Buchtipps und Buchschelte

Ich nehme mir mal wieder vor, kurz zu schreiben. Heute drei Besprechungen von zwei Fachbüchern und einem Thriller – einmal Lob und zwei Verrisse.

Ein bisschen Schadenfreude war beim Lesen schon mit dabei.

Tausend Zeilen Lüge von Juan Moreno. Dieses Buch zum, wie es in der Unterzeile heisst, «System Relotius und dem deutschen Journalismus», ist für Leute wie mich Pflichtlektüre. Aber man kann das Buch auch sehr gut als Nichtjournalist lesen. Moreno rollt nicht nur die Betrugsfälle von Claas Relotius auf, sondern gibt auch eine Analyse ab, wie es dazu kommen konnte.

Diese Analyse überzeugt, wie ich finde. Ich kenne die Spiegel-Redaktion zwar nicht von innen, aber es dieses fehlgeleitete Verständnis von Journalismus auch anderswo. Bei dem steht, vereinfacht gesagt, die Form vor dem Inhalt. Es fängt schon damit an, dass man einen journalistischen Beitrag «Geschichte» oder «Story» nennt. Und es hört damit auf, dass diese «Geschichte» möglichst rund sein sollte, Dramaturgie und eine Pointe haben muss und die womöglich nicht sonderlich erfrischenden Sachverhalte in literarische Höhen heben soll. In dem Kontext war Relotius mit seiner Form von «Storytelling» einfach nur konsequent.

Ich gebe zu, dass ich mich bei der Lektüre zwischendurch einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren konnte. Denn Leute wie ich, die (nicht nur, aber oft) Service-Stücke schreiben, gewinnen typischerweise keine Journalistenpreise. Einfach nur nützliche Informationen zu vermitteln, ist zu wenig prestigeträchtig – selbst wenn man es präzise, leicht verständlich, unterhaltsam und originell tut und den Leserinnen für ihren Alltag mehr Hilfestellung bietet, als es zehn schöngeistige Reportagen vom anderen Ende der Welt jemals tun würden.

Und übrigens: Solche Service-Artikel werden von jeder Leserin und jedem Leser einzeln verifiziert: Indem er oder sie nämlich selbst ausprobiert, ob das Beschriebene auch tatsächlich umsetzbar ist und funktioniert.

Äh, aber das tut nun nichts zur Sache – es zeigt nur, dass wir Journalisten entweder einen gesunden Berufsstolz haben oder allesamt ein fürchterlich eitler Haufen sind. Jedenfalls ein aufschlussreiches Buch, das sich spannend liest – dem Spiegel sei dank, der sich der Aufklärung anfänglich mit Händen und Füssen widersetzt hat.

Jemanden anstellen, der für einen denkt?

Wer bin ich und wenn ja wie viele? von Richard David Precht. Dieses Buch ist nun nicht das, was man einen Geheimtipp nennen würde. Im Gegenteil: Es gibt wohl niemanden im deutschen Sprachraum, der das Buch nicht gelesen oder zumindest ungelesen im Bücherregal stehen hat. Aber seit ich Precht vor längerer Zeit im Radio gehört hatte, war mein Vorsatz, mir einmal eines seiner Werke zu Gemüte zu führen. Also warum nicht das hier, wo ich doch tatsächlich selbst einmal ein Semester lang an der philosophische Fakultät der Uni Zürich verkehrte?

Ich muss vielleicht noch einmal darüber schlafen, um mir klar zu werden, ob ich es so schlecht finde, wie mein Bauch mir weismachen will. An der Idee und der Absicht ist natürlich nichts verkehrt: Precht liefert uns eine Einführung in die Philosophie, die man ohne grössere Qual rezipiert. Inhaltlich hätte man Nietzsche vielleicht nicht so weit vorn bringen müssen und auch sonst ein paar Schwerpunkte anders setzen können.

Aber geschenkt. Probleme habe ich weniger mit dem Inhalt als vielmehr mit dem Ton. Precht schreibt zwar locker und leicht lesbar. Aber der Autor, den ich zwischen den Zeilen durchhöre, ist mir zu eitel und zusehr auf Effekt gebürstet.

Das hat mich vor allem am Anfang gestört. Bei den Kapiteln weiter hinten im Buch wird es besser. Doch auch dann stolpert man gelegentlich über Absätze – wie zum Beispiel bei der Abhandlung über Spock, wo Precht leider frappante Wissenslücken über die vulkanische Kultur und die per Meditation unterdrückten Gefühle, sowie Spocks familiäre Besonderheit, eine irdische Mutter zu haben. Da hätte man besser recherchieren müssen.

Die «Süddeutsche Zeitung» hat das (Zitat von hier) hat zur «Gestik des Buches» diese Einschätzung vorgenommen:

Der Fall mag noch so vertrackt liegen, nach rund zehn Seiten ist jeweils nicht nur Schluss, sondern auch manch allzu verdächtig apodiktisches Urteil gefällt: bei Rawls gibt es dann einiges «zu verbessern», Kant ist hoffnungslos «veraltet». Es eine perfide Illusion, die so verkauft wird: Dass nämlich das Denken etwas ist, das man jemanden für 14,95 Euro für sich erledigen lassen kann.

Ironischerweise ist Precht dann am besten, wenn er spottet. Hier zum Beispiel über Jean-Paul Sartre:

Der Gedanke faszinierte nicht nur meine Freundin Rosalie. Er inspirierte eine ganze Generation von Nachkriegsintellektuellen dazu, ein Leben als «Entwurf» zu führen. Wobei sich diese hoch individuell gemeinten Entwürfe oft erstaunlich glichen: schwarz gekleidet und melancholisch wandelt der Existentialist zwischen Jazz-Keller, Universität, Kino und Café hin und her – unverwechselbar in seiner modischen Konformität.

Das liest sich amüsant. Aber man könnte hier indes kritisieren, dass ein Einführungsbuch sich der Neutralität verschreiben sollte und dessen Autor seine Meinung zurücknehmen müsste.

Der Schnee hätte gern noch etwas tiefer sein dürfen.

The Deep, Deep Snow von Brian Freeman. Der Autor hat schon fast zwei Dutzend Bücher auf dem Buckel, ohne dass er mir bisher aufgefallen wäre. Wikipedia nennt ihn einen «psychological suspense author», und das trifft die Machart des Buches einigermassen.

Die Geschichte handelt von einer jungen Polizistin namens Shelby Lake, die in einem abgelegenen Kaff in den USA ihren Dienst verrichtet. Sie und ihre Kollegen müssen das Verschwinden des elfjährigen Jeremiah Sloan aufklären. Die Polizistin erzählt aus der Ich-Perspektive – und sie beginnt ihre Geschichte ganz am Anfang ihres Lebens. Damals wurde sie nämlich als kleines Kind ausgesetzt wurde. Sie hat überlebt, weil ihr Vater von einer Eule von seiner Tour vom Shelby Lake, den es in Kentucky tatsächlich gibt zurückgerufen wurde und sie auf seiner Türschwelle aufgefunden hat.

Nun erwartet man natürlich, dass man es mit zwei Handlungssträngen zu tun bekommt: Der Suche nach dem verschwundenen Jungen und der Erforschung von Shelbys Herkunft – und besonders spannend wäre, wenn die beiden Stränge am Ende zusammenlaufen würden. Aber dem ist leider nicht so. Auch aus dem übersinnlichen Aspekt – die Eule, die den Polizisten alarmiert – holt der Autor nichts heraus. Dabei birgt der das Potenzial für tolle Konflikte, wenn der rationale Verstand eines Polizisten auf  abergläubischen Impulse treffen.

So bleibt der Eindruck eines am Reissbrett entworfenen und nicht sehr inspiriert heruntergeschriebenen Werks. Trotzdem ist Brian Freeman anscheinend Routinier genug, dass man trotzdem nicht das Gefühl hat, seine Zeit komplett vertrödelt zu haben.

Beitragsbild: Sincerely Media/Unsplash, Unsplash-Lizenz

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzeugungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonzernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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