Dieser Blogpost gehört in die Kategorie «Boomer versteht die moderne Welt nicht mehr». Und das, obwohl ich kein Boomer bin, sondern zur Generation X gehöre. Die wohlwollende Erklärung wäre, dass der Moment gekommen ist, an dem meine Alterskohorte in die Überforderung rutscht.
Die weniger wohlwollende Interpretation besagt, dass ich so begriffsstutzig wie ein Holzklotz bin, sobald es um mediale Trends jeglicher Art geht. Bei näherer Betrachtung bleibt leider nur diese Deutung übrig: Wikipedia legt dar, dass es das fragliche Phänomen seit den 1970er-Jahren gibt. Es wurde nicht von den Jungen von heute erfunden, sondern von meiner Generation. Allerdings in Japan, wodurch ich doch wieder fein raus bin.
Leuten beim Zusehen zusehen
Also, React-Videos: Wir sehen jemandem zu, der seinerseits ein Video sieht oder meinetwegen einen Song zum ersten Mal hört oder sonst auf irgendetwas reagiert. Theoretisch verstehe ich die Faszination: Wir erleben einen Moment gewissermassen durch fremde Augen. Das ist im Kern eine sympathische Sache: Es lehrt uns Empathie und ist ein gemeinsamer Moment, wenngleich medial vermittelt.
Theoretisch einleuchtend, praktisch indessen langweilig – wie ich bisher fand. Dann begegnete ich @chefreactions. Den gibt es nicht nur auf Threads, sondern auch auf Youtube, Instagram und Tiktok. Es handelt sich um einen missgelaunten Miesepeter (okay, Pleonasmus), der sich Kochkünste anderer Leute anschaut und seine Abscheu in trocken-despektierliche Kommentarfetzen kleidet: «Das sieht aus wie Durchfall». Oder: «Mach das einfach nie wieder.»
Ist das überhaupt okay?
Damit sind wir bei einem moralischen Dilemma: Ist es okay, dass es Leute gibt, die eine Karriere darauf aufbauen, andere Leute herunterzuputzen? Die naheliegende Antwort lautet: Ja, das ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts die Existenzberechtigung des Feuilletons, in dem Leute die Bücher, musikalischen Werke sowie Bilder und andere Kunstwerke verreissen – typischerweise auf eine trocken-despektierliche, wenngleich nicht wortkarge Weise.
Die Boomer unter uns werden es verstehen, wenn der Blogpost an dieser Stelle durch einen Gedenkmoment an Marcel Reich-Ranicki unterbrochen wird. Stille, bitte!
Vielen Dank! Zurück zum Blogpost: Manche Leute verdienen es nicht besser, als verrissen zu werden. Im vorliegenden Fall sind es diejenigen Personen, die eine simplizistische oder gar pervertierte Vorstellung davon haben, wie die Essenszubereitung abzulaufen hat. Es gibt einige Videos von Leuten, die nichts anderes tun, als Fertiggerichte in einen Topf oder eine Ofenform zu kippen, die – mit Glück – mit einem Kochlöffel zu vermengen oder mit einem Stampfer zu traktieren, und schliesslich als uniforme Masse in den Ofen zu schieben oder auf den Grill zu stellen.





Einige Beispiele:
- Hier sieht man das für ein Gericht, das wohl irgendwie irisch sein soll, das aber seltsamerweise Swiss Cheese enthält und am Schluss so wässrig im Schnellkochtopf schwabbelt, dass wir nicht wissen, ob das eine Suppe, ein Auflauf oder ein Eintopf sein soll.
- Hier wird, warum auch immer, Glacé auf den Grill gekippt, mit Toastbrot und Zimt angereichert, mit Zucker und Ahornsirup übergossen und als verkohlte Kalorienbomben-Toasts serviert.
- Bei dem Gericht bin ich mir nicht sicher, ob die Hauptzutat nicht Hundefutter ist.
- Dieser Köchin ist von einer Verpackung eines Fertiggerichts ein Label in ihre Ofenform gefallen, ohne dass sie das gemerkt hätte.
- Und wie hier verschiedene Ravioli-Varianten zusammengekippt und mit anderen Zutaten zu einem abscheulichen Crossover durch sämtliche Fast-Food-Varianten italienischer Gerichte vermengt werden, müsste Giorgia Meloni eigentlich zu einer Kriegserklärung an Amerika veranlassen.
Und nein, diese Videos hätte ich allein – d.h. ohne die Kommentare von @chefreactions nicht durchgestanden. Abschliessend sei gesagt, dass es nicht immer nur ekliges Zeug zu sehen gibt. Das hier würde ich tatsächlich essen …