicht besser, als verrissen zu werden. Im vorliegenden Fall sind es diejenigen Personen, die eine simplizistische oder gar pervertierte Vorstellung davon haben, wie die Essenszubereitung abzulaufen hat. Es gibt einige Videos von Leuten, die nichts anderes tun, als Fertiggerichte in einen Topf oder eine Ofenform zu kippen, die – mit Glück – mit einem Kochlöffel zu vermengen oder mit einem Stampfer zu traktieren, und schliesslich als uniforme Masse in den Ofen zu schieben oder auf den Grill zu stellen.

Ein Mann mit Brille und Mütze neben einem Grill, auf dem Toastscheiben, Butter und grosse Blöcke von weisser und dunkler Masse erhitzt werden. Eine Hand greift nach dem Grill.
Das sieht schlimm aus und wird noch viel schlimmer.
Links ist ein Mann mit Brille und Mütze zu sehen. Rechts stehen drei ungeöffnete Dosen auf dem Kopf in einer Metallwanne. Im Hintergrund trägt eine Person eine Schürze mit Sonnenblumenmotiv.
Das fängt schon höchst fragwürdig an.
Eine Person mit Brille und Mütze links. Rechts Hände, die mit einer Schere Zutaten wie Gemüse und Würstchen in eine Schale schneiden. Eine Dose Baked Beans ist sichtbar.
Ein Kleber mit in der Ofenform? Wen juckts?
Links sieht man eine Person mit Brille und Mütze. Rechts hält eine Person eine Aluschale mit ungekochter Pasta und zwei Dosen Tomatensauce in den Händen.
Alle Raviolisorten, die es im Angebot gab.
Links ist das Gesicht eines Mannes mit Brille und Mütze zu sehen. Rechts bereitet eine Person ein Gericht in einem Kocher zu, mit Gemüse und einer Scheibe Käse obendrauf.
Der Käseklotz darf nicht fehlen.

Einige Beispiele:

  • Hier sieht man das für ein Gericht, das wohl irgendwie irisch sein soll, das aber seltsamerweise Swiss Cheese enthält und am Schluss so wässrig im Schnellkochtopf schwabbelt, dass wir nicht wissen, ob das eine Suppe, ein Auflauf oder ein Eintopf sein soll.
  • Hier wird, warum auch immer, Glacé auf den Grill gekippt, mit Toastbrot und Zimt angereichert, mit Zucker und Ahornsirup übergossen und als verkohlte Kalorienbomben-Toasts serviert.
  • Bei dem Gericht bin ich mir nicht sicher, ob die Hauptzutat nicht Hundefutter ist.
  • Dieser Köchin ist von einer Verpackung eines Fertiggerichts ein Label in ihre Ofenform gefallen, ohne dass sie das gemerkt hätte.
  • Und wie hier verschiedene Ravioli-Varianten zusammengekippt und mit anderen Zutaten zu einem abscheulichen Crossover durch sämtliche Fast-Food-Varianten italienischer Gerichte vermengt werden, müsste Giorgia Meloni eigentlich zu einer Kriegserklärung an Amerika veranlassen.

Und nein, diese Videos hätte ich allein – d.h. ohne die Kommentare von @chefreactions nicht durchgestanden. Abschliessend sei gesagt, dass es nicht immer nur ekliges Zeug zu sehen gibt. Das hier würde ich tatsächlich essen …

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